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STUTTGART /Ballett: „MAHLER X DREI MEISTER“ – Bewegende musikalische Reisen

09.02.2025 | Ballett/Performance

Stuttgart, 06.02.2025: „MAHLER X DREI MEISTER“ Bewegende musikalische Reisen

 „Nicht für den Tanz“ geeignet war die Antwort des Royal Opera House in London für Mahler’s Musik, als Sir Kenneth MacMillan „Das Lied von der Erde“ dort kreieren wollte. Man würde meinen, das lag an der schwierigen Komposition mit Gesang, die zu herausfordernd für eine Choreografie wäre, tatsächlich aber wurde zu der Zeit, in den 1960er Jahren, das Ballett noch als zu trivial angesehen, um damit ernste Kompositionen des in Musikkreisen hoch hochgeschätzten Komponisten Gustav Mahler anzutasten.

MacMillan’s Freund John Cranko ließ sich dennoch auf das schwierige Unterfangen ein und so konnte MacMillan das Stück in Stuttgart choreographieren.

In dieser Spielzeit widmet das Stuttgarter Ballett nun einen ganzen Ballettabend dem visionären Komponisten.

„Das Lied von der Erde“ gibt, vokal begleitet von Mihails Culpajevs mit sehr dominanten Tönen als Tenor und Claudia Huckle als sanftere Mezzo-Sopranistin, den Auftakt zur musikalischen Reise des Abends. Zweifelsohne ist diese Musik choreographisch herausfordernd, ebenso fällt es aber auch dem Publikum nicht leicht, dieser durch die sechs Sätze zu folgen, die man als Vertanzen von Lebensphasen oder -jahreszeiten sehen kann, in denen „Der Ewige“ mit Gesichtsmaske die geheimnisvolle Konstante zu sein scheint. Henrik Erikson gibt dieser tatsächlich mit feiner Technik sowie Bühnenpräsenz das Strahlen, das den Ewigen glaubhaft als Halt für ein gesamtes Leben darstellt. Martí Paixà ist ihm ständiger Begleiter und mit hoher Musikalität sowie beseelten Schrittkombinationen. Ana Osadcenko zeigt Leichtigkeit in Sprüngen sowie auf Spitze und berührt vor allem im Pas de deux mit Erikson. Aoi Sawano tanzt spritzig und fröhlich im Satz „Von der Jugend“, der mit Tänzern auf den Kopf stehend, mit seitlich gespreizten Beinen und gebeugten Knien für etwas Heiterkeit sorgen. „Von der Schönheit“ tanzt Mackenzie Brown sehr stimmig, Dorian Plasse, Christopher Kunzelmann und Ensemble runden das Stück ab.

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Anna Osadcenko, Martí Paixà, Henrik Erikson (als „Der Ewige“) und Ensemble in „Das Lied von der Erde“ . Foto: Roman Novitzky / Stuttgarter Ballett

Ähnlich rätselhaft in der Musik, jedoch viel konkreter, ist das zweite Stück des Abends, „Lieder eines fahrenden Gesellen“ von Maurice Béjart, gesanglich begleitet von Bariton Michael Wilmering. Die emotionalen Höhen und Tiefen des durch das Land Reisenden, vom Leben und der Liebe ebenso beseelten wie enttäuschten, stellt Matteo Miccini berührend dar. Der Italiener scheint bereits beim Bühnenauftritt in die Rolle vertieft und stellt alle Facetten dieser sehr glaubhaft dar. David Moore ist sein liebevoller, Halt gebender Compagnon, Partner oder Spiegel in jeder Lebenslage. Eines der intimsten Duette für zwei Männer im Ballettrepertoire, das das Publikum am Ende doch versöhnt hinterlässt, verlässt der Reisende doch mit einem Kuss an die Welt die Bühne, zusammen mit seinem Partner.

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David Moore gibt Matteo Miccini Halt in „Lieder eines Fahrenden Gesellen“ von Maurice Béjart. Foto: Roman Novitzky / Stuttgarter Ballett

Der erst im Juni 2023 rekonstruierte Auszug aus „Spuren“ ließ John Cranko’s Andenken erneut aufleben und durchwühlt mit Thematik von trauriger Aktualität. Die Reise einer Frau, die aus einem totalitären Regime geflüchtet ist, geht dabei in zwei Richtungen: in die Zukunft und ein neues, besseres Leben, aber ebenso in die Vergangenheit, voller Erinnerungen und Schrecken, die sie nicht loslassen. Anna Osadcenko stellt die verlorene, verzweifelte Frau, immer voller Würde dar, auch angesichts der Vergangenheit, dargestellt von Jason Reilly als Wesen mit Glatze, das immer und von überall wieder bedrohlich in Erscheinung treten kann. Satchel Tanner stellt anfangs als Gegenwart eher den Halt dar als einen Partner, zu dem die Frau noch nicht bereit sein kann. Ein Wendepunkt stellt das sich von oben auf beiden fallen lassen der Frau dar, die anschließend von beiden getragen wird. Szenen der lustigen Wiener Walzer Gesellschaft wechseln sich mit schaurigen Vergangenheitsbildern ab, wobei der Höhepunkt die Inhaftierten der Vergangenheit darstellt, die plötzlich ihre Jacken fallen lassen und die auf ihre Rücken eingebrannten Nummern freilegen.

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Mit der Vergangenheit konfrontiert: Satchel Tanner und Anna Osadcenko mit Statisten in „Spuren“ von John Cranko . Foto: Roman Novitzky / Stuttgarter Ballett

Eine Offenbarung für die Gegenwart, die nun auch die Vergangenheit der Frau verstehen kann. Am Ende gehen beide Händehaltend in das Licht, die bessere Zukunft erscheint nun möglich.

Viel Applaus auch für das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Mikhail Agrest, das für die musikalische Begleitung durch einen bewegenden Abend sorgte.

Dana Marta

 

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