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STUTTGART/ Ballett: „ONEGIN“ – wenn das zweite das erste Paar in den Schatten stellt

06.11.2021 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett: „ONEGIN“ 5.11.2021 – wenn das zweite das erste Paar in den Schatten stellt

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Anna Osadcenko (Tatjana) und David Moore (Onegin) im Widerstreit der Gefühle. Foto: Stuttgarter Ballett

Die erste Alternativ-Besetzung nach der Wiederaufnahme stand im Zeichen von David Moores Debut in der Titelrolle, umgeben von vier in ihren Rollen bereits erfahrenen KollegInnen. Diese Situation bot für ihn eine besondere Herausforderung, sowohl in puncto Präsenz als auch im Zusammenwirken mit der von ihm zuerst verschmähten und später bereuend begehrten Tatjana. Wo der Brite mit klarer klassischer Linie und empfindsamer Gestaltungsgabe bisher eher nicht auf Anhieb nach vorne drängte, macht er jetzt als gelangweilt arroganter Dandy von seinem ersten Auftritt an voll auf sich aufmerksam. Mit glaubhaft weltmännischer Haltung und Blicken von oben herab, unterstützt durch eine elegant schnittige Bewegungsnote, geraten vor allem seine Soli zu Bilderbuch-Qualität. Die Mimik bleibt dabei eher sparsam eingesetzt, es bleibt manchmal bei einem herablassenden Augenaufschlag und einem noch etwas monochromen Mienenspiel. Ob die verführerische Seite im Spiegel-Pas de deux, das diebische Vergnügen im Tanz mit Olga oder die leidende Sehnsucht nach jahrelanger Abstinenz – das bleibt alles noch etwas verhalten und bedarf vieler weiterer Aufführungen zur Detailfindung. In technischer Hinsicht braucht er sich hinter großen Rollenvorgängern nicht zu verstecken, da klappt mehr oder weniger alles sehr sauber, von geschmeidigen Drehungen in seinen Soli bis hin zu den zahlreichen komplizierten Hebefiguren. Wobei er es in den Pas de deux leichter haben könnte als mit der choreographisch sehr sicher wirkenden, aber etwas schwerfällig in den Armen liegenden Anna Osadcenko, Deren Tatjana ist als solche in der Rollenzeichnung geprägt von menschlicher Reife und tiefem Verständnis – gerade auch in der Entwicklung von romantischer Schwärmerei hin zu klugem Realitätssinn an der Seite des Fürsten Gremin. Diesen charakterisiert Roman Novitzky, am Vorabend selbst noch ein zuletzt ganz gebrochener Onegin, als Gesellschaftsrepräsentant voller Güte und mit gutem Geschick, die wie erwähnt nicht gerade leichte Tatjana im Pas de deux ehelicher Eintracht wie auf Händen zu tragen.

Viel Freude bereitete das zweite, aber deshalb keineswegs im Schatten stehende Paar – im Gegenteil: Angelina Zuccarini und Marti Fernandez Paixa füllten die Bühne mit raumgreifendem Charme, duftig frischer Gefühlsemphase und sichtbarem Spiel-Vergnügen. Stechen bei ihrer Olga die Verbindung aus jung gebliebener Fortgeschrittenheit und gewohnt bombensicherer Spitzentechnik heraus, so sind es bei seinem Lenski leidenschaftliche Hingabe und ein locker dynamischer Körpereinsatz bis hin zu auffallend weich und musikalisch exakt ins Ganze eingebundenen Hebungen.

Die neu in die Mutterrolle der Larina eingestiegene Joana Romaneiro Kirn wirkt trotz guter Maske und Darstellung jünger als ihre Töchter, Angelika Bulfinsky ist dagegen eine bereits trefflich installierte Amme.

Das Corps de ballet hatte seine besten Momente wie so oft wieder im Bauerntanz des ersten Aktes, Wolfgang Heinz forderte das Staatsorchester Stuttgart, wie schon in der Wiederaufnahme angemerkt, zu manch genauerer Detailbeachtung und aufgefrischtem Glanz heraus. Stürmischer Beifall im nun endlich wieder voll belegbaren und selbstverständlich auch komplett belegten Opernhaus.

  Udo Klebes

 

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