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STUTTGART: BEGEGNUNGEN – mit überraschender Rückkehr

22.01.2018 | Ballett/Tanz

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„Initialen R.B.M.E.“   Geschätzter Rückkehrer:  Daniel Camargo. Copyright: Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett: „BEGEGNUNGEN“ 21.1. 2018– mit überraschender Rückkehr

Die Ankündigung von Daniel Camargos Gastspiel für zwei Vorstellungen von John Crankos „INITIALEN R.B.M.E.“ überraschte, besser noch erstaunte, nachdem sein recht kurzfristiger Abgang mitten in der Saison 2015/16 über seine besondere Stellung als Ausnahmetalent hinaus doch für einigen Unmut gesorgt hatte, und auf eigenen Wunsch ausgeschiedene TänzerInnen bislang so gut wie nie wieder als Gast nach Stuttgart zurück gekehrt sind.

Gemessen an seinen oft herausragenden Leistungen, die für nicht wenige Höhepunkte während seines kometenhaften Aufstiegs zum Ersten Solisten garantiert haben, blieb Camargo an diesem Abend hinter den Erwartungen zurück, die im Hinblick auf seine seitherige Weiterentwicklung beim Nationalballett in Amsterdam erhofft worden sind. Zweifellos verkörpert er das „R.“ auf dem erstklassigen Niveau eines klassischen Tänzers, bietet mühelos an einem Strang durchgezogene und mit weitem Radius geschwungene Dreh-Varianten, verbindet er kraftvollen Elan mit der Leichtigkeit im Abfedern von Sprüngen und Pirouetten, gibt er dem Part durch männliche Reife gebührende Präsenz. Und dennoch blieb ein Rest an nicht eingelöster Allegro-Freude, die diesen Satz mit Richard Craguns einst so positivem Impetus bestimmt. Statt eines gelösten Wirkens legte sich phasenweise Ernst und Reserviertheit über Camargos Gesicht, wodurch die hier so heitere Emphase der Musik von Johannes Brahms immer wieder eingebremst wurde.  Vielleicht war die Tagesform nicht optimal, vielleicht hatte er für die Wiedereinstudierung der Rolle  zu wenig Zeit – am Ende blieb die Begeisterung, die ihm einst entgegenbrauste, doch etwas gedämpft.

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„Initialen R.B.M.E.“:  Traumwandlerisch sicher – Hyo-Jung Kang und Jason Reilly. Copyright: Stuttgarter Ballett

Mit welcher sichtbaren Freude sprang dagegen Adhonay Soares Da Silva durch die quirligen Sequenzen des „E“, da mochte die wie in den meisten seiner bisherigen Solo-Auftritte noch etwas Unisono-artige Ausstrahlung im Zusammenwirken mit der auch jetzt wieder zu bewundernden Bilderbuch-Technik als nicht wesentliche Einschränkung gelten. Oder Miriam Kacerova, die dem „B“ in der gesamtheitlichen Präsentation des Körpers mit aparter fraulicher Erscheinung und viel Sinn für eine schöne Linie auf Anhieb zu entsprechen vermag. Dass Hyo-Jung Kang das „M“  traumwandlerisch und doch mit einer taghellen Frische sowie einer bemerkenswerten Schönheit auf den Punkt genau in ihren Spitzengängen ausbalancieren würde war ebenso zu erwarten wie Jason Reilly sie dabei sicherst in den Hebungen und im Führen unterstützt hat.

Merklich verbessert, snychroner und konstanter präsentierte sich das Corps de ballet gegenüber der Premiere, in den halbsolistischen Parts bzw. Paarungen ereignete sich weder Herausragendes noch Nachlässiges. Alexander Reitenbacher war diesmal für den Klavierpart in Brahms  B-Dur-Konzert verantwortlich und brachte eine für den Ballettbetrieb recht griffige und doch auch Freiräume nutzende Wiedergabe zustande.

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„Dances at a Gathering“:  Gefühlvolle Interpreten: Elisa Badenes und Marti Fernandez Paixa. Copyright: Stuttgarter Ballett

Mit Rollentauschs und Neuzugängen gerieten vor der Pause die „DANCES AT A GATHERING“ von Jerome Robbins erneut zum unterhaltend nachdenklichen Stelldichein zu Chopins so stimmungsreichen Kompositionen, vor allem wenn sie diesmal von Andrej Jussow mit so viel Poesie, Liebe und Sinn für Verzögerungen, für An- und Entspannung gespielt werden. Das Zwischen den Zeilen-Stehen, das manchmal nur Angedeutete oder Unausgesprochene wurde von den meisten Beteiligten dankbar aufgegriffen und in ein Fest der Harmonie unter Freunden verwandelt. Es fällt schwer zu sagen, wo das Schwärmen darüber beginnen soll: ob bei Jason Reillys (jetzt in Braun) so in sich ruhender Hingabe, bei Elisa Badenes (jetzt in Pink) tiefer Intuition ím Verbinden von purer Technik mit persönlichem Ausdruck oder bei Marti Fernandez Paixas (jetzt in Purpur) so weich und gefühlvoll aufgeladener Linie. Ja oder auch bei den Debutierenden, unter denen sich Rocio Aleman (in Mauve) mit Liebreiz und Wärme als beredte Lyrikerin entpuppt, David Moore (in Grün) Freundschaft geschmeidig und genau mit Bedeutung auflädt, wiederum  Miriam Kacerova (in Grün) eine persönliche Note setzt, Angelina Zuccarini (in Apricot) Bodenständigkeit und Attacke gewitzt über die Rampe bringt, Matteo Miccini (in Ziegelrot) mit  Charme und ansteckendem Frohsinn und auffallend guten Sprungansätzen über die Bühne wirbelt. Aber auch die beiden in Blau, der strahlende Noan Alves und die noch etwas sanfte Vittoria Girelli erfüllen diese so wohltuend menschliche, Tanz und Musik so idiomatisch wie selbstverständlich verbindende Choreographie auf inspirierende Weise.

Udo Klebes

 

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