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STUTTGART/ Ballett: „RESPONSE I“ – zweite Runde mit leicht verändertem Programm:

26.10.2020 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett

„RESPONSE I“ 25.10.2020 nm – zweite Runde mit leicht verändertem Programm:

Kurz vor der Sommerpause hatte das Stuttgarter Ballett noch als Ersatz für das offiziell geplante Repertoire einen Ballettabend mit dreiUraufführungen ensemble-eigener Choreographen als Antwort auf Corona, ergänzt durch einige Preziosen des klassischen und neoklassischen Balletts auf die Beine gestellt und drei Mal zur Aufführung gebracht.

Mit einer Neuauflage dieses Konzeptes startete die Compagnie nun auch verspätet in die neue Saison, wobei in den drei zeitgenössischen Kreationen überwiegend die Alternativ-Besetzung zum Einsatz kam. Statt des finalen „Bolero“ vom Juli, der nun ein anderes Programm unter dem Titel „Höhepunkte“ ab 27. November beschließen wird, wurden nun zwei bedeutende Pas de deux des gängigen Spielplans sowie zu Beginn ein Solo aus Kenneth MacMillans „REQUIEM“ als Gedenken an die im Sommer unerwartet schnell verstorbene Leiterin der Kostümabteilung Elke Wolter integriert. Im flehentlich bittenden „Pie Jesu“ aus Gabriel Faurés gleichnamigem Werk gab Anna Osadcenko ein noch etwas neutrales, wenig Tiefe aufweisendes, aber kraft ihrer Reife und Erfahrung doch im Wesentlichen überzeugendes Debut, wobei allerdings die Losgelöstheit vom Rest der Schöpfung als erschwerender Umstand berücksichtigt werden sollte. Catriona Smith lieh ihr dazu ihren durch ein leichtes  Vibrato Anteilnahme bekundenden Sopran.

Auch für Miriam Kacerova war der „STERBENDE SCHWAN“ (Mikhail Fokine) ein Debut, mit sehr gut ausgeglichener Balance und Linie verlieh sie dem poetischen Lebensabschied des symbolträchtigen Tieres vor dem Hintergrund-Prospekt des Schwanensees eine würdevolle Aura.

Rocio Aleman und Marti Fernandez Paixa vereinten sich mit unter einem einsamen Kronleuchter als apartes Hingucker-Paar im Hochzeits-Pas de deux aus „DORNRÖSCHEN“ mit zuverlässiger Technik und feiner Phrasierung. Nur beider diesmal verhaltener als sonst gebliebenes Strahlen ließ auf eine nicht ganz so gelöste Tagesform schließen.


Nicht nur ein spezieller Choreograph – auch ein auffallend spezieller Solist: Louis Stiens in van Manens „Solo“. Copyright: Stuttgarter Ballett

Hans van Manens atemberaubend schnelles „SOLO“ (zu Bachs Partita für Solovioline b-moll) teilten sich diesmal die beiden Debutanten Shaked Heller mit etwas eigenwillig eckigem Anstrich und Alessandro Giaquinto mit bereits sehr gerundeter Akkuratesse sowie der bereits erprobte Louis Stiens mit flüssigem Bewegungs-Habitus und einer ironischen Note.

Vor einer Woche mit dem Deutschen Tanzpreis ausgezeichnet, demonstrierte Friedemann Vogel nun im Spiegel-Pas de deux aus „ONEGIN“ (in fast kompletter Schlafzimmer-Kulisse) mit der hingebungsvoll aufblühenden und ob seiner bombensicheren Partnerschaft besonders flügelleichten Elisa Badenes seine gesamtkünstlerische Kompetenz als möglichst perfekter Danseur noble und charakter-prägnanter Interpret.

