Stuttgarter Ballett: „ONEGIN“ 25./26./27.9. – Nachwuchs-Debuts zum Saisonbeginn

Locker liebenswertes Debut: Edoardo Sartori (Lenski) und Irene Yang (Olga). Copyright: Roman Novitzky / Stuttgarter Ballett
John Crankos Puschkin-Ballett war die letzte Wiederaufnahme der vergangenen Spielzeit, und damit begann nun auch die neue Saison, bevor die Compagnie zu ihrer ersten Australien-Tournee mit Marcia Haydées „Dornröschen“ im Gepäck aufbricht.
Am Einstands-Abend garantierten Elisa Badenes und Friedemann Vogel wieder für höchsten Standard in der Verschmelzung von verinnerlichter Interpretation, technischer Feinabstimmung und zwischenmenschlich harmonischer Partnerschaft. Dabei vermögen beide die gegenläufigen Entwicklungen von Tatjana und Onegin immer noch weiter auszubauen und in kleinen Details sichtbar zu machen.
Auch das zweite Paar vermittelt mit weit weniger Erfahrung einen Großteil dessen, was von Ersten Solisten erwartet werden darf. Gabriel Figueredo ist ein Lenski von hoher Sensibilität und einer berückend schönen Linie und Tiefe im Ausgestalten seines Leids über den Verlust von Olga. Seine Möglichkeiten an hoher klassischer Schule schöpft er an diesem Abend indes nicht ganz aus (Sprünge). Die neu gekürte Erste Solistin Abigail Willson-Heisel verkörpert in tadelloser Form eine Olga mit Liebreiz und Lebensfreude. Jason Reilly ergänzt als in Würde und Partner-Geschick vollkommen gesetzter Fürst Gremin.

Leidvolles Wiedersehen: Anna Osadcenko (Tatjana) und Henrik Erikson (Onegin). Copyright: Roman Novitzky / Stuttgarter Ballett
Am Abend darauf feierte Henrik Erikson sein Stuttgarter Debut in der Titelrolle, nachdem er die Partie unvorhergesehenerweise durch den Ausfall eines Kollegen im Oktober letzten Jahres während der USA-Tournee schnell einstudiert und dort zur Premiere gebracht hatte. Wie nach seinen bisherigen Rollen zu erwarten war, erfaßte er die wesentlichen Elemente von Onegins Charakter (das Auftreten, die Noblesse in Haltung und Technik, die kühle Arroganz seines Wesens), doch fehlte es naturgemäß noch an der durchgehenden Ausgestaltung. Vielleicht ist auch der Abstand zu seinem noch so präsenten Lenski, als dessen idealer Vertreter er erst vor der Sommerpause noch mehrmals zu sehen war, noch zu gering, wobei sich generell die Frage stellt, ob es möglich ist beide Charaktere parallel gleichermaßen überzeugend zu erfassen. Erikson hat jedenfalls noch genügend Zeit als Onegin zu reifen. Neben dem generellen Pluspunkt seiner Bühnenpräsenz erwies er sich jetzt auch als sehr hilfreicher Partner, als es darum ging, die Vorstellung mit der während der Aufführung gehandicapten Anna Osadcenko im Wesentlichen erfüllt und emotional erhöht über die Runden zu bringen. Dabei behauptete sich diese als gefestigte, im Wachsen vom schwärmerischen Mädchen zur Dame der hohen Gesellschaft versiert intuitive Tatjana.
Große Spannung lag in dieser Vorstellung auch über dem Nachwuchs von Lenski und Olga. Es gab jedoch keinen Grund zur Aufregung, denn Edoardo Sartori und Irene Yang absolvierten ihre Debuts locker und ohne sichtbar einschränkende Nervosität. Der Halbsolist war bislang als äußerst gewissenhafter Tänzer hervor getreten und bestätigte dies auch als feiner, in allem präziser und strahlend sympathischer Lenski, dessen Wandel zum von Eifersucht und Enttäuschung zernagten Freund Onegins er umso deutlicher zum Vorschein brachte. Sein Solo vor dem Duell kulminierte in einem auf schlichte Weise ergreifenden stummen Klagelied. Einen genauso runden Einstand servierte seine frisch zur Solistin ernannte Partnerin als Olga mit fast kindlicher Freude, aber auch nachdenklich irritierter Reaktion auf Onegins wiederholte Herausforderung zum Tanz. Fabio Adorisio zählt inzwischen zu den Fürst Gremin-Darstellern, die ein sicheres Pas de deux-Fundament in Verbindung mit der Vermittlung von Geborgenheit aufbieten.

Blitzstart in die neue Saison: Peter Hull als Lenski. Copyright: Roman Novitzky / Stuttgarter Ballett
Am dritten Abend stand ein insofern besonderes Lenski-Debut im Mittelpunkt, als Peter Hull erst letztes Jahr seinen Abschluss in Monte Carlo gemacht hatte, dann ins Corps de ballet nach Stuttgart engagiert und nach auffallenden ersten Soli ab sofort zum Halbsolisten befördert wurde. Ein solcher Blitzstart hegt natürlich enorme Erwartungen, die der aus Kalifornien stammende Tänzer alles in allem prompt zu einem erfreulich großen Teil erfüllen konnte. Groß, attraktiv und präsent als Erscheinung ist er weniger ein romantischer Poet als ein einfacher, von Illusionen behafteter, für sein Alter schon sehr erwachsen wirkender junger Mann, der mit Onegins Affront überfordert scheint und erst im letzten Moment zur Duell-Forderung explodiert. Seinem Solo fehlt es entsprechend noch an der Verkörperung von Trauer, doch findet er in musikalischer Feinfühligkeit zu einer dennoch ansprechend mitteilsam bewegenden Interpretation. Rein choreographisch betrachtet hat er alles an hier immens geforderter Linie, Sprungkombination und im Partnern mit der persönlichkeitsstarken Olga von Diana Ionescu gut kontrolliert im Griff.
Im übrigen war das Hauptpaar vom Vorabend wieder angesetzt, doch der Ausfall von Anna Osadcenko hatte zur Folge, dass Elisa Badenes, jetzt mit Marti Paixa, einspringen mußte und dadurch beide nach der bereits absolvierten Nachmittags-Vorstellung ein zweites Mal zum Einsatz kamen. Eine Ansage vor Beginn mit Hinweis auf diesen herausfordernden Kraftakt, den sie beide mit einer speziell auch in den Pas de deux bewundernswert fließenden Leichtigkeit und einer überwältigend leidenschaftlichen Intensität im finalen Kampf bestanden haben, wäre angebracht gewesen.
Zusammenfassend über alle drei Aufführungen muss auch das immer zuverlässige Engagement und die lebhafte Beteiligung des Corps de ballet für seine Einsätze im Bauerntanz, auf der Geburtstagsfeier Tatjanas und beim Ball in St.Petersburg extra erwähnt werden. Genauso die Vertreter der Charakterrollen, Magdalena Dzigielewska als Amme, Joana Romaneiro Kirn als Madame Larina sowie Sonia Santiago wechselnd zwischen beiden.
Auch das Staatsorchester Stuttgart trägt unter der zugkräftigen wie auch um situationsimmanenten Ausdruck bemühten, nur manchmal die Lautstärke zu wenig drosselnden Leitung von Wolfgang Heinz zum wirkungsvollen Gesamteindruck bei.
Entsprechend differenzierte Ovationen und bemerkenswert viele Blumen würdigten diesen Saison-Auftakt.
Udo Klebes

