Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

STUTTGART/ Ballett: „DORNRÖSCHEN“ 21.+ 23.5. – würdige Alternativen

24.05.2026 | Ballett/Performance

Stuttgarter Ballett: „DORNRÖSCHEN“ 21.+ 23.5. – würdige Alternativen

dorn1
An die Spitze zurück gekämpft: Diana Ionescu (Aurora) im 2.Akt. Copyright: Roman Novitzky / Stuttgarter Ballett

Die erste Alternativ-Besetzung der Titelrolle wurde mit besonderer Spannung erwartet, denn die Solistin Diana Ionescu hat ihr Debut im Januar 2020, also kurz vor Beginn der Corona-Pandemie gegeben und mußte in deren Folge aufgrund einer Knie-Verletzung außergewöhnlich lange pausieren. Würde sie an ihren überaus geglückten Einstand in dieser anspruchsvollen Partie anknüpfen können? – Ja, sie hat es geschafft! Im Zusammenwirken mit ihrer starken Präsenz gelang es ihr die Aurora in Körper und Gesicht im Detail emotional zu beleuchten und die technischen Klippen sicher und ausgewogen zu bestehen. Das Rosen-Adagio würde durch optimierteres Geschick der vier um sie werbenden Prinzen ( Joaquin Gaubeca als Vertreter des Südens und Daniele Silingardi als jener des Nordens ersetzten jetzt ihre Kollegen der WA-Premiere) noch zu einer lockeren Ausbalancierung der langen Positionen auf einem Bein beitragen. Die weiteren Solo-Variationen gestaltete sie mit äußerst filigraner, berührend akzentuierter Beinarbeit, in den Pas de deux kann sie sich voll und ganz auf ihren Partner Henrik Erikson verlassen, so dass speziell der letzte auf der Hochzeitsfeier beide strahlend gelöst vereint.

Erikson gibt dem Prinzen Desiré eine ebenfalls berührende Kombination aus Gelassenheit und Nachdenklichkeit und serviert seine Soli in einer schnittig glückenden Mischung aus Jetés und Pirouetten.

Bislang der Prinz, wechselte David Moore jetzt zur allgegenwärtigen Carabosse. Weitreichende Ausdruckskraft und raumgreifend überrumpelnde Sprünge sind jedoch nicht so ganz seine Stärke, am meisten kommt das schillernd Böse in diffizilen gestischen Einsätzen zur Geltung. Für die machtvolle Instanz der Partie reicht das jedoch nicht aus.

Veronika Verterich ist eine bereits erprobte, weniger liebliche, mehr autoritär bestimmte Fliederfee, die ihre zum guten Ende führenden Bahnen sauber und beherrscht auszirkelt.

Im weiteren umfangreichen Personal ist Edoardo Sartori für ein leichtfüßig weich gelungenes Debut als Blauer Vogel hervor zu heben, wobei die beiden Variationen mit seiner solistisch Brillanz zeigenden Prinzessin Fernanda Lopes noch an Fluß gewinnen dürften. Matteo Miccini hatte für seinen ersten Ali Baba keinen guten Tag erwischt, seine gewohnt gewinnende Ausstrahlung konnte nicht darüber hinweg täuschen, dass seinem Solo sowohl eine durchgehend klare Linie als auch die gewissen mitreißend exaltierten Akzente noch fehlten. Mizuki Amemiya glänzte als feiner Rubin, im Feenreigen des Prologs fällt Elisabetta Fasoglio als liebevolle Vertreterin der Anmut unter den Erst-Begegnungen besonders auf.

