Stuttgart
- 01.2023: „NOVERRE – JUNGE CHOREOGRAPHEN“ – Kreativer Nachwuchs
Bereits 2018 wurde die Noverre-Gesellschaft aufgelöst, das Stuttgarter Ballett führt jedoch das bereits seit nun über 60 Jahre erfolgreiche Projekt zur Förderung junger Nachwuchs ChoreographInnen weiter, unter der Leitung der ehemaligen Ersten Solistin des Stuttgarter Balletts, Sonia Santiago, die auch den Abend eröffnete. Die Premiere wurde auch im Livestream auf YouTube sowie auf der Website des Stuttgarter Balletts übertragen.
Acht ChoreographInnen wurden aus den 26 Bewerbungen durch Intendant Tamas Detrich und Sonia Santiago ausgesucht, vier Stuttgarter Tänzer und vier internationale Gäste. Keiner davon war kompletter Neuling und zusammen ergaben sie eine bunte Mischung an Ideen und choreographischen Stilen.
Zunächst zu den Gästen: die erste Gastchoreographin im Programm, Anne Jung aus Frankfurt, zeigte mit “#FiveWithFive – Just a Few Moons Away“ die Verstrickungen der Beziehung zwischen fünf Tänzern, mit Hebe- und Schwebefiguren, die an Paarlauf im Eiskunstlauf erinnerten, ästhetisch und anspruchsvoll, musikalisch begleitet mit einer Rachmaninow-Bearbeitung von Cyril Baldy. Einmal orange, einmal blau beleuchtete Lampions sorgten für passende Stimmung. Am Ende bleibt ein Paar auf der Bühne, Happy End nicht ausgeschlossen, klarere Botschaft und mehr Akzente könnten dem klassischen Stil der Choreographin jedoch gut tun.
Von Modern Dance geprägt ist „Sweet Spot“ von Lucyna Zwolinska, Gast aus Saarbrücken: ein Stück, in dem viel auch am Boden getanzt wird. Stimmig dazu die Musik, inklusive namensgebendem Stück von Gabriele Basilico. Timoor Afshar, Adhonay Soares da Silva und Christian Pforr – sie drehen sich, springen und lassen sich gefühlvoll in den fließenden, schlangenartigen Bewegungen fallen, was das dynamische Stück auch nachdenklich wirken lässt.

Choreographie: Lucyna Zwolinska, Tänzer: Timoor Afshar, Christian Pforr, Adhonay Soares da Silva . Foto: Roman Novitzky/Stuttgarter Ballett
„Abụọ“ (Deutsch: „Zwei“) heißt das Stück des Gastes aus Rotterdam, Nnamdi Christopher Nwagwu und erzählt auf lateinamerikanischen Klängen von der Freundschaft zweier Männer, choreographisch mit entsprechenden Mambo-Einflüssen umgesetzt. Spielerisch am Anfang, an Kindheit erinnernd, entwickelt sich die Freundschaft immer lebhafter und reifer. Die Corps de ballet Tänzer Riccardo Ferlito und Eduardo Sartori gaben mit Humor jedoch auch berührend, dem Stück den richtigen Ausdruck. Nwagwus Bewegungssprache ist sehr unterschiedlich einsetzbar und kann sich auch in verschiedene Richtungen weiterentwickeln, man darf somit gespannt sein auf die Zukunft.

