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STUTTGART/ Ballett: PURE IN BLISS – Willkommen und Abschied von Angelina Zuccarini

28.09.2022 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett

„PURE BLISS“ 26.9.2022 – Willkommen und Abschied von Angelina Zuccarini

stz
Charakterstark und körperlich kraftvoll: Angelina Zuccarini als Carabosse in „Aurora’s Nap“

Ein gut gefülltes Opernhaus ohne Abonnenten an einem Montag Abend bei einem gewiss nicht zugkräftigen Programm – vor dieser erfreulichen Kulisse hießen die Stuttgarter TänzerInnen das Publikum zur neuen Spielzeit willkommen. Erst zum Ende der letzten Saison gab es mit dem Karriereende von Alicia Amatriain einen Abschied zu feiern, jetzt gleich zum Saisonauftakt sagte eine weitere langjährige Tänzerin Zuschauern und Kollegen Lebewohl: die Solistin Angelina Zuccarini.

Die Amerikanerin hatte 2003-2005 mit einem Stipendium ihren Abschluss an der John Cranko-Schule gemacht, war nach einem Elevenjahr ins Corps de ballet übernommen worden und die letzten neun Jahre als Solistin verpflichtet. Zudem fungierte sie viele Jahre als Compagnie-Sprecherin. Obwohl sie außer der Lise in „La fille mal gardée“, Gräfin Larisch in „Mayerling“ und ihrer in der letzten Spielzeit wenigstens einmal getanzten Traumrolle der Katharina in „Der Widerspenstigen Zähmung“ hauptsächlich mit Solo-Partien in der zweiten Reihe betraut war, erweckte die aus Michigan stammende Künstlerin nie den Eindruck im Schatten der Hauptrollen-Darsteller zu stehen. Mit starkem Charakter und ebensolcher körperlicher Konstitution war sie – egal ob sie auf Spitze Pirouetten drehte oder lässig locker dem Modern Dance zugewandte Formen bediente (sie hat in den 17 Jahren im Stuttgarter Ballett so gut wie in allen Stücken mitgewirkt) – eine ungemein zuverlässige und in technischer Hinsicht sicher präparierte Ballerina. Ihre Kraft und ihre Power, ja Fähigkeit zur Rasanz und Attacke, ließen auch kleinere Aufgaben wie ihre besonders markante Szene als Pumphutt in Demis Volpis „Krabat“ zu Höhepunkten erwachsen. Angelina Zuccarini ist das beste Beispiel dafür, dass es auf der Bühne keine Nebenrollen, sondern nur gute und weniger gute gibt. Auch aufgrund ihrer Vielseitigkeit wird sie eine deutliche Lücke in der Compagnie hinterlassen. Beweisen konnte sie sie an diesem Abend mit Choreographien von Johan Inger noch einmal in allen drei Programmteilen.

Zuerst in „BLISS“ zu den sich magisch steigernden spontan improvisierten Klängen von Keith Jarretts legendärem Köln Concerto, wo sie sich mit einigen Mitstreitern (allen voran Matteo Miccini und der an diesem Abend auch in allen drei Stücken auf unterschiedlichste Art Feinheit und Rollen-Intuition beweisende Alessandro Giaquinto) so gelöst den Freiräumen von Musik und Choreographie aufgehend hingab, dass so mancher im Publikum dazu geneigt war, den Rhythmus am Platz aufzugreifen.

Danach im konträren, weil Problem beladenen „OUT OF BREATH“ zur titelgemäß immer mehr außer Atem geratenden Musik von Jacob Ter Veldhuis und Felix Lajkó (wahrhaft bravourös Sebastian Klein an der Solo-Violine), wo sie mit 5 KollegInnen innere und äußere Grenzen zu überwinden suchte.

Und zuletzt in Ingers manchmal etwas knapp an der Grenze zur Farce entlang schrammender Kurzversion des Dornröschens unter dem Titel „AURORA’S NAP“, wo sie die Vereinigung von Elisa Badenes Aurora und Friedemann Vogels Prinz als schwarz spinnenhafte Carabosse mit hochtoupierter Frisur zwar nicht verhindern kann, aber eine Präsenz und körperliche Gestaltungs-Dichte bietet, mit der sie locker auch das weitaus umfangreichere und anspruchsvollere Original in Marcia Haydées opulenter Klassik-Version ausfüllen würde, so die böse Fee dort auch mit einer Frau besetzt werden dürfte.

Angelina Zuccarini, die aufgrund beruflicher Entwicklungen ihres Mannes mit ihm in die USA zurückkehren wird, hat durchaus ein Stück Stuttgarter Ballettgeschichte geschrieben. Dafür waren ihr verdiente Solo-Ovationen und Blumen sicher.             

Udo Klebes

 

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