Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

STUTTGART/ Ballett: TRIBUTE TO TETLEY“ (Premiere) – ein würdiges Jubiläumsgeschenk

26.04.2026 | Ballett/Performance

Stuttgarter Ballett: „TRIBUTE TO TETLEY“ 25.4. 2026 (Premiere) – ein würdiges Jubiläumsgeschenk

 Auch wenn seine Stuttgarter Direktionszeit aufgrund seines zu radikalen Einschnitts in die von John Cranko geprägte Compagnie Mitte der 1970er Jahre nur zwei Spielzeiten währte, hat Glen Tetley tiefe Spuren in der Ballettwelt hinterlassen – weltweit und nicht zuletzt auch bei den damaligen Stuttgarter Solistenstars, die seiner Arbeit eine erhebliche Erweiterung ihrer Körperbeherrschung zu verdanken haben. Heute wären wir dankbar, einen zeitgenössischen Tanzschöpfer zu haben, der den klassischen Duktus so vielsagend und gleichzeitig höchst anspruchsvoll in einer eigenen Stilistik verarbeitet. Somit war es höchste Zeit nach längerer Spielplan-Absenz Tetley zum 100. Geburtstag ein Jubiläums-Programm zu widmen. In einer Breitband-Mischung eines von zwei völlig unterschiedlich gearteten Klassikern gerahmten selteneren Stückes.

bal1
Elisa Badenes und Marti Paixa in „Voluntaries“. Copyright: Carlos Quezada

 VOLUNTARIES“ ist eines der Stuttgarter Signatur-Stücke, weil es noch von Cranko angeregt, nach seinem überraschenden Tod zu einer Hommage an ihn wurde, uraufgeführt kurz vor Weihnachten 1973 mit u.a.drei seiner führenden Tänzerinnen und Tänzer. Ein Werk von einer gewissen Strenge, klassisch grundiert in der Basis und neoklassisch strukturiert im Ineinanderfließen von Duos, Trios und Gruppen-Einsätzen. Musikalisch durch Francis Poulencs  Konzert für Orgel, Pauke und Streicher atmosphärisch eigentümlich sakral erfüllt, wobei das kirchliche Solo-Instrument die entscheidenden Akzente für die Choreographie in Form von Kreuzigung und Pietá-Figuren setzt. Unentwegt streben die zum Boden geneigten Körper der Tänzerinnen mit weiten Streckungen sofort wieder in die Höhe, teilweise vertikal verschoben und von den Partnern in teils riskante Hebungen und Würfe verwickelt. Das Hauptpaar, von Elisa Badenes und Marti Paixa lichtdurchdrungen und in technisch schwebend leichtem Charakter gehalten, gibt das Schrittmaterial vor, das dann gemäß dem Stücktitel (Voluntaries = Improvisationen) von einem Trio  aufgegriffen wird, das die Qualität der beiden Vorderen fortsetzt: Diana Ionescu in strahlender Würde, geleitet und umhegt vom geschmeidig eloquenten Gabriel Figueredo und dem athletischeren und genau so sauber phrasierenden Satchel Tanner. Die Variationen erstrecken sich sodann noch auf 6 weitere Paare, die in meist synchronen Formationen übernehmen oder den Hintergrund der Szene bilden. Diese ist auf einen von dezenten Farbmustern bestimmten Hintergrundprospekt konzentriert, die sich auch auf den hellen Ganzkörpertrikots wiederfinden (Rouben Ter-Arutunian).

bal2
.Anna Osadcenko und Friedemann Vogel in „Ricercare“. Copyright: Carlos Quezada

 Das älteste der drei Stücke, „RICERCARE“ (= Wiederfinden), 1966 beim ABT uraufgeführt und 2011 erstmals in Stuttgart auf die Bühne gebracht, ist in seiner kammermusikalisch intimen und auf ein Paar konzentrierten Besetzung, durch die teilweise von verstörenden Motiv-Umkreisungen bestimmte Streichquartett-Komposition von Mordecai Seter strengste der drei Schöpfungen dieses Programms. Auf einer leeren Bühne dient eine Art Muschel als Liebesbett in Form einer sich links und rechts aufschwingenden Rampe als Rückzugsort eines Paares, das mehrere Anläufe unternimmt zueinander zu finden, sich dazwischen solistisch auf der Suche nach sich selbst oder einem unbekannten Faktor, den Raum erkundend abwendet. Die Kunst diese gut 15 Minuten in meist gemächlichem Tempo mit Spannung und Mitteilsamkeit auszufüllen setzt viel tänzerische Erfahrung und eine menschliche Reife voraus. Und diesbezüglich haben Anna Osadcenko und Friedemann Vogel ein ganzes Füllhorn in ihrem Gepäck, das sowohl das Gespür für eine nicht nach Taktgefühl zu tanzende Choreographie als auch das Bewußtsein für ein gewisses Maß an körperlicher Expressivität beinhaltet. Auch hier lösen sich Boden-Formationen mit vertikal gestreckten Armen nach oben auf, verharren dazwischen in fast strengen Positionen, und als Paar in queren Haltungen. Die beiden langjährigen Ersten Solisten erweisen sich als ideale Interpreten dieses immer noch sehr modern wirkenden und letztlich zeitlosen Stückes.

