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STUTTGART/Ballett: ONEGIN (dreimal): Reife des Alters und Frische der Jugend

26.10.2022 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett

„ONEGIN“ 16.10. (nachm.+ab.) / 22.10./25.10. – Reife des Alters und Frische der Jugend

Blank geputzt auf Präzision bis in die Corps de ballet-Reihen hinein präsentierte sich das Stuttgarter Ballett bei dieser neuen Serie von Vorstellungen des allseits hoch geschätzten Puschkin-Klassikers von John Cranko und somit in Vorzeige-Verfassung für Filmaufnahmen, die von den diesen beiden ersten Reprisen voraus gegangenen Aufführungen gemacht wurden. So sauber und exakt in den synchronen choreographischen Ausformungen der verschiedenen Gruppentänze war das Ensemble, in dem schon einige künftige Solo-Rollen-Anwärter versteckt sein dürften, schon lange nicht mehr zu sehen.

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Miriam Kacerova (Tatjana) und Marti Fernandez Paixa (Onegin) beim ersten Aufeinandertreffen. Copyright: Stuttgarter Ballett

In den Hauptrollen mischten sich von Lebenserfahrung geprägte mit jugendliche Emphase  versprühenden Besetzungen. Am Nachmittag des warmen Herbst-Sonntags trafen Marti Fernandez Paixa als Onegin und Miriam Kacerova als Tatjana aufeinander. Er ein von arroganter Borniertheit zu echter Reue gelangender Dandy mit von ihm gewohnt viel Geschick in der Beimischung von Mimik und Gestik gepaart mit geschmeidig weicher Danseur noble-Qualität, gekrönt von einer stupenden, einen fließenden Ablauf gewährenden Hebetechnik; sie eine ganz natürlich aus sich heraus wirkende, immer ruhig konzentrierte, doch stets den Kern ihrer Entwicklungsphasen erfassende Landguts-Tochter mit rundum zuverlässiger und partnerschaftlicher Hingabe.

Eine knappe Woche später kam Paixa wieder mit seiner bisherigen Tatjana zusammen, der stets so fein und apart gestaltenden Mexikanerin Rocio Aleman, die ihren Gefühlen von banger Erwartung, freudiger Hoffnung und umso bitterer Enttäuschung freien Lauf lässt und sich innerlich gereift als starke Frau dem reuevoll um sie bemühten Onegin gegenüber tritt. Der finale Pas de deux wurde dank beider Leidenschaft zu einer erneut emotionsgeladenen Begegnung.

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Eine große Freude als Lenski: Gabriel Figueredo: Foto: Stuttgarter Ballett

Die größte Spannung lag am Sonntag-Nachmittag in der Wiederbegegnung mit Gabriel Figueredo, dem als besonderes Talent aus der Cranko-Schule hervorgegangenen brasilianischen Halbsolisten, der seinem Debut als Lenski im Herbst des Vorjahres bis jetzt keinen weiteren Einsatz hinzufügen konnte. Deutlich entwickelt im Habitus des Auftretens und der persönlichen Ausstrahlung stellte er einen vom ersten Auftritt an glaubhaft sensiblen wie sympathisch liebevollen Poeten auf die Bühne. Port de bras und hohe Arabesquen sind linienklar ausgeformt und werden im wehmutsvollen Solo vor dem Duell in den Dienst einer schon bemerkenswert verinnerlichten Expressivität gestellt. Und dennoch bleibt auch nach der weiteren, bereits nochmals gesteigerten Vorstellung eine Woche später noch Luft nach oben, sowohl in der Großzügigkeit des Tanzens wie auch der Aufschlüsselung von Lenskis beständig anschweller Ehr-Beleidigung bis zur Duell-Forderung.

Die Olga an seiner Seite, Veronika Verterich, ist jetzt nicht mehr so geziert und hat an Lockerheit und damit an unbekümmerter Lebenslust gewonnen und mit den einwandfreien technischen Fertigkeiten in Übereinstimmung gebracht. Clemens Fröhlich verkörpert einen in seiner Würde und Zugewandtheit glaubhaften Fürsten Gremin mit durchgängiger Führungssicherheit im Pas de deux.

