Stuttgarter Ballett
„MAYERLING“ 28. + 29.7. – eine Fülle an Rollendebuts zum Saisonfinale

Erste Annäherung: Henrik Erikson (Rudolf) und Rocio Aleman (Mary). Copyright: Roman Novitzky / Stuttgarter Ballett
Mit vielen neuen Rollen-Besetzungen sorgte das Stuttgarter Ballett in den letzten Tagen der Spielzeit noch einmal für größte Aufmerksamkeit. Sir Kenneth MacMillans Historienballett in der kostspielig ästhetischen Ausstattung von Jürgen Rose muss sich amortisieren und hinsichtlich eines weiteren Repertoire-Bestandes zukunftssicher gehalten werden, sprich eine jüngere Generation muss darauf vorbereitet werden, wenn bei der nächsten zeitlich noch nicht bekannten Wiederaufnahme einige der reifsten Tänzer vielleicht nicht mehr einsetzbar sind. Zumal beim in jeglicher Hinsicht komplexen Zentrum, Kronprinz Rudolf. Gleich zwei Nachkommen, die bislang schon mehrfach auch ein großes darstellerisches Talent bewiesen haben, bekamen jetzt die Gelegenheit ihre Interpretation vorzustellen.
Henrik Erikson ist der etwas jüngere der beiden und lässt das auch dort einfließen, wo er anfangs in erzwungener Heirat und Hofetikette wie ein mimisch eiserner Internatsschüler daher schreitet oder bei der königlichen Mutter um Beistand bittet. Kontraste setzt er im lockeren Amusement des halbseidenen Etablissements seiner Dauer-Geliebten Mizzi Caspar oder als Reaktion auf die Scherz-Zigarre Colonel Middletons. Männlich gereifter begegnet er seiner Frau Stephanie in der drastischen Konfrontation der Hochzeitsnacht und im Zuge der weiteren Entwicklung zum immer mehr Eingeengten und durch Drogenkonsum in eine Art Wahnsinn Verfallenden. Nur die Liebe zur gleichgesinnt todessehnsüchtigen Mary Vetsers hält ihn aufrecht. All das vermittelt Erikson auf Anhieb glaubhaft, in den Pas de deux noch von den jeweiligen Damen abhängig, intuitiv in vielen Details. Außer einer unabdingbaren sicheren Kondition bietet er eine hohe Zuverlässigkeit und Flexibilität als Partner.
Mit Rocio Aleman, der neuen Mary, harmoniert das Zusammenspiel besonders gut, wobei sie mit passend verspielter Körpersprache und schwärmerischem Eifer wiederum von seiner Stärke profitiert. Aus dieser gleichwertigen Gegenseitigkeit entsteht in ihren Szenen eine beständige Spannung sowie zuletzt eine zugleich fesselnde wie berührende Intensität.

Persönlichkeit mit Ausstrahlung: Priscylla Gallo als Kaiserin Sisi. Copyright: Roman Novitzky / Stuttgarter Ballett
Mizuki Amemiya ist eine in Haltung und auf Spitze edle Ausgabe der einstigen Geliebten Rudolfs Gräfin Larisch, glaubhaft immer noch um ihn bemüht, weniger ausgeprägt in intriganten Zwischentönen. Veronika Verterich überzeugt an beiden Abenden als stolz sinnliche Mizzi. Auch die noch Jüngeren bekamen Chancen, wie z.B. Priscylla Gallo, die diese Möglichkeit nutzte, eine Kaiserin Sissi als Persönlichkeit mit Ausstrahlung zu gestalten und differenzierte Gefühle zwischen kühlem Bemühen um Rudolf und Hingabe zu Colonel Middleton zu signalisieren. Bei Lily Babbage blieb der erste solistische Versuch als Stephanie in etwas zu viel Blässe und Zurückhaltung sowie der Willenlosigkeit einer Puppe stecken, wodurch sie Rudolf in den vertrackt verschlungenen Hebungen und Schleuderaktionen zu wenig Unterstützung bot. Aoi Sawano hatte es in dem kurzen Pas de deux als ihre Bühnenschwester Luise leichter und reagierte auf sein Ansinnen mehr irritiert als tatsächlich verlockt. Aufgrund von Umbesetzungen bekam Dorian Plasse an beiden Abenden Gelegenheit sich solistisch von Stuttgart in Richtung Paris zu verabschieden – mit großem Bedauern ob seiner elegant federnden und einfühlsamen Gestaltung des Leibfiakers Bratfisch. Von den vier neu aufgestellten, stark ins Geschehen eingebundenen ungarischen Offizieren setzt Riccardo Ferlito mit raumgreifender Sprungenergie neben den gleichwertigen Kollegen Christopher Kunzelmann, Edoardo Sartori und Mitchell Milhollin die auffallendsten Akzente.
Am Folge- und letzten Abend der Saison zog Marti Paixa in seiner zweiten Vorstellung als Rudolf alle Register seines Könnens, repräsentiert einerseits einen jovialen Kronprinzen, dem die Damenherzen nur so zufliegen, lässt aber schon in der groben Behandlung seiner Frau mit flackernden Augen Züge von Wahnsinn erkennen, der sich in der Intensivierung seines Leidens durch irre Blicke noch verstärkt. Besonders fasziniert seine Zusammenführung von seelischer Labilität und Mobilisierung erstaunlicher körperlicher Kräfte für die fließenden Pas de deux-Durchläufe mit allen Partnerinnen. In Daiana Ruiz hat er eine in ihrer schon fraulichen Reife etwas spröde Mary, die manchmal etwas zu geziert scheint, rein choreographisch betrachtet jedoch Format und solistische Größe aufweist.
Die bereits rollen erfahrene Miriam Kacerova gestaltet die zwiespältige Gräfin Larisch mit einer hin- und her gerissenen Mischung aus herzlicher Bemühung und Aufdringlichkeit, die ganz in ihrem tänzerischen Einsatz aufgeht. Irene Yang visualisiert die Wechselhaftigkeit von Stephanies Gefühlen zwischen Angst und Zuversicht mit deutlicher Präsenz auch dort, wo sie nur am Rand der Szene steht. Weiterer Nachwuchs sind Alicia Torronteras als etwas düster reservierte, nur in ihrer Liaison mit Colonel Middleton ( Clemens Fröhlich portraitiert ihn mit heiterem Understatement) aufblühende Kaiserin und Aiara Iturrioz Rico, die als liebreizende und fein auf Spitze drehende Prinzessin Louise Rudolfs Aufforderung zum Tanz verständlich macht.
Nach 45 Jahren beim Stuttgarter Ballett als Tänzerin, Ballettmeisterin und Disponentin für den Einsatz von John Cranko-Schülern wurde Angelika Bulfinsky, die als sittenstrenge Erzherzogin Sophie ein letztes Mal ihre Qualität als Charakterdarstellerin ausspielte, mit enormer Begeisterung, einem Konfettiregen und einem Berg von Blumen in den Ruhestand verabschiedet.

Erste Tötungsprobe: Marti Paixa (Rudolf) und Daiana Ruiz (Mary). Copyright: Roman Novitzky / Stuttgarter Ballett
Ebenso hieß es Abschied nehmen vom langjährigen Konzertmeister Jewgenj Schuk, der mit seinen KollegInnen vom Staatsorchester Stuttgart Franz Liszts reichhaltige, durchweg situationsstimmige Musik im Arrangement von John Lanchberry unter der gut koordinierenden Leitung von Wolfgang Heinz in aller Farbigkeit entfaltete. Dafür wurden sie in den anhaltenden Jubel für die Tänzer miteinbezogen.
Udo Klebes

