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STUTTGART: BÉJART BALLET LAUSANNE“ Gastspiel – Kaleidoskop der Theatersinne

28.11.2015 | Ballett/Tanz

Stuttgart: „BÉJART BALLET LAUSANNE“ Gastspiel 27.11. 2015– Kaleidoskop der Theatersinne

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Der wunderbare Mandarin:  Julien Fevreau als Ganovenanführer    Copyright:  Philippe Poche

Nach fast 25 Jahren gastierte das von Maurice Béjart einst in Brüssel als Ballet du XXe Siècle gegründete und nach dem Umzug in Béjart Ballet Lausanne umbenannte Ensemble wieder in Stuttgart und füllte damit eine Lücke während der vierwöchigen Asien-Tournee des Stuttgarter Balletts. Der auch über Béjarts Tod im Jahr 2007 hinausreichende Ruhm der Compagnie gründet nicht zuletzt auf der Pflege seines reichhaltigen Oeuvres durch den von ihm bestimmten Nachfolger Gil Roman. Dieser hatte selbst gut 30 Jahre mit dem weltbekannten Ensemble getanzt und ergänzt mittlerweile das Repertoire durch eigene Kreationen.

Für Stuttgarter Ballettfreunde, die mit einem Teil von Béjarts bedeutendsten Schöpfungen aus den letzten vier Jahrzehnten vertraut sind, ist die Begegnung mit anderen seiner Arbeiten eine willkommene Bereicherung, denn auf seine stets theaterwirksame und sinnliche Prägung ist Verlass. In „SUITE BAROCCO“, 1997 im Rahmen der Pitti Immagine Uomo in Florenz geschaffen, entführt er uns in eine jenseitige träumerische Welt, in deren Mittelpunkt ein Selbstmörder steht, der sich gleich zu Beginn die Pistole an den Kopf setzt und zu Boden fällt und in der Folge zuerst von einer Gruppe in strahlend bunten Trikots (die Männer mit freiem Oberkörper) und dann von drei Damen in schön fließenden Gewändern mit riesigen Fächern (Kostüme: Gianni Versace!) zu mitreißend heiter bewegter vokaler Barockmusik von Händel und Broschi zu neuem Lebensmut animiert wird, ehe er am Schluss erneut einen Tötungsversuch unternimmt. Béjarts durch unablässige Bewegungsmuster frisch und neu belebter neoklassischer Stil kommt hier ebenso anschaulich zum Tragen wie die Einheitlichkeit eines ganz in diesem speziellen Terrain beheimateten Tanz-Ensembles., an dessen Spitze hier stückbedingt Julien Favreau steht, der dem Lebensüberdrüssigen markante Gestalt aus persönlicher Präsenz und tänzerischem Charisma gibt. Am Ende des vierteiligen Abends gelingt ihm dies auch mit exaltierten Sprüngen als Ganovenanführer in „DER WUNDERBARE MANDARIN“, das Béjart inspiriert von Fritz Langs Film „M“, zur expressionistisch aufgeladenen Musik von Bela Bartok 1992 in Lausanne zur Uraufführung gebracht hatte. Die Inspirationsquelle wird im in schwarz-weiß gehaltenen Bühnenbild von Christian Frapin und düster schweren Kostümen von Anna De Giorgi deutlich sichtbar und bildet so einen idealen atmosphärischen Rahmen für die kriminelle und surreale Züge aufweisende Geschichte, in der Ganoven ein Mädchen unter Zwang als Lockvogel für Männer einsetzen, die dann ausgeraubt werden. Ein junger Mann, von Lisa Cano mit androgyner Note versehen, und der von Connor Barlow spielerisch leicht ausgefüllte knabenhafte Siegfried werden hinausgeworfen, nachdem sich die Ausbeute als zu gering erwiesen hat. Erst bei dem wundersamen Titelhelden scheint sich der Fang gelohnt zu haben, doch mehrere todessichere Übergriffe prallen an der Übermenschlichkeit des Mandarins ab. Masayoshi Onuki bringt dieses undurchschaubare Wesen vor allem mit eloquenter körperlicher Gewandtheit zum Ausdruck. Noch mehr in den Mittelpunkt gerät hier das Mädchen, dem Lawrence Rigg mit verführerischer Note und geschmeidiger Linie, unterstützt durch eine kesse Kurzhaarfrisur große Aufmerksamkeit sichert. Alles zusammen ist von großer Theaterwirksamkeit, dennoch stieß es auf weniger Begeisterung als das zuerst besprochene Stück und auch der Beitrag des aktuellen Ballettdirektors Gil Roman. Sein im Dezember 2010 erstmals gezeigtes „SYNCOPE“ schwimmt deutlich im Fahrwasser seines berühmten Lehrmeisters und fügt noch einige Pointierungen an absurder Mimik bei, wie sie einer surrealistischen Charakteristik gut anstehen. Aus einer Lamellenwand im Hintergrund tasten sich immer wieder magische Hände nach vorne, ehe die ganzen Körper hervortreten. Wie Erscheinungen des Unbewussten erscheint ihre Funktion in diesem phantastischen Spiel des auf Abwege geratenen menschlichen Geistes. Ein Mix von Citypercussion unterstreicht noch die Ebene des Unwirklichen und bietet zugleich die richtige Basis für eine rhythmisch genau aufgebaute Choreographie, in der sich u.a. Gruppen z.B. zu einem Tanz der Tropfen zusammenfinden. Die genauere Bedeutung all dessen scheint nicht so wichtig, mehr die daraus hervorgehende Essenz an phantasievollen Bildern mit einem Schuss Humor. Als Solisten treten Elisabet Ros mit ihrem einem immer wieder an- und ausgehenden Lampenschirm gleichenden Gestell über dem Kopf und Gabriel Arenas Ruiz als Begleiter hervor.