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Geballte Emotionen zwischen Elisa Badenes (Tatjana) und Jason Reilly (Onegin) in der letzten Begegnung. Foto: Stuttgarter Ballett

Am Abend stand das dann innerhalb von vier Tagen drei Mal zum Einsatz gekommene, beiderseits mit Onegin und Tatjana tief vertraute Paar Jason Reilly und Elisa Badenes auf der Bühne. Der Kammertänzer hat sich den gelangweilten Privatier inzwischen in jedem Detail zurecht gelegt und demonstriert im zweiten Akt eine mehr boshafte denn aus Unsicherheit geborene Blasiertheit, findet aber bei der Wiederbegegnung mit der mittlerweile verheirateten Tatjana zu glaubhaftem Bedauern seines einstigen Gebarens. Es ist genauso beglückend zu sehen, wie er in der Spätphase seiner Tänzerlaufbahn auch technisch noch einmal über sich hinaus wächst und sich die spanische Primaballerina getragen von seiner unerschütterlichen partnerschaftlichen Kraft total in die um ihr Glück kämpfende Tatjana hinein fallen lässt. Aber auch alleine ist sie ungemein stark, wenn sie z.B. ihr Solo auf dem Geburtstagsfest vor dem gelangweilt Karten legenden Traummann mit maximaler, geradezu berstender Intensität an verzweifeltem Flehen auflädt und einen Akt später nach der Zurückweisung des nun ebenfalls um ihr Gehör ringenden Onegin unter Tränen um Fassung ringt.

Eine gute Woche danach entfaltete Reilly wiederum neue kleine Nuancen an der Seite von Agnes Su, der jüngst in die erste Reihe aufgerückten Amerikanerin. Durchgestreckt in allen Positionen und mit feiner Mimik warf sie sich über alle Herausforderungen erhaben in das Gefühlsleben Tatjanas vom anfänglichen fast schüchternen Schwärmen bis zur Haltung zeigenden Gattin des Fürsten Gremin, dem Matteo Crockard-Villa zwar in der Präsenz aber technisch mit teilweise schon etwas schwerfälligen Hebungen nicht mehr wirklich gerecht wird. Roman Novitzky zeigt dagegen in dieser Rolle, dass auch nach seiner Verabschiedung als erster Solist in so einer für eine als Partner durchaus nicht anspruchslosen Charakterstudie weiter mit ihm zu rechnen ist.

Mackenzie Brown und Henrik Erikson sind von den Aufführungen im letzten Herbst als auf Anhieb ideales Nachwuchspaar für Olga und Lenski in Erinnerung geblieben und haben dies jetzt erneut bestätigt. Wobei sich bei Brown ansteckend vergnüglich tänzerische und spielerische Qualität noch stärker decken als bei Eriksons den technischen Stand vorläufig noch überstrahlender Bühnenpräsenz mit schon weitreichender selbstreflektierender Interpretation.

Umgekehrt ist es bei Adhonay Soares Da Silvas Lenski: da sitzen alle Schwierigkeiten der klassischen Schule wie im Bilderbuch, sein Körpermaß ist aber leider für viele Tänzerinnen etwas zu klein und damit als Partner nicht ideal. Seine Darstellung kann weiterhin nicht dem Tanz Schritt halten, es fehlt an Zwischentönen und dynamischer Gestaltung. Der keck charmanten Olga von Fernanda Lopes, die sich technisch immer mehr entwickelt, kann dies nichts anhaben.

Sonia Santiago (Madame Larina) und Magdalena Dzigielewska (Amme) sowie alternativ Joana Romaneiro Kirn (etwas zu jung für die Mutterrolle) und Angelika Bulfinsky füllen ihre Rollen funktionsgerecht aus. Das Staatsorchester Stuttgart erzielte unter der durchgängig animierenden Leitung von Wolfgang Heinz eine im Repertoire-Alltag auch nicht immer so selbstverständliche, klanglich durchgeputzte, nur in der Polonaise noch etwas ungehobelt lärmende und das Drama mitgestaltende Leistung.

                                                                                                                      Udo Klebes

 

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