Stuttgarter Ballett
„MAYERLING“ 2.7.2026 (Wiederaufnahme) – mit Auszeichnung für Jürgen Rose

Waghalsige Konfrontation: Friedemann Vogel (Rudolf) und Diana Ionescu (Stephanie) im 1.Akt. Copyright: Stuttgarter Ballett
Vor noch nicht einmal zwei Monaten wurde Marcia Haydée anläßlich der x-ten Wiederaufnahme ihres „Dornröschens“ mit dem Petipa Award ausgezeichnet; jetzt anlässlich der Neueinstudierung von Sir Kenneth MacMillans Historienballett um die Tragödie des österreichischen Kronprinzen Rudolf ging der gleiche Preis zum ersten Mal an einen Bühnen- und Kostümbildner, an Jürgen Rose. Am Ende dieser Vorstellung erhielt der 89Jährige diese Ehrung für seine legendären Arbeiten als Ausstatter vieler Ballette seit den Anfängen John Crankos 1961 in Stuttgart, überschüttet mit Jubel von den Zuschauern und den Tänzern auf der Bühne. Den ihm angebotenen Stuhl verweigerte der rüstige Senior und nahm die Laudatio im Stehen entgegen. In gleicher Position richtete er auch seinen Dank an alle, die die Umsetzung seiner Pläne und Entwürfe überhaupt erst ermöglicht haben, an die Aktiven auf der Bühne, die seine Kreationen zum Leben erweckt und nicht zuletzt an das Publikum, das sein Werk inspiriert und begeistert aufgenommen hatten. Allein für seine akribisch genaue und in mehreren Jahren vorbereitete neue Ausstattung von MacMillans 1978 beim Royal Ballet uraufgeführtem Ballett hätte Rose eine Ehrung verdient gehabt. Vor diesem mit soviel Liebe und Begeisterung geschaffenen Kunstwerk müßten alle Vertreter seiner Zunft auf die Knie gehen.
Nicht allein die bewundernswerte Verquickung von historischer Authenzität und erforderlicher tänzerischer Tragbarkeit, auch die dadurch erzielte Förderung einer transparenteren Sichtbarmachung der komplexen Choreographie bilden eine Krönung von Roses Lebenswerk.
Für die nach vier Jahren Pause angesetzte Neueinstudierung kam der ehemalige Erste Solist und Publikumsliebling Robert Tewsley als Abgesandter des MacMillan Trusts zur Leitung der Proben nach über zwanzig Jahren erstmals wieder an seine frühere Wirkungsstätte zurück. Im Vergleich zur Premiere im Frühjahr 2019, die in der ersten Spielzeit des Intendanten Tamas Detrich den bedeutendsten Repertoire-Zuwachs seiner jüngst verlängerten Amtszeit markierte, sind Korrekturen an von MacMillans intendierter, einem Film gleichender Aktion der Tänzer ebenso sichtbar wie die musikalischen Tempi vor allen in den Szenen-Überleitungen und bei mehr spielerischen Vorgangs-Illustrierungen hörbar beschleunigt. Mit dem Ergebnis, dass die Vorstellung eine Viertelstunde früher beendet ist als zuvor. Das darf durchaus als Frischzellenkur bewertet werden, zumal sich Langeweile zu keinem Zeitpunkt einstellte. Guillermo Garcia Calvo, der bereits Folge-Aufführungen der Wiener Premiere 2008 mit Tewsley als Rudolf geleitet hatte, ließ mit dem animiert zupackenden Staatsorchester Stuttgart das dramaturgisch geschickte Konglomerat aus symphonischen Dichtungen und instrumentierten Klavier-Kompositionen von Franz Liszt in aller Farbigkeit und spannenden Verdichtung aus leitmotivartigen Melodien zum ebenbürtigen Partner der Choreographie werden.

