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STUTTGART/ Ballett: „NEW / WORKS“ (Premiere) – allgemeine Freude siegt auch über Schwächen

20.06.2021 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett: „NEW / WORKS“ 19.6.2021 (Premiere) – allgemeine Freude siegt auch über Schwächen

Was auch immer in choreographischer Hinsicht von diesem Uraufführungsabend vom Einzelnen erwartet wurde – die allgemeine Freude über das Wiedererwachen von Live-Darbietungen vor Publikum nach fast 8monatigem Corona-Verbot herrschte dies- und jenseits der Bühne über alle eventuellen kritischen Einwände zu den Präsentationen hinweg. Alleine die strahlenden Gesichter der TänzerInnen beim anhaltenden und mit rhythmischem Klatschen verstärkten Applaus zu sehen, machte bewusst, wie sehr ihnen diese unmittelbare Energie-Rückgabe durch das Publikum so lange gefehlt hat und sorgte in dieser Emotionalität auch für einen Ausgleich zu den teilweise eher intellektuell geprägten Neuschöpfungen.

Gleich drei Stücke zuzüglich einer Stuttgarter Erstaufführung kamen an diesem Abend unter der schlichten Bezeichnung „Neue/Werke“ zu der für eine klassische Companie in 60 Jahren rekordverdächtigen Zahl von gut 400 Uraufführungen hinzu. Damit kam wenigstens noch eines der für das Jubiläumsjahr des Stuttgarter Balletts geplanten Projekte zur Verwirklichung; in Bezug auf das unter normalen Umständen vorgesehene Programm an Feierlichkeiten sicher nur ein kleiner Trost, aber das Glück, Kunst überhaupt wieder direkt erleben zu können, obsiegte in der allgemeinen Erleichterung. Die Klammer dieser vier neuen Choreographien bilden Tanzschrittmacher, die der Companie seit langem als ständige Gäste oder in häuslich verpflichteter Form verbunden sind.

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Phantastischer Nachwuchs in phantastischem Stück: Mackenzie Brown und Henrik Erikson in „Nachtmerrie“. Copyright: Stuttgarter Ballett

Mit Begeisterung wurden sie alle zusammen mit den TänzerInnen bedacht, und dennoch war nicht zu überhören, dass es zwei Favoriten waren, die besondere Funken überspringen ließen. Das betrifft zunächst einmal den nach ungeschickter Entlassung als Hauschoreograph im Frieden zurück gekehrten Marco Goecke, der seinen unverkennbaren nervösen Stil nach einer zwischenzeitlichen Phase des Repetierens zu einer erweiterten Form entwickelt hat, bei der vermehrt auch der ganze Körper zum Einsatz kommt. Jedenfalls hat er seit seinem international erfolgreichen Solo „Äffi“ kein so effektives und komprimiertes Stück geschaffen wie jetzt „NACHTMERRIE“ (zu deutsch „Alptraum“). Ein Pas de deux, in dem ein Paar nächtliche Träume in Erinnerung ruft, die durchaus auch etwas Positives in sich tragen und nur im Moment des Aufwachens für Irritation sorgen. In unglaublich sprechenden, irrsinnig schnell aneinander geketteten Gesten, konzentriert auf Arme und Hände, aber unterstützt vom ganzen Oberkörper, bringt Goecke Vielsagendes präzise zum Ausdruck. Die beiden ideal ausgewählten Interpreten Mackenzie Brown und Henrik Erikson (beide mit deutlich sichtbarem Potential an Persönlichkeit und Technik für künftige solistische Führungs-Positionen) setzen den nervösen Charakter so selbstverständlich zielgerichtet und exakt um, dass es schwerfällt ihnen auf ihrer (Alb-)Traum-Exkursion nicht zu folgen. Ein mehrfach entzündetes Streichholz setzt ebenso einen Akzent wie der durch eine weiße bewegliche Wolke erhellte dunkle Bühnenraum. Die ausgewählte Klaviermusik von Keith Jarrett sowie die angepappte Bad Romance von Lady Gaga geben dem Ganzen einen recht griffigen musikalischen Ausgangspunkt.

