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STUTTGART/ Ballett: „TRIBUTE TO TETLEY“ 3.5. (nachm.) + 8.5. – Triumph und Preis für einen Halbsolisten

09.05.2026 | Ballett/Performance

Stuttgarter Ballett „TRIBUTE TO TETLEY“ 3.5. (nachm.) + 8.5.2026- Triumph und Preis für einen Halbsolisten

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Riccardo Ferlito in „Le sacre du printemps“. Copyright: Carlos Quezada

Die größte Spannung der Alternativ-Besetzung des aus Anlass von Glen Tetleys 100.Geburtstag angesetzten Jubiläums-Programms lag auf dem Titelrollen-Debut in „LE SACRE DU PRINTEMPS“. Losgelöst von den ursprünglich heidnischen Ritualen hat der 2007 verstorbene amerikanische Choreograph das auserwählte Opfer von einer Jungfrau auf einen zeitlosen Jüngling  übertragen, der als Projektor menschlicher Leiden und Sünden hingerichtet bzw. auf einem Trapez in den Himmel aufgefahren wird, um als Versprechen und Hoffnung auf ein neues Leben mit dem Frühling wiedergeboren zu werden. In Tetleys athletisch muskulärem Stil bedeutet das einen Wahnsinns-Akt an Verausgabung und Kondition. Der 2019 nach dem Abschluss an der Cranko-Schule in die Compagnie übernommene und zu Beginn der Saison zum Halbsolisten avancierte Deutsch-Italiener Riccardo Ferlito nützte die Chance einer solch zugkräftig im Mittelpunkt stehenden Aufgabe gehörig und lässt als nicht so groß gewachsener Tänzer wahrlich seine Muskeln spielen, um den Part auch dort noch gelenkig weich und flexibel erscheinen zu lassen, wo sein Einsatz von gesteigerter Intensität und wild kämpferischem Gebaren geprägt ist. Weil er die Choreographie aber nicht nur als sportliche Herausforderung abspult, sondern auch Ausdruck seiner lastvollen Funktion zum Tragen kommt, überrascht es, dass dies erst seine zweite Vorstellung ist. Weitere größere Einsätze in naher Zukunft dürften ihm damit sicher sein. Nach seinem Debut am Vorabend wurde ihm der Birgit Keil-Preis von der gleichnamigen Stiftungs-Geberin überreicht. Somit ein doppelter Glückstag für den jetzt wohl richtig durchstartenden Tänzer.

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Matteo Miccini in „Le sacre du printemps“. Copyright: Carlos Quezada

In der letzten Aufführung am 8.5. bekam der Erste Solist Matteo Miccini eine somit leider einmalige Gelegenheit sich im wahrsten Sinne des Wortes in die Opferrolle zu stürzen und ihr einen persönlichen Anstrich zwischen aufgebürdetem Leiden und demonstrativer Verteidigung zu geben. Eine Mischung aus purer Kraft und Bewegungs-Präzision, wie wir sie von diesem Tänzer kennen, bescherte auch ihm einen großen Erfolg.

Einen starken Kontrast zur Premierenbesetzung bilden Miriam Kacerova und David Moore als zentrales Paar, beweisen sie doch, dass in diesem harten und strengen Klassiker auch lyrische Komponenten Platz haben, und sie so wie eine etwas sanftere Oase in ihrem wilden Umfeld wirken. Abigail Willson-Heisel und Lassi Hirvonen sowie Priscylla Gallo und Christopher Kunzelmann folgen gleich dahinter als Paare inmitten des Ensembles, das Tetleys unkonventionellen, gegen den klassischen Strich gebürsteten Vorgaben wieder wie entfesselt nachkommt.

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Veronika Verterich und Gabriel Figueredo in „Ricercare“. Copyright. Carlos Quezada

Wurde die Besetzung des Pas de deux „RICERCARE“ bei der Premiere noch an der Erfordernis eines reifen und erfahrenen Paares festgemacht, so staunten wohl viele nicht schlecht als jetzt eine entgegengesetzt viel jüngere Alternative angesetzt wurde, die die Prüfung, Mordecai Seters Titel gebendes sprödes und äußerst intimes und feinnerviges Streichquartett mit Schrittfolgen auszufüllen, verblüffend gut bestanden haben. Und zwar nicht nur hinsichtlich des musikalischen Materials, vielmehr auch bezüglich der Interpretation eines sich immer wieder trennenden, aber doch nicht ohne den anderen leben könnendes Paares. Veronika Verterich  und Gabriel Figueredo bestechen beide durch eine erfreulich kantenlose körperliche Entfaltung, die der leisen Choreographie auch in Phasen des Zögerns, des Suchens und wieder aneinander Schmiegens oder Klammerns noch etwas vorwärts strebendes Zeitmaß gibt. Da kommt bei diesem bereits 60 Jahre alten und immer noch modern wirkenden Stück gar mehr Emotionalität zum Tragen als vielleicht beabsichtigt. Für ein Debut erreichten beide eine Tiefe, die vor allem bei ihm davon zeugt, wie sich  nach und nach gewonnenes Selbstvertrauen in befreiend mitteilsamem Tanz äußert.

In der zweiten Vorstellung am 8.5. festigte das Paar sein Aufeinandereingehen noch und wurde dafür mit zahllosen Vorhängen und Blumen gefeiert.

 

Der den Auftakt bestimmende Klassiker mit besonderem Stuttgart-Bezug ( 1973 als Cranko-Hommage uraufgeführt) „VOLUNTARIES“ bezaubert in seiner Mixtur aus mal fast fröhlich bewegter mal meditativ verharrender Sakral-Musik (Francis Poulencs Konzert für Orgel, Streicher und Pauke) in Verbindung mit einer fließend auf Spitze getanzten Choreographie Tänzer und Zuschauer gleichermaßen. Auch wenn Henrik Erikson mit Anna Osadcenko eine etwas mehr geerdetere Partnerin hat, die weniger beflügelt, mehr kraftvoll in die Höhe strebt, entsteht zwischen beiden eine Partnerschaft, die den musikalischen Gehalt einfühlsam ausschöpft und sie stimmig miteinander vereint. Auch weil Erikson Kraft für teils gewagte Hebungen und Sinn für Überirdisches zusammenführt. Mizuki Amemiya hat im Pas de trois mit Martino Semenzato und Fabio Adorisio zwei gleichwertige Mitstreiter, die für nahtlose Übergaben der Dame vom einen zum anderen mit vielen Schulter- und Überkopf-Hebungen garantieren und ihr somit leichtfüßig schwebenden Habitus ermöglichen. Das Ensemble weiterer sechs Paare ergänzt das auch optisch auf eine schlichte Ästhetik konzentrierte Werk mit präzise eingegliederten, die Akzente der Solisten aufgreifenden Einsätzen.

Vincent Bernhardt (3.5.) bzw. Christian Schmitt (8.5.) an der Orgel und das Staatsorchester Stuttgart erheben, unter der Leitung von Ermanno Florio (3.5.) und Wolfgang Heinz (8.5.),  Poulenc Musik auch zu einem Hörgenuss, wogegen sie beide Strawinsky brillant widerstrebend in aller Schroffheit ausreizen.

                                                                                                                                  Udo Klebes

 

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