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STUTTGART/ Ballett: „DORNRÖSCHEN“ – Roman Novitzkys Bühnenabtritt als Carabosse

15.07.2022 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett

„DORNRÖSCHEN“ 14.7.2022 – Roman Novitzkys Bühnenabtritt als Carabosse

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Nahm als Tänzer Abschied: Roman Novitzky (Carabosse). Copyright: Stuttgarter Ballett

Zwei Tage nach dem großen Verabschiedungs-Defilee für Alicia Amatriain kehrte nun ein weiterer Künstler aus der ersten Reihe der Bühne den Rücken. Roman Novitzky hat sich entschieden seine Dreifachbeschäftigung als Tänzer, Choreograph und offizieller Fotograf der Compagnie zu reduzieren, weil er hinsichtlich des für ihn geeigneten Rollen-Repertoires alles erreicht hat und in den beiden anderen Sparten mehr für seine Zukunft sieht. Um ihn weiter an das Stuttgarter Ballett zu binden, in dem auch seine Frau Miriam Kacerova Erste Solistin tanzt, wurde eigens für ihn die Stelle eines „Artist in residence“ geschaffen.

Der 2009 aus seiner Heimatstadt Bratislava nach Stuttgart gekommene und seit 2015 zu den Ersten Solisten gehörende Slowake war kein außergewöhnlicher Tänzer, hatte für  diese Position indes ein ungewöhnliches Spektrum an Partien, zu denen außer Onegin keine der führenden Männerrollen in den klassischen und neoklassischen Handlungsballetten gehörte, sondern die Charakterrollen tragischer wie komischer Natur. In letzteren sah er sich schon lange lieber als in der Gestalt von Prinzen und romantischen Liebhabern. Und so war er in Marcia Haydées „Dornröschen“-Choreographie nie Desiré, sondern Carabosse. Mit der hier dramaturgisch enorm aufgewerteten schwarzen Fee ist für ihn einer der großen Rollenträume in Erfüllung gegangen.

Eine idealere Rolle für sein Adieu als Tänzer hätte er nicht bekommen können, steht diese von magischem Bühnenleben bestimmte, innerlich verletzte Frau doch so gut wie immer im Mittelpunkt der Publikumsbegeisterung. Und so durfte Novitzky nach einer gestisch wie mimisch nie überzogenen, teils etwas frei ausgelegten, beständig unter Strom stehenden und von ausreichender Sprungkraft aufgeladenen Interpretation lautstarke Ovationen sowie Blumen von Intendant Tamas Detrich entgegen nehmen. Erleichtert und geehrt neigte er sich zu einem Kuss auf den Bühnenboden. Dass ihm Miriam Kacerova bei diesem letzten Auftritt als (gute) Fliederfee und sozusagen zweite Seele in der Brust um ihre guten Mächte kämpfend gegenüber stand, war eine berührende Besetzungsgeste.

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Natürliche Harmonie: Rocio Aleman (Aurora) und Marti Fernandez Paixa (Desire) im Hochzeits-Pas de deux. Copyright: Stuttgarter Ballett

Als Aurora schickte er bei dieser letzten Gelegenheit Rocio Aleman als Rache in einen hundertjährigen Schlaf. Die Mexikanerin zeigte sich wieder sicherer als zuletzt und tanzte vom extremen Balanceakt des Rosen-Adagios an frei und locker, mit viel Herz und fast noch mädchenhafter Reinheit sowie feinen Phrasierungen. Als der von Carabosse vor ihrer Erweckung bekämpfte Desire empfahl sich Marti Fernandez Paixa als sowohl solistisch wie auch partnerschaftlich nobler Prinz mit seinem bekannt weichen und schlank agilen Bewegungs-Duktus und seiner Fähigkeit auch aus einfach gestrickten Figuren etwas persönlich Verbindliches heraus zu holen. Dass im Hochzeits-Pas deux nicht alles ganz genau und fließend gelang, lag mit am Staatsorchester Stuttgart (Dirigent: Wolfgang Heinz), das gegen Ende dieses zweiwöchigen Ballett-Marathons immer wieder etwas unkonzentriert wirkte, worunter schließlich die Koordination mit der Bühne litt.

Im personalreichen Ensemble ist noch Alexander Mc Gowan zu erwähnen, weil er nun mit seiner Frau Alicia Amatrian die Compagnie verlässt. Warum er diese letzte Präsentation nicht entsprechend nutzte und einen sowohl in den Sprungkombinationen wie in der Ausgestaltung zahn- ja lustlos scheinenden Ali Baba servierte, bleibt sein Geheimnis. Da war jedenfalls leider in keinem Moment (mehr) ein Solist zu sehen.

Nach dieser Vorstellung hieß es wieder für einige Zeit Abschied nehmen von diesem Fest an Ästhetik, wie es Meisterausstatter Jürgen Rose eingerichtet hatte. Da auch die parallel gezeigten Handlungsballette „Mayerling“ und „Onegin“ seine Handschrift tragen, darf hier getrost auch von Jürgen Rose-Festspielen die Rede sein.

    Udo Klebes

 

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