Die drei neuen Kreationen vom Juli zeigten auch bei der zweiten Begegnung in Alternativ-Besetzung mit welch unterschiedlichen Handschriften die hauseigenen Choreographen das Thema des eingeschränkten Kontakts und der Isolierung im Zuge des Corona-Lockdowns aufgegriffen haben. Bei Louis Stiens „PETALS“ fungieren zwei Stühle phasenweise als Ersatz für den „Dialog“ mit Partnern, Sitzgelegenheiten werden hier zu Objekten des daran Klammerns, des Abstoßens oder auch der Abreaktion aufgestauter Probleme. So kommt es zu keinerlei Berührung zwischen den immer nur parallel oder gemischt vertauscht, aber nie wirklich zusammen tanzenden vier Akteuren, unter denen Angelina Zuccarini und Alessandro Giaquinto als geheimnisvoll dunkel staffierte Gestalten mit persönlichem Anstrich und sprechender Gestaltung wesentlich mehr Kontur erreichen als die in grün und pink noch etwas blass erscheinenden Lichtfiguren Elisa Ghisalberti und Satchel Tanner.

3 Sonaten von D.Scarlatti (eine davon wurde übrigens für Crankos „Zähmung“ instrumentiert) und ein Stück von F.Couperin, gespielt von Alastair Bannerman, sorgen für wechselnde Stimmungen zwischen Optimismus und Melancholie.


Die Hände im Mittelpunkt: Hyo Jung Kang und Moacir De Oliveira in Fabio Adorisios „Empty hands“. Copyright: Stuttgarter Ballett

In „EMPTY HANDS“ von Fabio Adorisio ziehen sich die Hände als hervor stechender Körperteil wie ein Leitmotiv durch die Bewegungsmuster, angetrieben vom leise beginnenden, sich dann in immer drängenderen Schleifen steigernden „Lachrimae“ von Bryce Dessner (mit nerviger Intensität gespielt von Streichern des Staatorchesters Stuttgart unter der Leitung des neuen Ballettmusikdirektors Mikhail Agrest). Mal umfassen sie den Kopf, mal eng am Körper entlang geführt, dann erhoben und wieder hoffnungslos gesenkt, bis die Musik abbricht und nur noch leise verhalten und zerfasernd die zurück bleibende Leere verklanglicht. Am Ende verbleibt Moacir De Oliveira zentral von einem Scheinwerfer beleuchtet und fragend in seine geöffneten Hände starrend, wie es denn wohl weitergehen mag. Außer dem auffallend gut trainierten Brasilianer begaben sich diesmal noch sein Landsmann Noan Alves sowie die drei ganz unterschiedlich gearteten weiblichen Pendants Hyo Jung Kang, Jessica Fyfe und Veronika Verterich auf diese fast einen Tick zu lang geratene Studie von seelischer Vereinsamung.

Zu Recht am Ende stand diesmal Roman Novitzkys „EVERYBODY NEEDS SOME/BODY“, einer geschickt strukturierten und ungemein musikalisch umgesetzten tänzerischen Darstellung von notwendiger Berührung, die auch nicht durch eine gewisse Nähe ersetzt werden kann. Max Richters neu ausgerichtete „Vier Jahreszeiten“ von Vivaldi (hier Winter und Frühjahr), von Konzertmeister Jewgeni Schuk an der Solo-Violine sehr transparent und hauchdünn intoniert, liefert dafür das ideale harmonisch rhythmische Gerüst. Müssen zunächst noch fahrbare Schaufenster-Puppengestelle für den nicht vorhandenen Partner herhalten, so sind die sechs TänzerInnen im weiteren Verlauf auf sich alleine gestellt, versuchen das Schrittmaterial ihrer auf Abstand gehaltenen Mitstreiter aufzugreifen und geben sich dann doch wieder eigenständigen Varianten neoklassischer Grundierung hin – bis auf eine Ausnahme: die kindfrauliche Diana Ionescu (frisch zur Solistin gekürt) und der etwas ernste, doch zusehends mehr Profil und Aussagekraft gewinnende Christopher Kunzelmann finden sich in einem sehr berührenden Pas de deux für einige Minuten zusammen, ehe sie wieder das Los ihrer KollegInnen Daiana Ruiz, Aurora De Mori, Martino Semenzato und Christian Pforr teilen – alle gemeinsam durften auch stellvertretend für den Choreographen die größte Begeisterung dieser (bei nur zu 25 % möglicher Belegung) schnell ausverkauften Nachmittagsvorstellung entgegen nehmen.

 Udo Klebes

 

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