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STUTTGART/ Ballett: „NOVITZKY / DAWSON“ 23.1. – Musik als Stimmungsträger oder als Impuls

24.01.2026 | Ballett/Performance

Stuttgarter Ballett „NOVITZKY / DAWSON“ 23.1.3026 – Musik als Stimmungsträger oder als Impuls

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Emphatischer Protagonist im Paradies: Henrik Erikson und Ensemble in „The Place of choice“. Copyright: Roman Novitzky / Stuttgarter Ballett

Das schlicht nach den beiden verantwortlichen Choreographen benannte Programm hatte im Juni 2024 Premiere. Nun ist es bereits in der dritten Saison angekommen und hinterlässt keinen wesentlich veränderten Eindruck. Für den früheren Ersten Solisten und nunmehr Artist in residence Roman Novitzky war „THE PLACE OF CHOICE“ die erste Arbeit im Opernhaus mit Live-Orchester und mit einer runden Stunde Dauer eine große Herausforderung, zumal er auf keine konkrete den Tanz befördernde Handlung greift, sondern Dantes „Göttliche Komödie“ in umgekehrtem Verlauf vom Paradies übers Fegefeuer in die Hölle (als Ausdruck und Spiegel der aktuell negativ verlaufenden Weltlage) zum stationären Stimmungsträger seiner Choreographie macht. Dazu passt auch die Auftragskomposition von Henry Vega mit ihrer sich von friedlich dominierten Streicherflächen zu bedrohlich ausgeweitetem Instrumentarium wandelnden Stimmungs-Basis, die keinen direkten oder speziellen Einfluss auf Novitzkys Schrittvorgaben aufweist, mehr freie Assoziationen bietet. Für die Mitwirkenden ist das wahrlich anspruchsvoll, ganz besonders für den im Mittelpunkt stehenden Mann, der sich in blaugrauem Outfit, teilweise mit freiem Oberkörper von der 25köpfigen Menge um ihn herum abhebt. Aliki Tsakalou hat sie in weiße, später schwarz glänzende Hosen und Jacken gesteckt. Später werfen sie letztere ab und begraben darunter den Protagonisten. Henrik Erikson war bislang Zweitbesetzung, jetzt ist er für die neue Aufführungsserie an die erste Stelle gerückt und bestätigt mit seinem empathischen Einsatz, seiner Vereinigung von körperlicher Kraft und sensiblem Nachspüren der Stimmungslagen welchen Standard er als Erster Solist inzwischen unabhängig von der jeweiligen Rolle erreicht hat. Auch da wo Novitzkys Schrittmaterial Kanten aufweist, wahrt er einen Bewegungsfluss, der dem Werk phasenweise immer mal wieder abgeht, es sich manchmal zu lange in sich wiederholenden Akzenten ausdehnt. So bleiben trotz einer kunstvoll stimmungsreichen Bühnenraum-Gestaltung mit einer großen kreisförmigen Öffnung im Hintergrund, später einer von grau-braunen Mauern eingenommenen Unterwelt, sowie Lichtregie mit oszillierenden Farbspielen vom Blau-Violett bis zu Gelb (beides Yaron Abulafia), sowie einigen wirkungsvoll aufgebauten choreographischen Strukturen und Gruppen-Einstellungen Spannungslöcher übrig, die Zeichen eines unnötig in die Länge gezogenen Ablaufs sind. Vielleicht sollte Novitzky sich doch wieder auf kürzere Stücke konzentrieren, die als Ganzes überzeugender waren. Er kann sich jedenfalls bei den Stuttgarter TänzerInnen bedanken, die auch solche Schwächen mit ihrer hohen Professionalität rein fürs Auge ein Stück weit ausgleichend ausfüllen. Aus dem Ensemble sind noch Mizuki Amemiya, Daiana Ruiz, Farrah Hirsch, Vittoria Girelli, Marti Paixa, Ciro Ernesto Mansilla, Fabio Adorisio, Dorian Plasse und Christopher Kunzelmann, die sich vor allem im ersten Teil immer wieder zu kurzen Duos vereinen, hervorzuheben.

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Hoch hinaus: Marti Paixa und Elisa Badenes im 5.Satz von „Under the trees voices“. Copyright: Roman Novitzky / Stuttgarter Ballett

  David Dawson hat lange im Stuttgarter Repertoire gefehlt. Umso willkommener war seine  erste Arbeit für die Compagnie „UNDER THE TREES VOICES“ zur Musik oder treffender gesagt maßgeblich inspiriert von der gleichnamigen zweiten Sinfonie des 2020 viel zu jung verstorbenen Pianisten und Dirigenten Ezio Bosso. Die sich im reinen Streichergewand entfaltende fünfsätzige Komposition mit ihren teilweise kammermusikalischen Feinheiten sowie einem sich mehrfach in Schleifen aufbauenden Vorwärtsdrang hat Dawson zu einem Fest neoklassisch ausgezirkelter und mit vielen hohen und ausgedehnten Hebungen und auffallend weit durchgestreckten Körpern  leitmotivartig durchzogenen Strukturen animiert. Das Naturstimmen-Charakter entfaltende Gewebe der Komposition erfüllt den leeren, nur mit wechselnd schräg positionierten Leuchtstäben ausgestatteten Bühnenraum in Verbindung mit dem durchgehenden, sich wie unendlich fortsetzenden choreographischen Verlauf als wesentlicher Entfaltungs-Antrieb. Es ist purer, auf leise Art emotional erfüllter Tanz, vor dem alles Drumherum in der Bedeutungslosigkeit verschwimmt. In ca. 50 Minuten hat Dawson eine würdige Hommage an John Cranko geschaffen, die von den Ausführenden, zumal den tragenden Männern, höchste Konzentration, Kondition und technische Präzision verlangt. In den Hauptpositionen der von Yumiko Takeshima in schlichte schwarze Trikots gekleideten Tänzer beweisen vor allem Marti Paixa, Jason Reilly und Satchel Tanner ihre hohe Partnerschafts-Kompetenz in mühelos fließenden Hebeakten mit den erste Sahne-Technikerinnen Elisa Badenes, Anna Osadcenko und als Rollendebut die nach ihrer langen Verletzungspause nun hoffentlich weiter in dieser Exzellenz durchstarten könnenden Solistin Diana Ionescu. Ihre Bühnenpräsenz kam auch inmitten des hochqualitativen Ensembles zum Vorschein.

Unter den weiteren 14 Beteiligten ist noch Gabriel Figueredo mit heraus stechender Elastizität hervor zu heben, wenngleich auch alle Weiteren aufgrund ihrer anspruchsvollen Einsätze zu nennen sind: Daiana Ruiz, Vittoria Girelli, Veronika Verterich, Irene Yang, Henrik Erikson, Martino Semenzato und Christopher Kunzelmann. Letztere beiden mit Ionescu in einem explizit ausphrasierten Trio im vierten Satz.

Der Sog der Aufführung mit einer überraschenden letzten Hebung als Schluss-Akzent mündete in spontane und ausgiebige Begeisterung, in die auch das intensiv agierende Staatsorchester Stuttgart  unter der Leitung von Wolfgang Heinz einbezogen wurde. Kein Zweifel – ein Juwel fürs Repertoire!

Udo Klebes

 

 

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