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Trio mit Pfiff: Adhonay Soares Da Silva, Agnes Su und Mackenzie Brown in „Blake Works“. Copyright: Stuttgarter Ballett

Mit William Forsythe, vertreten durch seine einstudierenden Ballettmeisterinnen Stefanie Arndt und Ayman Harper, kehrte der für die Erneuerung des klassischen Balletts Geschichte geschrieben habende einstige Tänzer zurück, den John Cranko noch kurz vor seinem Tod engagiert hatte, und dessen Werke seit seinem choreographischen Erstling „Urlicht“ 1976 bei den von der Noverre-Gesellschaft präsentierten Jungen Choreographen immer wieder Eingang ins Stuttgarter Repertoire gefunden hat. „BLAKE WORKS I“, 2016 für das Pariser Nationalballett geschaffen, sind eine Hommage an den englischen Songwriter James Blake. Dessen aus Jazz- und Blues-Elementen zusammengesetzter Stil boten eine ideale Basis, um zu den von ihm einst so virtuos in seine Einzelteile zerlegten akademischen Ballett zurück zu kehren und das saloppe aus der Form Kippen mit Lässigkeit und Ironie zu konterkarieren, aber auch so raffiniert wie eh und je zu vereinen. In sieben Liedern werden da vom Pas de deux bis zur 20köpfigen Gruppe unterschiedliche Kombinationen angewandt, um neben reiner Ensemble-Dynamik auch solistisch Intimeres zur Geltung kommen zu lassen. In blauen kurzen Tutu-Kleidchen und gleichsam ergänzendem Look für die Männer erinnert dies immer wieder an die kristalline Optik eines George Balanchine. Die Vereinigung von Spitzentanz und sonstigen traditionellen Formen mit dem auch musikalisch ins Coole geschwenkten Lebensgefühl junger Menschen ist von A-Z ein anspruchsvolles Vergnügen und von den schlicht und einfach gesagt Stuttgartern umwerfend gut umgesetzt. Als besonders pfiffig sei hier ein Trio mit Mackenzie Brown, Agnes Su und Adhonay Soares Da Silva hervorgegriffen. Und dass Henrik Erikson auch hier beste Figur inmitten seiner KollegInnen macht, soll bei dieser Gelegenheit nicht unerwähnt bleiben.

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Rocio Aleman und Friedemann Vogel in „The Source. Copyright: Stuttgarter Ballett

Edward Clug ist dem Stuttgarter Publikum durch seine aus kleinteiligen Bewegungen flink und phantasiereich zusammen gesetzten und sich fließend ergänzenden Choreographien seit gut 10 Jahren bekannt und international inzwischen einer der gefragtesten Tanzschöpfer, die auch die große Form, das Handlungsballett, nicht scheuen. „THE SOURCE“ könnte eine Anspielung auf Cranko als Ausgangspunkt einer sprudelnden Nachfolge von Choreographen sein, die in Stuttgart ihren Ausgangspunkt hatten oder dort beste Bedingungen für Neues hatten, was ihnen andernorts nicht möglich war oder gar verwehrt wurde. Auf der Bühne ist diese Quelle durch einen weißen Schnürlvorhang markiert, der sich dreht und das Fließen von Wasser suggeriert, aber auch die Tänzer anfangs (etwas zu lange ausgedehnt) nur in Schemen dazwischen sichtbar macht, ehe sie ganz hervor treten und in wechselnden Kombinationen begonnene Bewegungsmuster weiterreichen, verdichten, wieder neu beginnen und auf andere Art zusammen setzen. Animiert von der sich nach anfänglichem Dämmern immer mehr rhythmisch pochend und stoßend steigernden Auftragskomposition von Milko Lazar (Streicher + 2 Klaviere) bekommt das Ganze einen zunehmenden Fluss mit offenem Ende. Zu den in weiße Short- und Top-Kombis über dunklen Hosen und Langärmeln gekleideten 8 zu Paaren kombinierten Mitwirkenden gehört auch Friedemann Vogel, der hier in allem was er tut, gute Figur macht, für Rocio Aleman zum hilfreichen Partner wird, aber sich auch ganz bescheiden in die Gruppe reiht. Miriam Kacerova und Roman Novitzky, Vittoria Girelli und Fabio Adorisio, Jessica Fyfe und Timoor Afshar sowie Mizuki Amemiya und Adhonay Soares Da Silva lassen allesamt spüren wie inspirierend Clug auf sie wirkt, auch wenn dieses Werk nicht ganz die Spannung einiger seiner anderen hier kreierten Stücke aufweist. Mikhail Agrest leitete die MusikerInnen des Staatsorchesters Stuttgart (auch mit begeistertem Applaus empfangen und bedankt) mit Animo durch diese Quelle.