Friedemann Vogel (Rudolf) und Elisa Badenes (Mary) in entflammter Todessehnsucht. Copyright: Stuttgarter Ballett
Wie schon bei der Premiere vor sieben Jahren lag das zentrale Gewicht dieser Wiederaufnahme auf Friedemann Vogel als Rudolf. Angesichts seines Alters, in dem die allermeisten Tänzer bereits ihre Bühnenkarriere beendet haben, und der im Grund übermenschlichen Anforderungen dieser Rolle aus technisch/körperlicher Herausforderung und psychischer Intensität kann seine unvermindert gute konditionelle Verfassung und seine bis ins Mark der historischen Figur treffende Anverwandlung nur bewundert werden. Das Schicksal des Kronprinzen aus rücksichtsloser Erziehung, Entfremdung von der Mutter Sisi, erzwungener Heirat, moralischer Verlogenheit beider Elternteile, Bespitzelung durch die Politik und Unterdrückung eigener Interessen entwickelt er mit einer bestechenden Eindringlichkeit und fast beängstigenden Identifikation bis zum vom Drogenkonsum intensivierten Verfall und schließlich gemeinsamen Selbstmord mit Mary Vetsera. Schonungslos legt die vollendet erweiterte neoklassische Choreographie seine Befindlichkeiten offen und lässt in bis zum Rausch führenden, teils heftigen Pas de deux-Verschlingungen die Emotionen der Beteiligten aufeinander prallen. Dabei bewahrt Vogel durchgehend eine Grundhaltung der Noblesse seines Standes und zeigt in den Auseinandersetzungen mit gleich sechs Damen eine enorme Flexibilität und Wandlungsfähigkeit vom gelangweilten Hof-Etiketten-Befolger bis zum leidenschaftlich Liebenden. Am Ende stellt sich da wirklich die Frage: „Wie weit darf ein Künstler in eine andere Rolle hineinschlüpfen ohne sich selbst zu zerstören?“.
Die wichtigste Frau an seiner Seite wird die minderjährige Baronesse Mary Vetsera, der Elisa Badenes wieder glaubhaft flammende Begehrlichkeit und romantisierte Todessehnsucht einverleibt, sich mit Leichtigkeit und Risikofreude Rudolf hingibt und sich in teils halsbrecherischer Weise um seinen Körper wickelt.
Spürbar knistert es immer noch zwischen ihm und der einst geliebten Cousine Gräfin Larisch in der starken, auf leise Art die Intrigantin durchscheinen lassenden Gestaltung durch die auch hier ihre Wärme und und ihren damenhaften Charme spielen lassenden Rocio Aleman.

Sisis Amouren: Miriam Kacerova mit Roman Novitzky als Colonel „Bay“ Middleton. Copyright: Stuttgarter Ballett
Von der Premiere dabei ist auch Miriam Kacerova, die Sisi eine in sich ruhende Persönlichkeit mit kühler Noblesse gegenüber ihrem Sohn gibt, aber im Pas de deux mit ihrem Geliebten Colonel „Bay“Middleton (Roman Novitzky mit humoriger Note) auch ihre Gefühle offenbart.
Im fast kriminell ausartenden Hochzeitsnacht-Pas de deux besticht Diana Ionescu als einerseits zart besaitete, aber auch um Mut und Stärke kämpfende Prinzessin Stephanie. Beim Hochzeitsball hat Rudolf noch mit ihrer Schwester Louise geflirtet, als die Abigail Willson-Heisel auf sicherer Spitze ein Wechselbad aus irritierender und berührter Reaktion veranschaulicht.
Die Halbweltdame Mizzi Kaspar, mit der Rudolf eine vertrauensvolle Beziehung führt, ist in der neuen Besetzung mit Solistin Mizuki Amemiya eine feine, durchaus verführerische Variante, auf die auch die vier ungarischen Offiziere, die Rudolf versuchen für politische Zwecke zu gewinnen,, ein Auge geworfen haben. Henrik Erikson, Martino Semenzato, Fabio Adorisio und Satchel Tanner unterstreichen ihre Bestrebungen mit ausgewogen starker Sprung-Präsenz und Charakter-Profil.
Adhonay Soares sorgt als Rudolf unterhaltender Leibfiaker Bratfisch mit Lockerheit und weich wendiger Beinarbeit für Aufheiterung. Clemens Fröhlich tritt als nunmehriger Charakterdarsteller in große Fußstapfen und besteht seinen Einstand als Kaiser Franz Joseph mit tadelloser Haltung zwischen Strenge und Gemüt.
Alle weiteren Beteiligten in kleineren Rollen (Sonja Santiago als Marys Mutter, Edoardo Sartori als Kammerdiener Loschek, Angelika Bulfinsky als Erzherzogin Sophie, Rolando D’Alesio als Ministerpräsident, Maria Theresa Ullrich als des Kaisers Geliebte Katharina Schratt, Daniele Silingardi als Graf Hoyos, Irene Yang und Fernanda Lopes als Stephanies Schwestern sowie das Corps de ballet in diversen Rollen als Ball-Gäste, Kammermädchen, Diener und Dirnen trugen zur Geschlossenheit dieser Aufführung bei, die in ihrer Dichte einen der herausragenden Abende des Stuttgarter Balletts ermöglichte und intensiviert durch Jürgen Roses Ehrung in ausgelassener Feierlaune zu komplett stehenden Ovationen endete.
Udo Klebes