ball3
Henrik Erikson und Ensemble in „Le sacre du printemps“. Copyright: Carlos Quezada

 Ganz besonders gilt das natürlich für den Abschluss mit „LE SACRE DU PRINTEMPS“, das Tetley ursprünglich für das Bayerische Staatsballett konzipiert, aber erst 1976 in Stuttgart mit einigen Änderungen zu einer Endfassung gemacht hat. Somit ist diese Neueinstudierung auch eine Würdigung zum 50jährigen Jubiläum. In der dezenten Ausstattung mit leicht stilisiertem Astwerk einer Natur und den hautfarbenen Trikots von Nadine Baylis (die Männer in freien Oberkörpern) wird das Auge ganz auf die Radikalität des Tanzes gerichtet. Gelöst aus dem ursprünglichen Umfeld des heidnischen Russland im Original von Nijinski ist bei Tetley die zentrale Opferrolle ein  auserwählter Jüngling, auf den die Sünden und Leiden der Welt übertragen werden und der getötet wird, um als Inkarnation des Frühlings wiedergeboren zu werden. Fast spektakulär endet die Hinrichtung mit seinem Aufschwingen auf einer Schaukel über die Bühne als Kreuzigungs-Anleihe.  In Verbindung mit Igor Strawinskjs rhythmisch quälend aufreizender, nur dazwischen in lyrischen Holzbläser-Fiorituren schillernder Musik sorgt das auch jetzt wieder für einen begeisterten Aufschrei des Publikums – ganz im Gegensatz zur skandalösen Pariser Uraufführung 1913, deren Urknall-Intensität in die Geschichte einging.

Die charismatische Persönlichkeit, die Tetley in seinen Worten für den Titelrollentänzer erwähnt, erfüllt Henrik Erikson bei seinem stürmisch gefeierten Debut als faszinierend zweischichtiges Individuum – ein extrovertiertes, das dem Ankämpfen gegen die Masse mit einer unbändig durchgehaltenen Energie, Kontur und darob erstaunenden Gelöstheit begegnet, und ein introvertiertes, dessen Gefühle sich ganz nach innen gerichtet in seinem Gesicht spiegeln. Kompliment für ein so mühelos unnachgiebig durchgezogenes Portrait, das im Grunde genommen über menschliche Grenzen hinausgeht.

Mit den vielen verschobenen Fußstellungen, angezogenen Beinen, stampfend und schreitend vollführten Gängen und Schritten, Fall- und Spring-Aktionen sowie unkonventionellen Zeichen wie geballten Fäusten und flehenden Gesten sind indes alle weiteren Beteiligten konfrontiert. Voran das schon in den letzten Aufführungen eine Marke gesetzt habende und darin unverändert expressive Paar in Gestalt von Anna Osadcenko und Jason Reilly, in nächster Reihe Mizuki Amemiya und Fabio Adorisio sowie Vittoria Girelli und Martino Semenzato. Schließlich sind es auch die 18 Ensembletänzer, die in oft synchronen Gruppierungen mit nie nachlassender Intensität die wilde Monumentalität der Choreographie steigern.

Musikalisch in Atem gehalten vom Staatsorchester Stuttgart, das Strawinskys schräg aufheizende Komposition unter der Leitung des Gastdirigenten Ermanno Florio in aller Konsequenz unter Hochspannung hält. Eine gelungene Geste, den Italo-Amerikaner, der als junger Mann die Uraufführung der „Voluntaries“ leitete, für dieses Feier-Programm zurück nach Stuttgart zu holen.

Aber nicht nur er, auch Alexander Zaitsev, der für die Tetley Legacy weltweit tätig ist und für dieses Programm das erste und letzte Stück einstudiert hat, ist als langjähriger Solist und zuletzt Erster Solist des Stuttgarter Balletts ein Heimkehrer, der in den anhaltenden Schlussjubel einbezogen wurde.

Ein Jammer nur, dass für diese gelungene Tetley Hommage nur fünf weitere Vorstellungen eingeplant werden konnten.                                            

  Udo Klebes

 

Diese Seite drucken