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STUTTGART/ Ballett: DORNRÖSCHEN – aus der Gruppe ins Zentrum gerückt

12.12.2021 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett

„DORNRÖSCHEN“ 11.12. 2021 – aus der Gruppe ins Zentrum gerückt

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Starkes Debut eines Gruppentänzers: Adrian Oldenburger als Carabosse. Foto: Stuttgarter Ballett

Es war nur eine Frage der Zeit, wann der aus der John Cranko-Schule hervorgegangene und seit Herbst 2017 im Corps de ballet tanzende Adrian Oldenburger mit einer größeren Aufgabe betraut wird, denn seine ausgeprägte Sprungkraft und allgemein saubere Technik war schon bald nach seinem Eintritt in die Compagnie vielfach aufgefallen.

Dass er nun als Carabosse in Marcia Haydées dramaturgisch aufgewerteter Version des Märchenklassikers mit einem Schlag in den Mittelpunkt einer Aufführung rückte, liegt bereits in der hier besonders stark charakterisierten Rolle der bösen Fee begründet, aber vor allem – und das ist das letztlich Entscheidende – in der für ein solches Debut verblüffend reifen Gesamt-Leistung des groß gewachsenen Amerikaners, die alle Erwartungen übertroffen hat.

In weiten und hohen Sprung-Variationen, mit der er über die Bühne fegt, und Drehungen, deren Rasanz eine attackierende Wirkung auslösen, reizt er sein Potenzial auf Anhieb fulminant aus. Was indes noch mehr erstaunt, ist die bereits ungemein selbstsichere Ausgestaltung der Partie in Form von mimischer und gestischer Prägnanz. Da sind zum einen die langen spitzen Fingernägel, die er wie hypnotisierend dynamisch spielen lässt, und auf der anderen Seite die sprechende Vermittlung seiner Gesichtszüge. Es blieb jederzeit spannend, ihn auch am Rande der Szene oder ganz ohne größere Bewegung zu folgen, weil er es schaffte, den Charakter der ehr-verletzten Fee ohne Nachlass durchweg präsent zu halten. So war es Oldenburger deutlich anzusehen, wie es nach der Erweckung Auroras in ihm brütete, seinen zerstörerischen Plan weiter zu verfolgen. Oder ganz am Ende mit unmissverständlicher Miene vor dem Ensemble der Märchenhochzeit noch einmal ganz vorne die Bühne entlang zu schreiten.

Ein so sicheres und bereits weit verinnerlichtes Rollendebut ist selbst beim erfolgsverwöhnten Stuttgarter Ballett nicht so oft zu erleben. Mit weiteren Vorstellungen und gewonnener menschlicher Reife dürfte aus seiner jetzt schon großartigen Carabosse eine der ganz Großen mit noch schillernderen Zwischentönen werden.

Oldenburgers enorme Leistung lässt sich auch daran messen, dass er in den anderen Hauptrollen keineswegs mit Besetzungen konfrontiert war, denen er, wie durchaus möglich, die Show stehlen konnte. Denn mit Elisa Badenes exquisiter Phrasierungskunst ist die Aurora kaum mehr zu überbieten, mit David Moore der Prinz stilistisch ideal vertreten und mit Miriam Kacerova die Fliederfee ein starker Gegenpol der guten Mächte.

Unbedingt zu erwähnen ist stellvertretend fürs Ensemble Alessandro Giaquinto, der den Zeremonienmeister mit spürbarer Liebe in Form von vielen kleinen tänzerischen und mimischen Nuancen zu einer sonst meist wenig beachteten Rolle aufwertet.

Und so geriet die letzte Vorstellung bis zum nächsten Frühsommer zu einem veritablen Tanzfest, das auch ein weniger gut aufgelegtes Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Wolfgang Heinz nicht trüben konnte.

                                                                                                                      Udo Klebes

 

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