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STUTTGART: CARMEN – etwas anders

06.03.2016 | Oper

Stuttgart: CARMEN am 5.3.2016

 An der Stuttgarter Oper wird Carmen gespielt, aber eine andere als die Bizet- Meilhac-Halevy’sche. Man kann sagen: es ist ein andres Stück daraus geworden. Es hat nichts mit Sevillas Spanien, mit Zigaretten-Arbeiterinnen, mit den dort stationierten Soldaten, mit den Schmugglern  und den Torrreros zu tun. Der Regisseur  Sebastian Nübling hat sie in eine unhistorische Traumwelt verlegt, die einiges mit Shakespeares Sommernachtstraum zu tun haben könnte. Das kommt schon durch die Einführung einer zusätzlichen allgegenwärtigen Person, ein grüngewandeter maskierter „Puk“, zum Ausdruck, Alter ego von D.José, der aber noch mehr seine bösen inneren Triebe verkörpern soll. Gleich im ‚gefreezten‘ Anfangsbild sehen wir Jose im Sessel  und quasi über ihm diesen Surplus genannten schratigen Gesellen, und vor ihm Carmen als Untote liegend, daneben ein Fernseher, zumeist mit dem  „schwarzen Auge“, das ihn wie das der Zigeunerin in seinen Bann zieht. Surplus erweckt die folgenden Szenen zum Leben, wobei Micaela in einem uniformmäßigen Dress mit Schiffchen erscheint, tatsächliche zu einer Truppe von ‚Frauensoldaten‘ gehörend. Der Kinderchor, hier ’nur‘ stimmstarke Mädchen, sind wie Carmen in silbergrau fließende Kleider gehüllt. (Bühne u.Kostüme: Muriel Gerstner) Ein sehr chaotisches Agieren ergibt sich, als ‚Bewaffnung‘ dienen unkaputtbare Stehlampen. Wenn auch die Schmuggler als Clowns verkleidet dazukommen, mutet alles als Mummenschanz an. Escamillo erscheint dagegen in schwarzem Frack und scheint den in weißen Unterhemden agierenden Soldatenvertretern überlegen und Carmens eleganter Sphäre angemessen. Ein Duell findet nicht statt, ‚Surplus‘ arrangiert immer alles. Bei der abschließenden ‚Torreroszene‘ sitzen Jose und Micaela in Sesseln, er räumt die nun nachlässig Uniformierte zum Showdown ab, und dann liegt Carmen wieder wie zu Beginn auf dem Boden. Die Mädchen sind bei dieser Szene ganz maskulin wie der Staatsopernchor als Escamillo-Gefolge in Frack gewandet.

 Die ganze Zeit über wirkt dieser Surplus störend und für organische Entewicklung der Handlung überflüssig. Hier fällt die eigentliche Raffinesse von ‚Carmen‘ und seiner Musik damit hinten herunter. Das Opernorchester macht einen guten Part  und spielt unter der kompetenten Leitung Marc Soustrots sehr agil und beschwingt auf den Punkt. Manchmal tosen Pauken, Blech und Schlagzeug herein.

 Den Surplus gibt der Schauspieler Luis Hergon. David Steffens singt mit Baß den Zuniga, baritonal tritt Ashley David Garrett als Morales auf. Der Bariton Dominic Große /Dancairo und der Tenor Jan José Ramirez/Remendado treten als Clowns, einer auch in schwarzem Röckchen, auf. Ihre Pendants  sind die Frasquita Josefin Feiler mit hübschem obertönigem Sopran und Mercedes Maria Theresa Ullrich mit klangreich gefärbtem Mezzo, beide in Tutus. Die Micaela wird von Pumeza Matshikiza übernommen. Der jungen Südafrikanerin steht ein dunkler eigenwillig timbrierter Sopran zu Gebot. Während sie bei der 1.Arie diese eigene Note gut ins Spiel bringen kann, kann sie im 3.Akt, romantisch vom Waldhorn umflort, nicht mehr reussieren. Es schleichen sich zu viele Intonationsmängel ein, so dass das Timbre gar keine Wirkung mehr entfalten kann. Auch der Escamillo des Adam Kim hat Probleme mit der Tessitura, die tiefen Register stehen ihm momentan nicht zur Verfügung, sonst singt er einen durchschlagskräftigen Bariton.

Erin Caves scheint heute der Tenor zu sein, der schwierigste Partien, auch in zeitgenössischen Opern, souverän bewältigen kann. So auch in Rihms  Nietzsche-Oper Dionysos den ‚Gast‘. Hier kann er seine Heldenkraft als Jose in die Waagschale werfen, während er szenisch eher von seinem Puk abhängig erscheint. Mit einem warmen annehmend schön timbrierten Mezzo gestaltet Anaik Morel eine ganz edle nie überzeichnete Carmen, die regiegemäß aber auch zu Passivität verurteilt ist.                              

Friedeon Rosén

 

 

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