Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

STUTTGART: COSÌ FAN TUTTE – getrennt und doch harmonisch

13.11.2015 | Oper

Stuttgart: „COSI FAN TUTTE“ 13.11.2015  – Getrennt und doch harmonisch

36926_cosi_wa_15_15
Spiel oder Ernst? – Sophie Marilley als Dorabella und Sebastian Kohlhepp als Ferrando. Foto: A.T.Schaefer

Der Inszenierungsansatz eines von vornherein alle Beteiligten einweihenden und dann seinem Lauf überlassenen Experiments hat bei näherer Betrachtung durchaus eine Berechtigung, zumal das Nichterkennen der verkleideten Geliebten durch die Frauen schon seit langem mit einem Fragezeichen hinter der Glaubwürdigkeit behaftet ist. Deshalb genügt in Yannis Houvardas Stuttgarter Inszenierung, die im Mai ihre Premiere feierte, auch eine lediglich geringfügige optische Veränderung, wenn Guglielmo und Ferrando während ihrer angeblichen Pflichtübung als Soldaten in der Gestalt von fremdländischen Liebesanwärtern wiederkehren. Letztlich ist es eine Frage der Ingangsetzung und Entwicklung des Spiels, ob es über die Dauer von drei Stunden ohne Spannungs- und Qualitätsverluste trägt. Da tat der griechische Regisseur fast etwas des Guten zuviel, indem er alle sechs Personen bis auf wenige Momente ständig auf der Bühne anwesend sein und entweder ein paralleles oder reagierendes Spiel treiben lässt. Herbert Murauers zweistöckiges, durch eine hinten sichtbare Wendeltreppe miteinander verbundenes Bühnenbild mit jeweils mehreren kleinen Wohnräumen bietet für ein solches Vexierspiel mit der Liebe und dem Eros allerdings auch die besten Voraussetzungen, nur die auch in den Kostümen von Anja Rabes unverkennbar fixierte Zeit der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts leuchtet auch hinsichtlich einer leichten Schäbigkeit bei wiederholtem Sehen nicht für ein so klassisch zeitloses Thema ein. Da könnten optisch ganz andere Reize drin sein, das bloße Herunterlassen von Hosen ist ein mittlerweile zu oft bemühtes Mittel der Hilflosigkeit im Demonstrieren gewisser menschlicher Triebe. Im Großen und Ganzen hat Houvardas das Spiel mit unerwarteten, unterdrückten und dann los gelassenen Gefühlen, den beständigen Wechsel zwischen Lust und Angst, zwischen Offenheit und Zurückhaltung als jene immer wieder ins Tragische und zurück kippende Komödie entfaltet, wie sie auch Mozarts geistreicher Musik zu eigen ist. Eine so minutiös und detailbestimmt angerichtete Inszenierung macht es unmöglich, erkrankte Sänger aus dem Stand heraus zu ersetzen. Und so war an diesem Abend durch die noch nicht ausgestandene Erkältung von Mandy Fredrich wieder einmal die Aufspaltung in Szene und Gesang erforderlich. Die Positionierung der Einspringerin Juanita Lascarro von der Oper Frankfurt im hochgefahrenen Orchestergraben anstatt am meist praktizierten Bühnenrand erwies sich dabei als so harmonisch und raumfüllend, dass die Einheit der Partie der Fiordiligi wirklich nur minimal beeinträchtigt wurde. Zudem mischte sich der dunkle, anfangs noch etwas unebene, dann aber immer freier und runder im Verbinden der großen Registerwechsel zwischen den Polen einer gehaltvollen Tiefe und einer kernigen Höhe werdende Sopran der Kolumbianerin ideal mit dem ebenfalls dunklen Timbre des Mezzosoprans von Sophie Marilley. Die gertenschlanke Französin riskiert als temperamentvoll schäumende oder lustvolle Dorabella zugunsten farblicher Ausdrucks-Varianten manchmal auch herbere Töne, die nicht unbedingt Mozart’scher Klangschönheit entsprechen.

Außer ihr waren auch die beiden Liebhaber neu und als Typen reizvoll kontrastreich besetzt. Sebastian Kohlhepp als Ferrando ist generell ein wertvoller Zugewinn für das Ensemble und als lyrisch gehaltvoller Tenor eine Freude für Mozarts kultivierten Stil. Ein angenehm helles und goldschimmerndes Timbre und die auch im gut beherrschten Legato geschmackvoll unaffektierte Stimmführung lassen ebenso aufhorchen wie der spielerische Einsatz des großen dunkelblonden Sängers unentwegt hinschauen. Der neben ihm einen Kopf kleinere, dunkelhaarige André Morsch legt sich als Guglielmo im Spiel mit Muskeln und Sexappeal kaum weniger ins Zeug, hinreichend unterstützt von seinem fülliger gewordenen Bariton, dessen Charisma in der Wandlungsfähigkeit von angeraut draufgängerischem und schmeichelnd phrasierendem Einsatz liegt.

Yuko Kakuta als aufmunternd bestimmte und mit ihrem üppigen lyrischen Koloratursopran auch viele Zwischentöne auskostende Despina sowie der zwischen Zynismus und Menschlichkeit schwankende, stimmlich aus dem Vollen schöpfende Shigeo Ishino als Drahtzieher Don Alfonso bewährten sich als philosophierende Anstachler der beiden Paare. Nach dem GMD Sylvain Cambreling übernahm jetzt Kaiserslauterns Musiktheaterchef Uwe Sandner die Leitung und steuerte das Staatsorchester Stuttgart im Fahrwasser der von der Premierenserie vorgegebenen Richtlinie eines virtuosen Licht- und Schattenspiels mit Geschick und animierendem Gestus. Das kecke und wandlungsfähige Farbenspiel der Holzbläser ragte aus der sorgfältig zwischen Heiterkeit und Ernst ausbalancierten Wiedergabe heraus, zu der auch eine kleine Formation des Staatsopernchors in der Funktion weiterer ähnlicher Prüfungen ausgesetzter und darum gleich gekleideter Paare in seinen kurzen Auftritten beitrug.                                                                                 

Udo Klebes

 

Diese Seite drucken