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STUTTGART/ Ballett: „MAYERLING“ – Höchste Pas de deux-Kunst

22.01.2022 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett: „MAYERLING“ 21.1.2022 (WA) – Höchste Pas de deux-Kunst

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Friedemann Vogel (Rudolf) mit Mackenzie Brown (Prinzessin Louise). Foto: Stuttgarter Ballett

Das zum Glück noch ein Jahr vor der Pandemie zur Stuttgarter Erstaufführung gelangte aufwändige Historienballett von Sir Kenneth MacMillan ist nun, nachdem wieder in voller Besetzung auf der Bühne und im Graben gespielt werden darf, in den Spielplan zurück gekehrt und fesselt erneut durch die sublime expressive Charakterisierungskunst des Choreographen. Zumal in den zahlreichen Pas de deux, die den im Zentrum der Handlung stehenden österreichischen Kronprinzen Rudolf so extrem fordern, dass diese Partie zum Mount Everest des Ballett-Repertoires erklärt wurde. Ein Gipfelwerk allemal ist die gesamte Choreographie, die es schafft die enorm in die Zukunft des Ausdruckstanzes weisenden Pas de deux aus dem bewusst konservativ gestellten Ensemble am Kaiserhof umso mehr heraus zu leuchten. Dazu trägt aber auch die für Stuttgart neu geschaffene Ausstattung und Kostüme zuzüglich Beleuchtungseinrichtung bei, die Altmeister Jürgen Rose mit Leinwänden in schwarz-weiß gehaltener detailgenauer Abzeichnung der historischen Örtlichkeiten so transparent gehalten hat, dass der Tanz noch stärker in den Vordergrund rückt als in den bis jetzt andernorts bei allen Einstudierungen verwendeten originalen Kulissen der Uraufführung in London 1978.

Bis auf wenige Ausnahmen entspricht die Besetzung dieser Wiederaufnahme-Vorstellung der Premiere vom Mai 2019. Friedemann Vogel als maßgebliche Personalie dieses wertvollen Repertoire-Zugewinns war bedauerlicherweise in nicht so guter Verfassung wie zuvor, unter spürbarer Anspannung wirkte er nicht im gewohnten Masse frei, musste sich ganz ungewöhnlich bei ihm eher von seinen Partnerinnen mitreißen lassen und blieb so einiges unter seinen Möglichkeiten. Aber auch mit Einschränkung ist seine Leistung immer noch ein Wunder an totaler natürlich anmutender Identifikation auf Basis seiner ganz besonders ausgeprägten ganzkörperlichen technischen Qualität. Die zunehmende Erschöpfung des gegen seine Veranlagungen erzogenen, von seiner Mutter entfremdeten Rudolf bekam durch Vogels an diesem Abend im Gegensatz zu sonst hervor tretende Anstrengung sogar noch mehr Glaubwürdigkeit, seine zuletzt nur noch mittels Drogen aufrecht erhaltene Kraft eine erhöht fiebrige Spannung.

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Friedemann Vogel (Rudolf) mit Elisa Badenes (Mary Vetsera). Foto: Stuttgarter Ballett

Seine Hauptinitiatorin war Elisa Badenes, die als Mary Vetsera alle Register ihrer Tanzkunst zog, ihn immer wieder aus der Reserve lockte und mit verführerisch naiver Schwärmerei und Todessehnsucht die Choreographie mittels ihrer exzellenten Technik so geschmeidig und leicht umsetzte, dass es schwer fiel sich ihrer Euphorie zu entziehen.

Aber auch die anderen, Rudolfs Umfeld bestimmenden Damen hatten rollengerechtes Format:

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Friedemann Vogel (Rudolf) mit Angelina Zuccarini (Gräfin Larisch). Foto: Stuttgarter Ballett

Angelina Zuccarini als ebenso raffiniert buhlende wie zupackend intensiv tanzende Gräfin Larisch, Miriam Kacerova als würdevoll ihren Neigungen lebende und lyrisch aparte Kaiserin Elisabeth, Anna Osadcenko als persönlichkeitsstarke, Reife und Rasse vereinende Mizzi Caspar, in ihren Rollendebuts Veronika Verterich als noch etwas aufs Technische konzentrierte Kronprinzessin Stephanie (wodurch der kriminelle Pas deux im Brautgemach etwas an Dringlichkeit verlor) und Mackenzie Brown als deren sehr souverän Rudolfs Avancen begegnende Schwester Louise.

Starke Eindrücke hinterließen wieder die vier Rudolf belagernden ungarischen Offiziere, angeführt vom temperamentvoll attackierenden Ciro Ernesto Mansilla, gefolgt vom sprungstarken Adrian Oldenburger und den etwas zahmeren Kameraden Flemming Puthenpurayil und Daniele Silingardi. In erster Linie tänzerisch bravourös in seinen beiden Rudolfs Unterhaltungen dienenden Einlagen Adhonay Soares Da Silva als Leibfiaker Bratfisch, nobel Clemens Fröhlich als Elisabeths Liebhaber Colonel „Bay“.

All die anderen mögen sich mit einer Pauschalwürdigung begnügen: Matteo Crockard-Villa (Kaiser Franz Joseph I.), Angelika Bulfinsky (Erzherzogin Sophie), Anette Neumann (deren Hofdame), Sonia Santiago (Baronin Vetsera), Rolando D’Alesio (Graf Taaffe), Maria Theresa Ullrich (Katharina Schratt), Shaked Heller (Kammerdiener Loschek), Henrik Erikson (Graf Hoyos) sowie Fabio Adorisio, Louis Stiens, Jessica Fyfe, Elisa Ghisalberti und Alastair Bannerman.

Das Corps de ballet erfüllte seine untergeordnete Funktion als Hofstaat auf dem Ball, beim Geburtstagfest und auf der kaiserlichen Jagd nebst kleiner dienender Aufgaben in den Gemächern.

Wolfgang Heinz leitete anstatt des aufgrund von Tempodifferenzen entlassenen Musikdirektors Mikhail Agrest als dessen Stellvertreter nun auch diese Einstudierung und entfaltete die mit viel Leitmotivik kunstvoll verwobenen Kompositionen von Franz Liszt in der teilweisen Instrumentierung durch John Lanchberry mit dem Staatsorchester Stuttgart ordentlich, noch nicht mit durchgehender Ausdruckstiefe.

Selbst für Stuttgarter Ballettverhältnisse außergewöhnlich langer und begeisterter Applaus, der auch die Dankbarkeit für diese Wiederbegegnung mitschwingen ließ.

Udo Klebes

 

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