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STUTTGART/ Ballett: RESPONSE I – fulminant kreativer Abschluss einer abgeschnittenen Saison. Erste Vorstellung nach der Premiere

28.07.2020 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett

„RESPONSE I“ 26.7. 2020 nachmittags (Premiere 25.7.2020) – fulminant kreativer Abschluss einer abgeschnittenen Saison

Die Companie befand sich gerade auf Gastspielreise in Friedrichshafen am Bodensee kurz vor zwei Aufführungen von Crankos „Der Widerspenstigen Zähmung“ als von heute auf morgen der Spielbetrieb abgebrochen werden musste. In der Folge fielen dann auch die weiteren Reprisen dieses Klassikers in Stuttgart sowie eine damit geplante, überfällige Aufzeichnung für DVD ins Wasser. Auch ein unter dem Stichwort „Höhepunkte“ angekündigter Ballettabend mit zwei Erstaufführungen von Kylian und Petit, ein Hans van Manen- Choreographien gewidmetes Programm ausschließlich zu Musik des Jahresregenten Ludwig van Beethoven, weitere Vorstellungen des Kassenknüllers „Mayerling“ und die Ballettwoche zum Ende der Saison mussten schweren Herzens abgesagt werden.

Doch was bis in den Mai hinein noch unmöglich schien, ließ sich jetzt zu aller Erstaunen als Trostpflaster für all die geplatzten Vorhaben im Rahmen eines strengen Hygienekonzeptes doch noch verwirklichen. Eine auf pausenlose 105 Minuten zusammen gespannte Ballettschau mit 3 Aufführungen vor jeweils 249 Zuschauern im Opernhaus in zwei Besetzungen, so dass möglichst alle TänzerInnen eingesetzt werden konnten. Ursprünglich waren sogar noch mehr Programmpunkte angesetzt, die aber zeitbedingt und zugunsten der Kreativität von drei hauseigenen Choreographen wieder heraus genommen wurden.

Wie selbst eine Krise wie die allgegenwärtige ungeahnte schöpferische Ideen hervorbringen und Ballett auch ohne körperliche Berührung auf Abstand (mit Ausnahme von zusammen wohnenden Paaren) funktionieren kann, zeigten Roman Novitzky, Fabio Adorisio und Louis Stiens auf ebenso unterschiedliche wie stimmige musikalische Weise. Letzterer bezieht in „PETALS“ Stühle als Ausdrucks-Element in den Tanz mit ein, lässt seine vier TänzerInnen daran sowohl Halt, und Überwindung finden als auch Aggressionen abreagieren. Die Distanz zu den anderen wird stets gewahrt, die Kommunikation findet in Gesten sowie mit vielfach variierenden Kopfhaltungen- und bewegungen statt, deren Reservoir allerdings nicht ganz bis zum Schluss ausreicht und für die letzten Minuten eher ermüdende Folgen hat. In der mehr heiteren Agnes Su, der etwas umdüsterten Angelina Zuccarini sowie dem sanft geschmeidigen Marti Fernandez Paixa und dem in solchen Aufgaben jedes Mal aufs Neue bestechend skurrilen Shaked Heller stehen gegensätzliche Charaktere auf der sonst leeren Bühne, während Alastair Bannerman am Flügel im Orchestergraben 4 ausgewählte Sonaten von Domenico Scarlatti und Francois Couperin anstimmt.

Als Klassiker steht Michail Fokines „DER STERBENDE SCHWAN“ mit Anna Osadcenko als konzentriert von Trauer umflorter und mit ihrem hohen Spann eine vibrierende Spitzen-Balance erzielende Interpretin auf einsamer Flur in diesem Programm. Valery Laenko (Klavier) und Guillaume Artus (Cello) intonieren Saint-Saens immer wieder erhebende Kantilene mit trunkener Schönheit.

EMPTY HANDS“ nennt Fabio Adorisio seinen Entwurf einer kleinen Gemeinschaft, bei der die Hände allerlei Funktionen übernehmen, die Schrittfolgen ergänzen oder unterstützen, sie auch immer wieder Hilfe suchend in alle Richtungen zu führen und zuletzt doch allein mit deren Leere belassend. Zu Bryce Dessners sich langsam steigerndem „Lacrymae“, das Streicher des Staatsorchesters Stuttgart auf der Hinterbühne von trügerischer Ruhe zu nervösen minimalistischen Repititionen anschwellen lassen, fügen sich führende Solistinnen (Elisa Badenes, Hyo-Jung Kang)  mit einem Halbsolisten (Timoor Afshar) und Corps de Ballet-Mitgliedern (Vittoria Girelli, Flemming Puthenpurayil) zu einem einheitlich wirkenden Mini-Ensemble.


