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STUTTGART/ Ballett: „ONEGIN“ – beeindruckender Nachwuchs

06.11.2021 | Ballett/Tanz

Stuttgart/Ballett: 4.11.2021: „ONEGIN“ – beeindruckender Nachwuchs

Wie hier bereits mehrmals erwähnt, spricht es sicher für das hohe Niveau des Stuttgarter Balletts, dass die meisten Vorstellungen nicht nur zahlreiche Besetzungen haben (können) sondern auch, dass einige dieser manchmal der Erstbesetzung um nichts nachstehen oder, dass die zweiten Paare dem Hauptpaar manchmal sogar die Show stehlen können.

Bei gleich fünf Besetzungen für „Onegin“ in dieser Spielzeit kann man somit vor jeder gespannt sein. An diesem Abend wurde man mit nicht nur vom Nachwuchs sondern auch mit neuen Eindrücken des beliebten Klassikers belohnt.

In der Titelrolle konnte Roman Novitzky, Jahre später nachdem er sein Rollendebüt auf Tournee und bei anderen Compagnien gab, dieses endlich in Stuttgart nachholen. Der sonst sehr vielfältige Slowake, der neben Erster Solist auch als Choreograph und offizieller Fotografen des Stuttgarter Balletts tätig ist, scheint diese Vielfalt in der Rolle des Onegin noch nicht gefunden zu haben. Seine Interpretation fällt etwas blass aus, vor allem im ersten Akt, der maßgeblich für die Einführung der Charakters ist, sind seine Bewegungen sehr ruhig, dabei wirkt sogar die Musik langsamer als sonst, ist man an dieser Stelle doch mehr Schwung und Temperament gewohnt. Vielleicht ist es auch seinem vermutlich eher ruhigen Charakter zu verdanken, dass auch seine Mimik nicht viel vom reichen Innenleben und Transformation des Onegin auszudrücken vermag, diese kommt zumindest im letzten, dramatischen, Akt jedoch am Intensivsten zum Vorschein.

Die als Tatjana rollenerfahrenere Miriam Kacerova scheint mit Novitzky etwas vom Glanz ihrer früheren Interpretationen verloren zu haben, was überrascht, sind die beiden ja im realen Leben ein Ehepaar, von dem man gerade bei dem Drama mehr Temperament erwarten konnte. Kacerova fällt im ersten Akt mit zurückhaltender Art kaum auf und im letzten Akt scheint ihr das Gespür für den – zugegeben, sehr schwierigem – Balanceakt zwischen Himmel und Hölle der letzten Szene zu fehlen, so dass nur die Verzweiflung in ihrem Ausdruck sichtbar ist, mit Höhepunkt im fulminanten Ende, wo sie am meisten überzeugen kann.

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Zu spät für die Liebe: Roman Novitzky und Miriam Kacerova als Onegin und Tatjana Foto: Stuttgarter Ballett

Technisch sicher und eingespielt wirkte das Hauptpaar bereits, sichtbar vor allem in den sehr schwierigen Hebefiguren mit Drehungen im Spiegel-Pax de deux, was darauf hoffen lässt, dass die beiden zukünftigen Vorstellungen noch mehr Ausdruck verleihen werden.

Als Olga und ihr Verlobter Lenski gaben die Halbsolisten Mackenzie Brown und Henrik Erikson ein umso überzeugenderes Rollendebüt. Die U. S. Amerikanerin traf die richtige Note als vor Leben sprühend, entzückend verspielte Olga, die mit Naivität und Koketterie das Drama im 2. Akt auslöste. Der Pas de deux mit Erikson im 1. Akt wirkte auch bereits sicher, vielleicht ist hier dennoch am meisten Entwicklungspotenzial.

Der in Hongkong geborene und in der Schweiz aufgewachsene Schwede Erikson beeindruckte trotz seiner jungen Jahre auf Anhieb als Lenski, nicht nur durch sichere Technik in der enorm schwierigen Rolle, die nicht vielen Tänzern liegt, sondern auch durch seine Interpretation. Ist er im Solo im 1. Akt noch vorsichtig, mit etwas minimalistisch geratenen Sprüngen (dafür mit umso saubereren Drehungen und Arabesquen), beeindruckt er im dramatischen Solo des 2. Aktes nicht nur mit einwandfreier Technik, sondern auch schon mit viel Ausdruck. Bereits in der Szene davor hatte er bewiesen, dass er die Rolle des Lenski begriffen hat, indem er nicht nur die Spannung des Betrogenen Verlobten überzeugend aufbauen konnte sondern es auch vermochte, neue Nuancen spürbar zu vermitteln, wie etwa die Enttäuschung über seinen Freund Onegin. So geriet die Szene, in der er den Handschuh zum Duell warf, so schwungvoll, dass dieser bereits vor dem Wurf fiel – der Handgeste vor lauter Energie wie vorauseilend.

Anschließend war im Solo vor dem Duell deutlich die Transformation vom unbekümmert Liebenden zu den mit dem Schicksal hadernden jungen Mann zu sehen, der in seinem Leid sowie in seiner Entschlossenheit berührte.

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Der Liebe und dem Tod so nahe: Henrik Erikson als Lenski. Foto: Stuttgarter Ballett

Brown und Erikson hatten an dem Abend ein mehr als beachtliches Rollendebüt – ein junges Paar, von dem man in Zukunft hoffentlich noch mehr sehen kann.

Ebenso überzeugen konnte auch Clemens Fröhlich bei seinem Rollendebüt als Fürst Gremin, dem er die entsprechende aristokratische Note verleihen konnte, gepaart mit dem nötigen Gefühl für seinen Charakter. Dies wird vor allem am Ende des Pas de deux mit Tatjana in der Ballszene deutlich: berührend vermittelt er da Achtung und Zuneigung, die bezeichnend sind für das Leben, das er mit Tatjana aufgebaut hat.

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Respekt und Zuneigung: Miriam Kacerova als Tatjans und Clemens Fröhlich als Fürst Gremin. Foto: Stuttgarter Ballett

Das Corps de ballet begleitete schon fast routiniert die Hauptpaare, lediglich die Ballszenen könnten an manchen Stellen etwas mehr Synchronizität haben. Das Staatsorchester Stuttgart zeigte unter der Leitung von Wolfgang Heinz einmal mehr, dass es sich dem Tempo der Tänzer anpassen kann.

Viel Applaus vom Publikum im ausverkauften Opernhaus gab es für alle Mitwirkende. Den berühmten Ballettklassiker könnte man sich jede Spielzeit im Repertoire wünschen.

Dana Marta

 

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