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STUTTGART/ Ballett: „PURE BLISS“ – in verspäteter Alternativ-Besetzung

28.04.2022 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett

„PURE BLISS“ 17.4.2022 nm. – in verspäteter Alternativ-Besetzung

Gerade noch geschafft: aufgrund von Corona-Fällen in der zweiten Besetzung dieses Ballettprogramms mit Choreographien von Johan Inger musste deren Debut verschoben werden. Für immerhin zwei Vorstellungen hat es dann zum Glück noch gereicht. Von der zweiten ist hier nun die Rede.

Wie meist beim Stuttgarter Ballett sind nachfolgende Solisten und Gruppierungen kaum oder nur wenig den Ersten nachstehend. „BLISS“ bietet schon rein musikalisch betrachtet eine ideale Basis, auf der sich die Lust am Tanzen selbst und die Musikalität für Rhythmus und ad hoc entstehenden Bewegungsimpuls wie von alleine entfaltet. So in sich geschlossen Keith Jarretts berühmtes Free Jazz „Köln Concerto“ wirkt, aber doch ganz spontan improvisiert wurde, so choreographisch strukturiert ist Ingers Tanz-Konzept, obwohl es die TänzerInnen wie aus dem Stand heraus entfalten. Wie aus dem Nichts vereinnahmen nach und nach Frauen und Männer die Bühne in verschiedenen, wechselnden kleinen Kombinationen, durchqueren sie, lässig mit der antreibenden Kraft der Musik spielend, und verlassen sie ungezwungen wieder, bis einer übrig bleibt, der von ihr noch so mitgenommen scheint, ehe er den anderen folgt.

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  Adhonay Soares Da Silva in „Bliss“. Foto: Stuttgarter Ballett

Ob der athletisch präsente Adrian Oldenburger, der sanft gefühlvolle Flemming Puthenpurayil, die kesse Elisa Badenes, die wie meist bezaubernde Aurora De Mori, der wendige Adhonay Soares Da Silva oder der gelassene Martino Semenzato, gefolgt von weiteren acht KollegInnen – jede Position hat da ihre Richtigkeit, jeder Tänzertyp findet da seinen Platz und kann seine Freude am Improvisieren ausleben.

Auch in „OUT OF BREATH“ durchmessen die Akteure die Bühne, umrunden sie auch, doch folgen sie hier nicht einem bloßen musikalischen Impuls, sondern machen dies u.a. als Anläufe zur Überwindung einer geschwungenen Wand verständlich, die die Grenze zwischen Leben und Tod markiert. Initiiert durch ein persönliches Schicksal in seiner Familie hat Inger die Metapher des Nahebeieinanderliegens von Diesseits und Jenseits zu teils beklemmenden Körperfiguren geformt. Zwischen Haltversuchen, Fallenlassen und Abstürzen finden besonders die psychisch starke Angelina Zuccarini, die wandlungsfähige Mackenzie Brown und der inzwischen auch als Autor seines ersten Buches psychologische Einfühlsamkeit beweisende Alessandro Giaquinto brennen sich besonders stark ins Gedächtnis. Dicht gefolgt von Vittoria Girelli, Flemming Puthenpuryail und Fabio Adorisio.

Einen nicht unerheblichen Beitrag zur Gesamtwirkung der Choreographie liefert die zuerst düster lastende (Jacob Ter Veldhuis), dann sich in immer fiebrigeren Wahnsinn steigernde (Felix Lajkó) Streichermusik mit dem sich furios hinein legenden und dafür eine Sonderovation erhaltenden Solo Geiger Sebastian Klein.

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Mackenzie Brown (Aurora), Agnes Su (Fliederfee) und die 4 Prinzen in „Aurora’s Nap“. Foto: Stuttgarter Ballett

Fast zwei Monate nach der Erstbegegnung bei der Premiere erweisen sich die zahlreichen Pointen, die Inger in seine Kurzversion des Dornröschens unter dem Titel „AURORA’S NAP“ eingebaut hat, als durchaus tragend, auch wenn die eigentliche Überraschung nicht mehr gegeben ist. Ob jede/r diese etwas heikle Gratwanderung zwischen Slapstick und tiefer gelagerter Komik goutiert, spielt keine Rolle. Unbestritten ist diese besondere Version mit ihren Querverweisen auf die parallel im Repertoire befindliche klassische Choreographie und die Stuttgarter Tanzgeschichte ein besonderes Vergnügen für Eingeweihte.

Mackenzie Brown macht im Ganzen und speziell im etwas entschärften, aber dennoch viel Standvermögen und Balance erfordernden Rosen-Adagio ganz klar sichtbar, dass sie die nächste klassische Aurora sein wird. Die Halbsolistin zeigt jetzt schon, dass bereits eine Solistin, wenn nicht gar Erste Solistin in ihr steckt. Die Rolle ihres Erweckers Prinz Desiré ist tänzerisch eher unergiebig, so dass David Moore ihm nicht viel mehr als die Züge des hier etwas gelangweilten Mannes aus gutem Hause nebst einer bei ihm gewohnten tadellosen körperlichen Umsetzung geben kann. Beider an das kurze „Party“-Finale angehängter Pas de deux, befreit bis auf die notwendigste Bekleidung als Symbol eines Aufbruchs in eine von Gesellschaftszwängen erlöste Zukunft, setzt mangels choreographischer Ideen keinen abschließenden Höhepunkt. Er versickert genauso wie die traditionelle Pas de deux Musik dazu ganz leise wie eine Reminiszenz aus einem entfernten Grammophon zu hören ist.

Agnes Su ist eine quecksilbrig liebevolle Fliederfee, Anna Osadcenko die choreographisch bedingt nur begrenzt Furcht erregende Carabosse, Alessandro Giaquinto ein fein pfiffiger, sich anfangs auch als Dirigent einmischender Haushofmeister Catalabutte. Veronika Verterich und Matteo Crockard-Villa sind ein amüsantes Königspaar. Als Gestiefelter Kater, Rotkäppchen und Blauer Vogel (aus der klassischen Märchenhochzeit) stört jetzt Mizuki Amemyia jeden der drei kurzen Akte mit einer schnellen Tiersprachen-Einlage, ehe sie von der Bühne gedrängt wird.

Ein Pauschallob den vier Prinzen, weiteren Feen und den Gesellschaftsmitgliedern, die von Inger geschickt in den Ablauf integriert worden sind.

Wolfgang Heinz leitet das Staatsorchester Stuttgart mit Verve und Bemühung um Differenzierung und klangliche Details durch die auf eine große Suite von einer knappen Stunde gekürzte Tschaikowsky-Musik.

Udo Klebes

 

 

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