Stuttgarter Ballett: „INTERAKTION“ 10.01. 2026 (Premiere im Schauspielhaus) – ein erweiterter Austausch an Kunstformen

Nah ans Publikum heran geholt: Irene Yang und Ava Arbuckle in „Untamed“. Foto: Stuttgarter Ballett
Aufgrund von zwei großen internationalen Tourneen kam es erst jetzt zu einer Premiere dieser Saison. Im Schauspiel, wo jährlich ein Programm auf die Bühne kommt, das kein Live-Orchester benötigt, wurde nun ein erweitertes Format der Präsentation gezeigt, in dem diverse Kunst-Ausprägungen in einen Dialog treten, der im ersten Beitrag sogar hautnah ans teils stehende, teils hockende oder sitzende Publikum im oberen Foyer herangeholt, zum Schauplatz dreier offener Bühnen wurde, zwischen denen die Zuschauer nach Möglichkeit hin und her gehen konnten, aber nicht unbedingt mussten, weil überall die gleiche Choreographie verteilt auf sechs Tänzerinnen und Tänzer zu sehen ist.
„UNTAMED“ haben Solist Martino Semenzato und die bildende Künstlerin Donna Volta Newmen ihr Projekt bezeichnet, das seinen Ursprung in einem Kurzfilm hatte, der bereits im Herbst 2024 im Kunstverein Stuttgarter Wagenhallen Premiere hatte. Ausgangspunkt waren Newmens Forschungen zu den heilend regenerativen Kräften des Schwarzwaldes und die dank starkem Willen und Widerstand erfolgte Heilungsgeschichte der Solistin Diana Ionescu infolge mehrerer Knie-Operationen. Werden im (warum nicht zuerst statt danach gezeigten?) Film Waldimpressionen und der in einem luftleeren Raum zu schweben scheinende Körper Ionescus mit wie die Äste eines Baumes bewegten Gliedmaßen kombiniert, so veranschaulicht Semenzatos Choreographie in einer imaginierten Kulisse aus Waldmotiven, naturhaften Felsschichten in Verbindung mit diesselben Muster und Grün-Farbtöne aufgreifenden Kostümen und einer den Kosmos vervollständigenden Lichtgestaltung den Organismus des Waldes aus Pflanzen, die im Kreislauf des Lebens vielen Verletzungen trotzen und sich wieder regenerieren. Wie mit einer Wurzel verbunden schälen sich die Tänzerkörper aus dem Boden heraus, bleiben bei allen Aufbäumungen mit dem Grund verhaftet, stoßen sich im Miteinander ab,winden und strecken sich, richten sich auf, fallen wieder zusammen. Ein Prozess aus Aufblühen, Gedeihen, Verwelken und wieder neu Entstehen. Ergänzt wird das Gesamtkunstwerk durch eine elektronisch gesteuerte Komposition aus naturnahen Geräuschen und rhythmischen Akzenten, die Yair Karelic verantwortet hat.
Die angedachten Positionswechsel des Publikums erweisen sich als nur bedingt umsetzbar, weil sie Unruhe ins doch konzentriert magische Geschehen bringen. Somit kann sich die Betrachtung hier nur auf Irene Yang und Ava Arbuckle konzentrieren, die das Konzept soweit nachvollziehbar spannungsvoll umsetzten. Was indes von ihren vier Kollegen Christopher Kunzelmann, Anton Tcherny, Macéo Gérard und Leon Metelsky auch anzunehmen ist.

