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STUTTGART/ Ballett: MAYERLING – an der Seite neuer Damen beachtlich weiter entwickelt

09.07.2022 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett: „MAYERLING“ 8.7. 2022– an der Seite neuer Damen beachtlich weiter entwickelt

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David Moore (Rudolf) in den fein intriganten Fängen von Miriam Kacerova (Gräfin Larisch). Foto: Stuttgarter Ballett

Einen Abend nach seinem eher gelangweilt wirkenden Prinzen Desiré offenbarte David Moore als Kronprinz Rudolf, dass ihm (gebrochene) Charaktere in Verbindung mit Ausdruckstanz statt strenger klassischer Schule weitaus mehr liegen, und erzielte prompt eine erheblich größere Bühnenpräsenz. Gegenüber seinem Rollendebut vor drei Jahren hat er sich jetzt noch erheblich tiefer in die Psyche des zunehmend dem Alkohol und sonstigen Drogen zusprechenden Kaisersohn eingearbeitet. Von der Festszene des 1.Aktes an vermittelt er das Bild eines instabilen, daraus zu unbedachten und unbeherrschten Handlungen neigenden jungen Mannes, der nicht der sein darf, der er sein möchte. Zwischen kurzen Glücksmomenten im Rahmen seiner diversen Frauengeschichten und aus Labilität entstehender Todessehnsucht spielt Moore eine bemerkenswert reiche Gestaltungspalette aus. Außerdem beeindruckt der nicht sonderlich athletisch gebaute Brite mit einer ungeahnt sicheren Kondition für diese Kräfte zehrende und sehr viel partnerschaftliche Flexibilität erfordernde Partie. Vor allem die vielen, sich immer wieder zu fast artistischen Höhepunkten steigernden Rücken-Hebepartien nötigen großen Respekt ab.

Dabei hat er in Anna Osadcenko als wesentlicher Partnerin wiederum die nicht gerade leichteste Mary Vetsera. Angesichts deren sehr gut beherrschter und mal leichter, mal kräftiger Attitude sowie vorwärts treibender Spiellust kann über ihr der Rolle schon deutlich entwachsenes Alter hinweg gesehen werden.

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Enorm weiterentwickelt:  David Moore (Rudolf) und Anna Osadcenko (Mary). Copyright: Stuttgarter Ballett

Das erhöhte Augenmerk gilt zwei neu besetzten Positionen: Miriam Kacerova lässt als Gräfin Larisch feine Intriganz walten und kämpft hingebungsvoll um ihren ehemaligen Geliebten Rudolf. Ihr tänzerischer Einsatz ist wie immer von unauffälliger, der jeweiligen Rolle angepasster Selbstverständlichkeit. Gute Chancen auf weitere Schritte in der Hierarchieleiter dürfte Halbsolistin Fernanda Lopes haben. Die Kronprinzessin Stephanie erfüllt sie mit Eleganz, Noblesse, aber auch Selbstbewusstsein, das sie trotz aller Ängste angesichts von Rudolfs ausrastendem Verhalten in der Hochzeitsnacht gefestigt durch den atemberaubenden Pas de deux trägt.

Daiana Ruiz ist eine eher geradlinige Kaiserin Elisabeth, Angelina Zuccarini eine augenzwinkernd lockende Mätresse Mizzi Caspar, Veronika Verterich eine sichtbar peinlich von Rudolfs Avancen getroffene Prinzessin Louise.

Auf der außer Rudolf etwas unter repräsentierten Männer-Front sticht Matteo Miccinis exakt und lustvoll servierter Bratfisch hervor. Große Gunst beim Publikum genießen stets die vier Rudolf immer wieder in ihre Pläne zu verstricken versuchenden Ungarischen Offiziere, diesmal Adhonay Soares Da Silva, Timoor Afshar, Noan Alves und Marti Fernandez Paixa.

Ein Gesamtlob den weiteren Kleinrollen-Vertretern, dem in verschiedener Funktion eingesetzten Corps de ballet und dem Staatsorchester Stuttgart, das der hochromantisch dynamischen Musikauswahl von Franz Liszt mit ihren vielen Stimmungswechseln und situationsgerecht aufrauschenden Entladungen unter der Leitung von Wolfgang Heinz weitgehend genau gerecht wurde.

Wo Blumen für die TänzerInnen früher Usus und teils in beachtlichen Mengen bewiesene Zeichen der Verehrung waren, sind sie heute eher zur Ausnahme geworden und fallen umso mehr auf, wie nach dieser Vorstellung gleich zweifach für Anna Osadcenko. Sie sind nicht nur ein Dank, sondern steigern auch den Applaus, wie dieser Abend wieder einmal bewies.

 

                                                                                                                      Udo Klebes

 

 

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