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STUTTGART/ Ballett: ONEGIN – Sondervorstellung zur Verabschiedung von Alicia Amatriain

13.07.2022 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett

„ONEGIN“ 12.7. 2022– Sondervorstellung zur Verabschiedung von Alicia Amatriain

onegin verabsch.amatriain mit birgit keil 12.07.22
Alicia Amatrian mit Birgit Keil bei der Verleihung des nach ihr benannten Preises. Copyright: Stuttgarter Ballett

Programmänderung für einen besonderen Anlass – „Onegin“ statt „Dornröschen“. Für die Verabschiedung von Alicia Amatriain, die das Stuttgarter Ballett seit mehr als 20 Jahren durch ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten und ihr in alle Welt hinausreichendes Renommee  wesentlich geprägt hat und nun aufgrund einer Hüftoperation ihre Karriere nach der Geburt ihrer Tochter im Frühjahr 2020 nicht mehr fortsetzen kann, ist ein solcher Spielplan-Eingriff kein notwendiges Übel, sondern eine Geste der Dankbarkeit und Ehrerweisung. Die 1998 aus der John Cranko Schule in die Compagnie gekommene, bereits nach vier Jahren zur Ersten Solistin avancierte und 2015 mit dem Titel einer Kammertänzerin bedachte Spanierin sollte wenigstens noch Gelegenheit bekommen, Kollegen und Publikum öffentlich Adieu zu sagen.

John Crankos perfektes nach Puschkin adaptiertes Ballett, in dem Amatriain jahrelang selbst die Tatjana getanzt und diese Rolle sich sicher auch für ihren Bühnenabschied erträumt hatte, bietet die idealen Voraussetzungen, dass auf alle Akte verteilt ein Großteil der Ersten Solisten und Solisten und natürlich auch das Corps de ballet ihr Reverenz erweisen konnten. Für all diejenigen, die mit der Compagnie nicht so vertraut sind, gab Ballettintendant Tamas Detrich vor Beginn eine amüsante Einführung mit Hinweisen, wer in welchem Akt welche Rolle übernimmt, und dass es sich bei dem „Man in black“ um Onegin handelt.

Diese spezielle Version mit einer Fotoschau quer durch Amatriains riesiges Repertoire während des Orchestervorspiels bot so auch eine seltene Gelegenheit mehrere Interpretationen einer Partie innerhalb einer Vorstellung vergleichen zu können.

Im ersten Akt markierte der von Angelina Zuccarini (Olga) und Adhonay Soares Da Silva (Lenski) vor allem auch seinerseits erfreulich erfühlt und punktgenau phrasierte und ausbalancierte Pas de deux einen ersten Höhepunkt. In ausgezeichneter Verfassung stellte Jason Reilly sodann die Arroganz als auch die verführerische Seite Onegins in den Raum, als Tatjana zuerst angehimmelt von der fast scheuen Agnes Su, ehe im Spiegel-Pas de deux Anna Osadcenko viel Erfahrung und Rollenverständnis sichtbar machte. Vervollkommnet wurde der erste Akt durch die urig goldige Amme von Überraschungsgast oder besser gesagt regelmäßiger Wiederkehrerin Marcia Haydée.

Im zweiten Akt schlüpfte Marti Fernandez Paixa mit überzeugender Haltung und viel Details zwischen den Zeilen in die Titelrolle, während nun Rocio Aleman im flehenden Solo ihr Herz als Tatjana ausschüttete. Dazu kamen Matteo Miccini als musikalisch choreographisch sehr exakter, in der Entwicklung seiner Eifersucht etwas zu undifferenziert bleibender Lenski und die für den Charakter der Olga etwas zu geziert steif bleibende Veronika Verterich. Kurz in Erscheinung trat sehr würdevoll Clemens Fröhlich als Fürst Gremin, mit dem sich Tatjana als Tanzpartner vorläufig begnügen muss, während ihre Augen nur Onegin gehören.

Der dritte Akt zeigte als Tatjana zuerst Miriam Kacerova im Pas de deux mit Roman Novitzky als Gremin als Sinnbild von Harmonie in Linie und Seelenverwandtschaft – kein Wunder, sind die beiden doch im richtigen Leben ein Paar. Kurz davor trat bereits Friedemann Vogel als Onegin in der Traumsequenz in Erscheinung, ehe er mit Elisa Badenes als Tatjana den immer wieder fesselnden Final-Pas deux zu einem Mini-Drama innerhalb der ganzen Geschichte erhob, beide ganz und gar in ihren Positionen aufgehend und damit ein Höhepunkt der Vorstellung als Verbeugung vor Alicia Amatriain, die viele ihrer Rollen selbst mit so viel Intensität gelebt hat.

alicia amatriain verabschiedung 12.07.22
Alicia Amatriain – zum Abschied Verneigung vor einer großen Tänzerpersönlichkeit. Copyright: Stuttgarter Ballett

Nach den Einzelvorhängen für alle Beteiligten, wobei das Corps de ballet auffallend stärker akklamiert wurde als bei gewöhnlichen Aufführungen, kam die Beehrte schließlich samt Töchterlein auf die Bühne. Zur Wiederholung der Polonaise durch das diesmal wohl versehentlich um einen Extrabeifall gekommene Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung des versierten Wolfgang Heinz defilierten alle Mitwirkenden und jahrelange Vertraute aus dem Mitarbeiter-Stab mit einer Rose zum Abschied an ihr vorbei, zuletzt ihr Entdecker Reid Anderson und Tamas Detrich mit Sträußen roter Rosen.

Die Krönung stand allerdings noch bevor: die Verleihung des ersten mit 10.000,– Euro dotierten Birgit Keil-Preises an die erste Stipendiatin, die die ehemalige Stuttgarter Primaballerina in ihrer Tanz-Stiftung 1996 bedacht hatte. Somit schließt sich ein Kreis in Form einer Auszeichnung (zuvor hatte sie schon zahlreiche bedeutende Fachpreise erhalten) für eine internationale Tänzerpersönlichkeit, die alle in sie gesetzten Erwartungen in höchstem Maße erfüllt hat sowie Vorbild für viele nachfolgende Tänzerinnen und Muse für zahlreiche Choreographen war. Unter bunten Luftschlangen nahm sie schließlich die stehenden Ovationen sichtbar bewegt und emotional gebeutelt entgegen, während ihr Töchterchen in einer Staunen machenden Ruhe alles um sich herum geschehen ließ, als ob ihr die Souveränität für einen Bühnenauftritt bereits jetzt eingeimpft worden wäre.

Udo Klebes

 

 

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