Martino Semenzato (vorn), Vittoria Girelli und Edoardo Sartori in „Oh Dear“. Foto: Stuttgarter Ballett
Nach einer Pause geht es nun auf der regulären Bühne weiter mit „OH DEAR“. Der Solist Fabio Adorisio möge es nicht übel nehmen, wenn diese titelgebende Bemerkung ein Stück weit auch auf seine Choreographie angewandt werden kann. Denn so richtig schlau aus ihr zu werden, fällt nicht leicht. Dabei hat Adorisio mit der Kernzelle des Stückes, einem 2024 im Rahmen eines anlässlich von Franz Kafkas 100.Todestag stattgefundenen Abends uraufgeführten Pas de deux einen starken Eindruck als stimmungstreffender wie phantasievoller Tanzschöpfer hinterlassen. Basis der nun auf 45 Minuten erweiterten Arbeit ist die Beziehung von Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ zu seinem eigenen Leben. Behandelte der Pas de deux nur seine problematische und unglückliche Beziehung zu Frauen im Allgemeinen an einem Beispiel, bringt er jetzt konkrete Personen wie seinen engsten Freund Max Brod und die beiden engsten Freundinnen/Geliebten Felice Bauer und Milena Jesenská ins Spiel. Eine ganz zentrale Bedeutung bekommt indes jene Verwandlung (in ein großes Insekt) in Gestalt eines Tänzers, der dem Protagonisten Gregor Samsa alias Kafka wie ein zweites Ich folgt und aus der Gruppe der als Tropfen bezeichneten Tinte hervorgeht. Neben Martino Semenzato, der nun hier seine Qualitäten als einfühlsam expressiver Tänzer ausspielt, tritt Halbsolist Edoardo Sartori nicht nur bedingt durch die Ausdehnung seines Parts, vor allem aufgrund seines wie schon öfter beobachtet äußerst präzisen Einsatzes und seiner Fähigkeit zur Verinnerlicherung in den Mittelpunkt. Vielleicht hätte sich der Choreograph auf diese wechselseitige Beziehung konzentrieren sollen. Denn die Abschnitte mit den beiden Frauen, der mehr emotionalen und in diesem Umfeld etwas extrovertiert wirkenden Mizuki Amemiya, der eher analytisch distanzierten aber intensiven Vittoria Girelli sowie dem Freund in Gestalt des sehr um Kafka bemühten und Mitgefühl weckenden Lassi Hirvonen, erweisen sich trotz einiger starker Momente als nicht durchgängiger Hinzugewinn. Eventuell liegen die phasenweisen Schwächen auch am Schrittmaterial, das sich für eine meist in Langsamkeit ergehende Ausdehnung als nicht tragfähig genug erweist. Als häufig eingesetztes, Kafkas schwieriges Gemüt, Selbstzweifel und Probleme mit dem Umfeld nachvollziehbar treffendes Element fallen die immer wieder vors Gesicht oder direkt vor die Augen geführten Hände auf. Zur passend düster, deprimierenden Stimmung tragen auch der von stilisierten herab hängenden Tintentropfen und einem aus vielen Lichtkreisen wie schwankend erscheinenden Boden bestimmte Bühnenraum, die Kafkas Zeit angenäherten Kostüme (beides Thomas Mika) und der teils lastend schwere Mix aus neu komponierter Musik von Marc Strobel sowie Schubert- und Chopin-Stücken bei. Es bleibt ein zwiespältiger Gesamteindruck, der sich aber durch weitere Betrachtungen lichten könnte/dürfte.

Nimmt das Publikum im Sturm: Friedemann Vogel in „Die Seele am Faden“. Foto: Stuttgarter Ballett
Im letzten Teil kam nun endlich auch das Stuttgarter Publikum die Gelegenheit, Friedemann Vogels seit der Uraufführung im Kleist-Forum Frankfurt/Oder (einer von Vogels Brüdern ist dort künstlerischer Leiter) und durch Gastspiele in Hamburg und bei den Schwetzinger Festspielen gerühmtes, mit seinem Partner Thomas Lempertz als Bühnen- und Kostümschöpfer entworfenes Eigenprojekt zu sehen. „DIE SEELE AM FADEN“ verweist auf Heinrich von Kleists Texte „Über das Marionettentheater“, in denen er behauptet, dass Marionetten menschlichen Tänzern überlegen seien, weil sie sich über die Schwerkraft hinweg setzen können, indem sie an Fäden hängen. Diese Überlegenheit hat aber wie alles zwei Seiten und so versucht Vogel in seinem ihm auf den Leib geschnittenen Solo mit verschiedenen Abschnitten sowohl diese Behauptung zu bekräftigen als auch das Gegenargument einer dadurch fehlenden Seele ins Spiel zu bringen. Als Mensch selbstbestimmt in Verstand und Emotion, als Marionette gelenkt und fremdbestimmt.
Einmal scheint Vogel von unsichtbaren Gurten gehalten in ansonsten unmöglichen schrägen Körperhaltungen mit dadurch wiederum eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten, dann tritt er ohne „Hilfsmittel“ mit der ganzen Auslotung seines perfekt proportionierten und trainierten Körpers in Erscheinung. Als wahrer Überraschungseffekt schwingt er durch Bühnennebel dem Publikum auf einer Schaukel entgegen, dann hebt er von Lichtdrähten gesteuert zu faszinierenden Flügen ab.
Als Zwischenspiele erscheint er auf einer Leinwand wie eine Gliederpuppe, deren Teile auseinander knicken oder wie eine Eierschale aufbrechen. Was der Zuschauer von all diesen Eindrücken mit nach Hause nimmt, bleibt jedem selbst überlassen, das Ende mit dem in seiner ganzen Tanzlust die Bühne vereinnahmenden Friedemann Vogel offen. Sicher ist: seine Vollkommenheit als Tänzer und Darsteller wird in dieser Performance auf eine ganz konzentrierte Weise wie zuvor noch nicht gesehen offenbar. Musikalisch bewegt sie sich abwechslungsreich von einer auch von Geräuschen bestimmten Auftragskomposition von Alisa Scetinina über John Cage bis zu einer Bach-Bearbeitung.
Der schon zuvor positiv gestimmte Publikumszuspruch weitete sich für Friedemann Vogel zum würdig ausdauernden Jubelsturm für einen der ganz Großen des Tanzes. Es ist einfach schön und tut gut ihn in Stuttgart fest verankert zu wissen.
Udo Klebes