Treffliche Kombination aus Bewegung und Ausstrahlung: Matteo Miccini in „Solo“. Copyright: Stuttgarter Ballett

 

Vor der dritten Novität lockerte nach längerer Pause wieder einmal Hans van Manen’s unvergleichliches „SOLO“ in all seiner Schwindel erregenden Rasanz die Stimmung auf. Der technisch bestechende Adhonay Soares Da Silva, der trocken witzige Fabio Adorisio und ganz besonders Matteo Miccini mit seiner Kombination von spielerisch federndem Körpereinsatz und heiter charmanter Ausstrahlung ( die Beförderung zum Halbsolisten war überfällig) folgen dem stürmischen Tempo von Bachs erster Solopartita mit selbstverständlichem Vergnügen und werfen sich zur nahtlosen Entfaltung aller Linien-Verästelungen präzise die Bälle zu.


Ein einsamer Pas de deux:   Paula Rezende und David Moore in „Everybody need some/body“. Copyright: Stuttgarter Ballett

Was einen wirklich profunden Choreographen von durchaus guten unterscheidet, zeigte darauf Roman Novitzkys „EVERYBODY NEEDS SOME/BODY“. Der Erste Solist und Fotograf hat auch sein drittes Standbein inzwischen vervollkommnet. Idee, Ausdruckswille und gesamtheitliche Intention bleiben bei ihm nicht als Behauptung irgendwo stecken, sie werden in Struktur und Schritt-Fantasie bis zum Ende umgesetzt und durchgezogen. Worauf der Titel schon klar hindeutet, kommt auf der Bühne ebenso eindrucksvoll wie nachdenklich stimmend zur Geltung. Schaufenster-Puppengestelle ohne Köpfe dienen nur eingeschränkt als Ersatz für menschliche Nähe. Bald wird den sechs TänzerInnen Fernanda De Souza Lopes, Diana Ionescu, Paula Rezende, David Moore (diese beiden in einem berührend langsamen Pas de deux-Satz), Christopher Kunzelmann und Martino Semenzato bewusst, dass ihre Körper nach fehlendem Miteinander und Interaktion suchen, das durch nichts wirklich ersetzt werden kann. Diese Problematik wird von allen Beteiligten zu einer von Max Richter neu eingerichteten Fassung von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, konzentriert auf Winter und Frühling, berührend verinnerlicht. Jewgenji Schuks Solo-Violine und wiederum seine Streicher-Kollegen schufen unter der Leitung von Wolfgang Heinz in all den Feinheiten den ganz darauf abgestimmten musikalischen Rahmen. Im Ganzen eine Arbeit, die als Mahnmal der Corona-Problematik im Repertoire verbleiben sollte.

Als geschickte Überleitung während des Umbaus zum Finale wurde nun auf Großleinwand jenes gestreamte, von Fabio Adorisio geschnittene Video gezeigt, das in der härtesten Phase des Lockdowns die TänzerInnen in ihrer häuslichen Umgebung zu virtuell zugeschalteten Anleitungen der Ballettmeister in einem Mindestmaß ihrer täglichen Trainings-Etuden nebst einiger humorvoller Pointen zeigt.


Bringt auch das Publikum in Ekstase: Friedemann Vogel in „Bolero“. Copyright: Stuttgarter Ballett

Als Abschluss des Ballettabends „Höhepunkt“ hätte wieder einmal Maurice Béjarts „BOLERO“ auf die Bühne kommen sollen. Auf ihn ganz zu verzichten wäre schon besonders herb gewesen. Deshalb wurde nun mit Genehmigung von Gil Roman und der Béjart Foundation eine Adaption für eine auf 8 Männer reduzierte Ensemble-Rhythmus-Gruppe geschaffen, die ohne jeglichen Zweifel nichts an Dichte und Intensität vermissen ließ. Selbst das vom Band zugespielte Orchester schmälerte jetzt nicht das Live-Erlebnis. Mit einem fesselnden Zentrum wie Friedemann Vogel ist das allerdings auch kein Wunder. Von den ersten noch von Scheinwerfer-Verfolgern aus dem Dunkel heraus geleuchteten Bewegungen bis zur Ekstase des Zusammensturzes fesselt der Ausnahme-Tänzer in der totalen Entäußerung seines wie gemeißelt muskulösen Körpers, baut aus dem sich beständig variierend nach oben schraubenden Melodie-Partikel eine Spannung auf, die von der reduzierten Rhythmusgruppe nach und nach aufgenommen wird, ehe sie sich auf den Protagonisten auf dem mittlerweile berühmt gewordenen roten Tisch stürzen. Kaum zu glauben, dass das Haus nicht einmal zu einem Viertel besetzt war, denn anhaltender Jubel und Getrampel übertrafen so manche Begeisterung vor vollen Publikumsreihen. Der Dank für diese wie durch ein Wunder doch noch möglich gewordene Ballett-Begegnung blieb die ganze Aufführung über spürbar. Und die Dankbarkeit der TänzerInnen wieder aufzutreten an ihren strahlenden Gesichtern nicht weniger.

Udo Klebes

 

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