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STUTTGART/ Ballett: „HÖHEPUNKTE“ – Jahresauftakt im Doppelpack

04.01.2022 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett

„HÖHEPUNKTE“ 2.1. 2022 (nm.+ab.) – Jahresauftakt im Doppelpack

Mit einer Doppelvorstellung des vor Weihnachten wieder aufgenommenen Programmes startete die Stuttgarter Compagnie ins neue Jahr – vor nun leider um weitere 200 Plätze reduziertem Publikum. Ob das für die Bekämpfung der bevorstehenden neuen Corona-Welle von wesentlichem Nutzen ist, mag hier dahin gestellt sein, aber mal ganz ehrlich und mit Verstand betrachtet……..

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„Le jeune homme et la mort“. Matteo Miccini, Miriam Kacerova. Copyright: Stuttgarter Ballett

Das Hauptaugenmerk in der Nachmittagsvorstellung galt den neuen Protagonisten in Roland Petits existenzialistischem Kurzdrama „LE JEUNE HOMME ET LA MORT“ nach einer Vorlage von Jean Cocteau. Obwohl im Corps de ballet schon länger durch seine positive Ausstrahlung und seinen schönen gleichmäßigen Körperbau hervorgestochen, kommt die Karriere des italienischen Halbsolisten Matteo Miccini erst jetzt so richtig in Gang. Nach seinem viel versprechenden Lenski-Debut im November bildete er jetzt das Zentrum in Petits 1946 uraufgeführtem Einakter. Den jungen Mann in einer Latzhose, der da in seiner Pariser Mansarde verzweifelt und anfangs rauchend in seinem Bett hängt, zeichnet er weniger extrovertiert und ungebärdig, sondern mehr nach innen gerichtet, wie in sich hinein horchend, erschrocken über sich selbst, dann immer wieder Hoffnung klammernd an eine Frau in Gestalt eines mal verführerischen, mal abweisenden Todesengels, von Miriam Kacerova in dieser dualistischen Kombination konsequent glaubhaft und bezwingend in klassischer Präzision verkörpert und erfüllt. Auch Miccini setzt die Choreographie mit ihren eruptiven Ausbrüchen und kurzen Phasen des Innehaltens äußerst genau und lupenrein bis hin zu den organisch eingestreuten Schraubsprüngen um, macht sie auf diese Weise bis in die kleinsten Bewegungs-Details sichtbar und in ihrer erzählerischen Kraft greifbar, ohne ins an manchen Stellen naheliegend Theatralische zu verfallen.

In Jiri Kylians symbolstarkem und einfühlsam neoklassisch gezeichnetem  „PETITE MORT“ war am Nachmittag der solistisch noch wenig hervor getretene Österreicher mit dem exotischen Namen Flemming Puthenpurayil aus dem Corps de ballet gefordert und zeigte sich in einem der kurzen sechs Pas de deux des Werkes an der Seite von Veronika Verterich als durchaus präsenter Partner. In der Abendvorstellung bekam dann Gruppentänzer Satchel Tanner eine erste solistische bzw. Paar-Chance immerhin zusammen mit der erfahrenen Miriam Kacerova und zeigte dabei auf Anhieb mehr als die pure Ausfüllung der Schritt-Kombinationen.

Bei Kylians von einer Trommel-Percussion Steve Reichs rhythmisch beherrschten bzw. bestimmenden „FALLING ANGELS“ präsentierten sich beide Besetzungsalternativen der acht Frauen in kaum wesentlich zu unterscheidender synchroner Spannkraft.

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„Bolero“ – Anna Osadcenko. Copyright: Stuttgarter Ballett

Maurice Béjarts „BOLERO“ von einer Frau getanzt erfordert die Anlegung anderer Maßstäbe, weil ein bloßer Vergleich mit der Interpretation eines Mannes an der total verschiedenen Ästhetik scheitert, die beide Geschlechter als Grundmerkmal bedienen.

Ob der in den letzten Jahrzehnten hauptsächlich von Männern im Gedächtnis gebliebenen Präsentationen muss immer mal wieder in Erinnerung gerufen werden, dass Ravels jedes Mal aufs Neue faszinierendes Unikum ursprünglich für eine Frau choreographiert worden war.

Anna Osadcenko gelingt es ihrem Tanz einen gewissen herben Anstrich zu geben und so durchaus eine Spur Männlichkeit durchscheinen zu lassen. Das männliche Muskelspiel ersetzt sie durch eine kaum weniger konsequente Ausrichtung auf das weiche Fließen der Arme und die federnden Beine. Mit Ciro Ernesto Mansilla und Daniele Silingardi als Frontmännern der Rhythmusgruppe vollzieht sie eine auf andere Art mitreißende Leidenschaft.

In einer anderen Kategorie bleibt freilich Friedemann Vogel angesiedelt, der am Abend unter Wahrung seiner bestechenden Körper-Dynamik noch ein Schäuferl mehr an Verausgabung drauflegte und das Publikum geradezu magisch spürbar in die finale Ekstase mit hinein riss.

Udo Klebes   

 

 

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