Choreographie: Nnamdi Christopher Nwagwu, Tänzer: Riccardo Ferlito, Eduardo Sartori. Foto: Roman Novitzky/Stuttgarter Ballett
Der vierte Gast des Abends, Maya Popova aus Jerusalem, tanzte auch selbst in „Earth Spell“, ein an Urvölker erinnerndes Stück von drei Kriegerinnen mit Federn- und Schnur-Schmuck auf den Köpfen und um den Hals. Sehr originell strecken die drei erst die Hände durch Löcher eines schwarzen Rockes, das auf Reifen bis zum Boden fällt, aus, bevor sie unter dem Rock herauskommen, unter dem sie am Ende auch wieder verschwinden. Dazwischen entfaltet sich eine archaisch wirkende Choreographie mit Elementen aus dem afrikanischen Tanz und modernen Touch, ganz kann man sich am Ende darauf jedoch keinen Reim machen.
Klare Bilder auch im wahrsten Sinne des Wortes zeichnet dafür der Stuttgarter Halbsolist Adrian Oldenburger. „Je ne regrette rien“ heißt sein Stück auf Musik von Edith Piaf, in dem mit echter Farbe auf ein Leinwandbild, aber auch auf die weißen Ganzkörtpertrikots der Tänzer gemalt wird. Pryscilla Gallo träumt als Malerin wohl das Bild, das tanzend und mit Farbe durch Julliane Franzoi und Satchel Tanner ins Leben gerufen wird. Die bekannte Musik wurde zwar sehr ansehnlich interpretiert, für die tolle Idee würde man sich jedoch ebenso originelle Schritte wünschen, zählt Oldenburger doch zu den erfahreneren Choreographen des Abends, ist er doch bereits das vierte Mal bei Noverre dabei.
Ein weiterer Stuttgarter Halbsolist, der sein viertes Stück bei Noverre inszeniert, ist Timoor Afshar. In „The Monster under the Bed“ tanzen Eva Holland-Nell und Fabio Adorisio ein surreales Stück von einer Krankenschwester und einem Monster in Bandagen. Skurril, jedoch auch humorvoll gehört das Stück eher dem Tanztheater an und zählt wohl zu den Versuchen, neue Ausdruckssprache und/oder -mittel zu finden. Eine klare Botschaft würde dem jungen Choreographen vermutlich eher helfen, eine deutlicherer Bewegungssprache zu entwickeln, auch über dieses Experiment hinaus.
Der Italiener Martino Semenzato ist ebenfalls kein Noverre-Neuling. Das zweite Stück des Stuttgarter Halbsolisten bei Noverre, „2M² of Skin“ (Deutsch: 2M² Haut), zeigt nach eigenen Worten den Ausschnitt einer meditativen Reise im Inneren eines selbst. Er selbst und vier weitere Tänzer in blauer Hose und mit nacktem Oberkörper tragen dabei eine Körperbemalung mit schwarzen Linien, dem menschlichen Skelett nachempfunden – vielleicht Symbol der Verbindung der Haut mit unserem Innersten. Ein in der Tat meditatives, jedoch etwas langatmiges Stück, bei dem Einflüsse von Marco Goecke deutlich erkennbar waren.
Zur Überraschung des Abends trug ein weiterer Italiener mit seiner erst zweiten Choreographie bei, die als erste des Abends getanzt wurde: der junge Eleve Emanuele Babic, der erst im Sommer seine Ausbildung an der John Cranko Schule abschloss, zeigte ein erstaunlich reifes Stück, das wie ein Akt aus einem großen Handlungsballett wirkte. „Veritas vos liberat“ soll nach den Worten des Choreographen vom Erwachen der Hoffnung auf Rettung von Zwängen und Leid handeln. Entsprechend dramatisch die Musikauswahl: der letzten Satz aus der 5. Symphonie von Dmitri Schostakowich. Nicht weniger als zehn allesamt virtuose Tänzer setzte Babic für sein Stück ein, darunter sechs Eleven, die den Kampf der Gerechten darstellen, zu dem Mut, Flehen aber auch Tod gehören. Vor allem Riccardo Ferlito überzeugte mit zahlreichen Sprüngen und Drehungen, in Soli als auch im Pas de deux mit Irene Yang. Babic setzt auf akademisch-klassischen Stil, dem er stimmig akrobatische Elemente hinzufügt, hat viel Sinn für Musikalität, Gruppendynamik sowie spektakuläre Auf- und Abgänge. Sein Stück ist jedoch sehr dicht, als wollte er all‘ sein Können in die knapp 13 Minuten packen. Das richtige Maß und differenziertere Elemente wird der Italiener in Zukunft sicher noch finden, ein junges Talent, auf das man sehr gespannt bleiben darf.

Choreographie: Emanuele Babici, Tänzer: Irene Yang, Riccardo Ferlito. Foto: Roman Novitzky/Stuttgarter Ballett
Erneut ein Noverrre-Abend auf hohem Niveau, nicht zuletzt auch dank der hochkarätigen Tänzer des Stuttgarter Balletts, die sicher wesentlich zum Erfolg der Stücke beigetragen haben. Entsprechend begeisterter Applaus vom Publikum, das seit jeher mit den jungen Choreographen mitfiebert und diese ermutigt – auch ihm ist es wohl zu verdanken, dass Noverre als erste Plattform für ChoreographInnen weltweit gilt.
Dana Marta