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Mit Profil: Agnes Su und Clemens Fröhlich in „Cassiopeia’s Garden“. Copyright: Stuttgarter Ballett

Begonnen hatte dieser Novitäten-Abend mit dem ehemaligen Hauschoreographen Christian Spuck, der nun erstmals seit seinem Weggang nach Zürich wieder für eine Choreographie zurück kehrte und wenige Tage vor dieser Premiere zum Ballettdirektor in Berlin ab der Saison 2023/24 bestellt wurde. Der Titel „CASSIOPEIA’S GARDEN“ weckt zunächst einmal Gedanken an eine unliebsame Geschichte in der Antike, aber auch einen Himmelskörper in Verbindung mit einer Supernova, die wesentlich verändernde Spuren zurück liess – vielleicht auch eine Art von Assoziation zur aktuellen Pandemie? Vor dem Prospekt eines in Schwarz und Weißtönen gehaltenen Waldes (Rufus Didwiszus), der auch schon bessere Tage gesehen hat, agieren 3 Tänzerinnen und 6 Tänzer in beliebig verschieden farbigen Hosen und Sweatshirts (Emma Ryott) wie in einem Labor entstehender Reaktionen und erforschender Neuorientierung. Mit dabei sind auch die von Spuck schon hinlänglich bekannten zunächst seitlich umgelegten Tische, an denen sich die Tänzer abrollen, abstoßen, ehe sie sie als Podium für allerlei Kletterfiguren und Abwürfe nutzen. An dem wohl dynamischen, sportlich eleganten Bewegungs-Fluss mit vom Partner in eine bestimmte Position oder Richtung geführten Beinen und Armen, immer wieder durch Verharren oder abrupte Kehrtwendung gebrochen, hat sich nichts verändert, aber leider auch nicht wesentlich weiter entwickelt. Und das ist schade, wo Spuck schon mehrfach gezeigt hat, wie gut er auch aus der Musik heraus gestalten und schildern kann. Seine Vorliebe für Collagen kommt gerade auch hier zum Tragen, stehen doch neben harmonisch elegischen Bach-Kompositionen für Katastrophe und Chaos stehende sirrend flirrende oder einem Einsturz gleichende elektronische Explosionen. Und die erzählen hier fast mehr als die sich in Wiederholungen ergehende und dadurch etwas ermattende Choreographie. Somit ein etwas enttäuschender Beitrag, den Elisa Badenes, Rocio Aleman und Agnes Su sowie Marti Fernandez Paixa, Matteo Miccini, Alessandro Giaquinto, Shaked Heller, Louis Stiens (auch mit einigen unverständlich bleibenden gesprochenen Worten) und der einem abschließenden Pas de deux mit Agnes Su recht gutes persönliches Profil verleihende Clemens Fröhlich dennoch mit ihrer Lust am Tanzen soweit füllen und dadurch auch einige choreographische Durchhänger auffangen.

Nun bedarf es nur noch eines wieder vermehrt strömenden Publikums, denn die im Rahmen eines Modellprojekts erlaubte Belegung von 50 % der Plätze war nicht nur bei dieser Premiere sichtbar nicht ganz ausgefüllt, auch für alle nachfolgenden Vorstellungen gibt es noch Karten, die vor Corona bestimmt nicht mehr zu haben gewesen wären. Aber wie schon eingangs gesagt: die Freude der Wiederbegegnung von Künstlern und Zuschauern überwiegt jetzt erst einmal alles…..

  Udo Klebes

 

 

 

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