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STUTTGART/ Ballett: MAYERLING

Interpretationsvarianten II

09.06.2019 | Ballett/Tanz


Flirt mit der Schwägerin: Jason Reilly (Rudolf) und Veronika Verterich (Prinzessin Louise). Copyright: Ulrich Beuttenmüller

Stuttgarter Ballett: „MAYERLING“ 8.6.2019 – Interpretationsvarianten II

 

Es ist immer wieder faszinierend zu beobachten, welche Kunstwerke die Maskenbildnerei vollbringt, Menschen erstaunlich nahe in einen Typus verwandeln zu können, dem sie in ihrer visuellen Erscheinung von Natur aus wenig entsprechen. So wie jetzt geschehen bei Jason Reilly, der sich als Dritter des Stuttgarter Balletts der Wahnsinns-Herausforderung des Kronprinzen Rudolf und in Summe ein auf Anhieb in wesentlichen Punkten klar umrissenes Portrait auf die Bühne stellte. Als Kraftpaket mit weichem Kern bietet er ohnehin die idealen Vorraussetzungen, die körperlich und psychisch betrachtet fast Unmenschliches fordernde Partie ohne sichtbare Konditionsverluste und mit viel Gespür für das Innenleben Rudolfs umzusetzen.


Letzter Aufschwung vor dem Selbstmord: Jason Reilly (Rudolf) und Anna Osadcenko (Mary). Copyright: Ulrich Beuttenmüller

Die Langeweile bei der für ihn bestimmten Hochzeit,  der aus Trotz erwachsene Flirt mit der Schwägerin, das verzweifelte Bemühen  um Zuneigung und Verständnis von seiner Mutter Elisabeth, die etwas hilflose und hin- und her gerissene Begegnung der erneuten Avancen seiner einstigen Geliebten Gräfin Larisch, die Brutalität gegenüber seiner Frau Stephanie in der Hochzeitsnacht und der gleichzeitige Leidensdruck unter seiner letztlich unverschuldeten Unbeherrschtheit und von da an die weiteren Stationen einer zunehmenden Todessehnsucht treten bei Reilly erschütternd und berührend zugleich zutage. Obendrein gelingt ihm als bombensicherem Partner das Kunststück seine wesensverwandte Geliebte Mary Vetsera in Gestalt von Anna Osadcenko  beflügelter und um gleich mehrere Jahre jünger aussehen zu lassen als mit deren ursprünglichem Partner in der B-Besetzung. Eine in der Tat ganz besondere Metamorphose durch den Tanz! Und das noch in zusätzlicher Anbetracht des aufgrund kurzfristig notwendig gewordenen Besetzungswechsels auf nur einen Tag begrenzten Probe-Durchlaufs!  Reillys bestechende Flexibilität im handlungsbedingt häufigen Wechsel der Partnerinnen bringt auch die so unterschiedlichen Pas de deux-Psychogramme MacMillans in aller Ausführungs-Konsequenz zur vollen Geltung. Die Vorgabe eines zunehmend gebrochenen und schwächer werdenden Zustands unter gleichzeitiger Mobilisierung aller körperlichen Reserven erzeugt schon wie beim Premieren-Interpreten eine ungeheure Spannung. 

Schwierige Beziehung: Jason Reilly (Rudolf) und Sinéad Brodd (Elisabeth). Copyright: Ulrich Beuttenmüller

Die weiteren Partnerinnen neben der, um es noch einmal anders zusammen zu fassen, wie ausgewechselt anmutenden Anna Osadcenko, standen alle unter dem Druck von Rollendebuts ohne diesen spürbar werden zu lassen. Angelina Zuccarini ist eine lebensfrohe Gräfin Larisch mit dezenten Zügen intrigenhaften Ansinnens und aufrichtigem Bemühen Rudolf zurück zu gewinnen, beides verankert in ihrer generellen Sicherheit an Balance. Bisher solistisch nur wenig aufgefallen, entpuppt sich die Gruppentänzerin Sinéad Brodd als eine Königin Elizabeth von erstaunlich starkem persönlichem Profil, grundierend auf einer ausgeglichenen tänzerischen Form. Auch Aurora De Mori macht als bildhübsche und zarte Prinzessin Stephanie mit beflügelt leichtem Bewegungs-Charakter Hoffnung auf baldige weitere Solo-Aufgaben. Als Halbwelt-Geliebte Mizzi bringt Ami Morita eine ganz feine Art von Sinnlichkeit ins Spiel, gepaart mit ihrer körperlichen Eleganz, die auch hier in den Tanz mit Rudolf und den Offizieren einfließt. Letztere wurden jetzt erstmals von dem in stürmisch aufgeladenen Sprüngen und Drehungen die Bühne sofort beherrschenden Ciro Ernesto Mansilla angeführt.

In der kleinen, aber doch mit zwei augenzwinkernden Soli dankbaren Partie von Rudolfs Leibfiaker Bratfisch bringt Matteo Miccini eleganten Bein-Schwung, den von ihm gewohnt leicht federnden Körpereinsatz sowie einen herzlichen Charme ins Spiel.

Nach den drei altgedienten Stars des Stuttgarter Balletts schlüpfte jetzt Sonia Santiago in die schwarz-graue Edelrobe, die Ausstatter Jürgen Rose der Erzherzogin Sophie verpasst hat, Beatrice Köhnlein in deren auf dem Fuße folgende Hofdame und Rolando D’Alesio in den maskentechnisch immer noch etwas zu alt wirkenden Kaiser Franz Joseph. Cedric Rupp spionierte jetzt als Ministerpräsident Graf Taafe, Clemens Fröhlich trägt als Colonel Middleton die von ihm vereehrte „Sissy“ sicher und mit einer Spur von weltmännischem Stolz auf den Händen oder genauer gesagt in den Armen.

Ein Pausschallob an all die weiteren Beteiligten, die die insgesamt rund 200 verschiedenen Kostüme von Jürgen Rose im positivsten Sinne zur Schau tragen.

Wie zu hören war, übernahm die ehemalige Ballerina Maria Seltskaja ohne eine einzige Orchesterprobe die Vorstellung und führte unter diesen Voraussetzungen das Staatsorchester Stuttgart mit bemerkenswert viel Feinsinn und Geschick durch die in den Bläsern und aufgrund verschiedener Taktverschiebungen heikle Partitur an Franz Liszt-Kompositionen, dass einige Unsauberkeiten gut in Kauf zu nehmen waren.

Jason Reilly stand im Mittelpunkt der auch jetzt wieder mit jedem Vorhang weiter anschwellenden Ovationen und busselte alle seine Partnerinnen im Schnelldurchlauf ab – eine rührende Geste der Dankbarkeit des immer so bescheiden wirkenden Kammertänzers.

Udo Klebes

 

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