Shalkina&Chacon[Liebe und Tod]photo_Kiyonori Hasegawa
Liebe und Tod:  Kateryna Shalkina und Oscar Chacon. Copyright: Kiyonori Hasegawa

Noch mehr Aufmerksamkeit erregen indes Kateryna Shalkina und Oscar Chacon mit einer ausgeprägten Tänzer-Persönlichkeit in einem Pas deux. Somit sind sie auch genau die richtigen Interpreten, um Béjarts großem Pas de deux „LIEBE UND TOD“ Gewicht zu geben und ihn mit der erforderlichen Expressivität zu erfüllen. Das 2002 in Tokyo uraufgeführte Stück gehört zu den zahlreichen Beschäftigungen des Choreographen mit Gustav Mahler und seiner speziellen Natur-Religion und dem musikalisch unendlichen Farben-Spiel. Die wie viele seiner Lieder von einer Wehmut umwehten Gesänge aus „Des Knaben Wunderhorn“ schildern ein Soldaten-Dasein, erhellt von Liebe und gleichzeitig bedroht vom Tod. In „Der Tambourgesell“ beherrscht der markante dunkle Lockenkopf und die Körperspannung von Oscar Chacon die Szene, in „Wo die schönen Trompeten blasen“ gesellt sich Kateryna Shalkina als besungener Schatz zu ihm. Die weit ausgreifende den Raum füllende, klassisch grundierte und tanztheater-gerecht erweiterte Handschrift verrät hier am deutlichsten deren Urheber Béjart. Intensive Körpersprache, die von feinster Modellierung bis zu eruptivstem Ausbruch reicht, erzeugt die dem Komponisten immanente heftig schwankende Gefühls-Skala. Die beiden Tänzer beherrschen sie ohne den Bogen zu überspannen und in den Bereich des Über-Theatralischen und des Pathos zu gelangen.

Alles in allem eine überzeugende Präsentation der 39köpfigen Compagnie, die Béjarts Vermächtnis weiter trägt, wie es den Stuttgartern mit John Crankos Werk obliegt.

 Udo Klebes  

 

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