Im spielerischen Bereich stellte sich Dorian Plasse erstmals mit einer nuanciert, nicht nur von männlicher Machtansage bestimmten Studie des Gestiefelten Katers vor, mit Lily Babbage als drolligem Kätzchen. Als Catalabutte waltet Emanuele Babici mit strikter Contenance und dezenten Nuancen seines neuen haushofmeisterlichen Amtes.

dorn2
Abigail Willson-Heisel (Aurora) und Gabriel Figueredo (Desiré) im 3.Akt. Copyright: Roman Novitzky / Stuttgarter Ballett

Zwei Abende später herrschte Spannung angesichts von drei Hauptrollen-Debuts, mit besonderem Augenmerk auf viel versprechenden Nachwuchs. Die Amerikanerin Abigail Willson-Heisel hatte erst vor drei Jahren ihren Abschluss an der John Cranko-Schule gemacht, kam ohne Eleven-Status direkt ins Corps de ballet, wurde während der letzten Spielzeit zur Halbsolistin und mit Beginn dieser Saison zur Solistin befördert. Ein rasanter Aufstieg, der mit dieser Vorstellung eine weitere Wende nehmen sollte. Es zeugt von hohem Vertrauen, wenn sie ohne bislang in einer größeren, klassisch bestimmten Rolle erprobt gewesen zu sein, mit einem der Prüfsteine der Hohen Schule betraut wird und sie ihre Chance prompt mit einer faszinierenden Gelöstheit und Sicherheit in allen Belangen nutzt. Höchstes Geschick beweist sie gleich im Rosen-Adagio, wo wie oben schon erwähnt das Maß der Einfühlsamkeit der Prinzen einen wesentlichen Beitrag zum Erfolg von Aurora leistet. In allen weiteren Soli und an der Seite des Prinzen steht sie wie eine Eins, federt Arabesquen weich ab und zeigt Elastizität in Sprüngen. Und da solchermaßen ganz in sich ruhend, schwingt eine Beseeltheit durch ihr mädchenhaft natürlich heiteres Wesen. In Bezug auf diese Leistung ist ihre sofortige Ernennung zur Ersten Solistin absolut verständlich, aber bei aller Begeisterung stellt sich die Frage, ob das auch im Sinne einer gesunden weiteren Entwicklung nicht ein vorschneller Akt ist, und ob nicht ihre oben erläuterte Kollegin der vorher gegangenen Vorstellung aufgrund größerer Erfahrung und im Hinblick auf ihren bewundernswerten Kampf um eine nun erfolgreiche Rückkehr auf die Bühne für ein Avancement in die erste Hierarchiestufe angemessener gewesen wäre – sie dürfte sich in dieser Situation wohl zurück gesetzt fühlen.

Gabriel Figueredo ist mit seinen idealen Körper-Proportionen und der wohl dadurch erzielten elegant geschmeidigen Linie im Ineinander Gleiten von sehr musikalisch phrasierten weiten Sprüngen, straffen Ballonnées und ganz zentriert ausgerichteten Drehungen der geborene Danseur noble und in dieser Exzellenz das derzeit heraus ragende Talent in der Compagnie.Seine inzwischen errungene Selbstsicherheit spiegelt sich auch in seinen Gesichtszügen zwischen Ernsthaftigkeit und strahlender Freude wider- Nicht zuletzt bietet er nun auch als Partner Kompetenz und lässt mit Aurora den Hochzeits-Pas de deux zum virtuosen Fest werden.

dorn3
Starkes Rollen-Portrait: Adrian Oldenburger (Carabosse) im Prolog. Copyright: Roman Novitzky / Stuttgarter Ballett

Von Mizuki Amemiya wäre durchaus eine Aurora zu erwarten gewesen, doch vorläufig hielt sie nun als eine vornehme, funkelnde Signale ihrer Funktion setzende Fliederfee mit fließend bewegten Armen und edel gesetzten Arabesquen Einzug. So konnte sie sich mit einer ganz eigenen Interpretation gegenüber der starken Carabosse von Adrian Oldenburger behaupten, denn der Halbsolist bringt die von Eifersucht Zernagte auch jetzt wieder mit einer durchdringenden Intensität über die Rampe. Gewaltig hohe Sprungkraft, präzis fokussierte Drehungen sowie eine glaubhaft geschlechtsübergreifende mimische Visualisierung machen seine Einsätze zum komplett rollendeckenden Gesamtereignis. Selbst seine wutschnaubende Mine über den strahlenden Sieg des Guten und sein von Sarkasmus getragener Abgang bleiben als Schatten über so viel Licht hängen.

Ein Aufstieg zum Solisten wäre längst fällig.

Zu den vier werbenden Prinzen gesellte sich Mitchell Milhollin als neuer Abgesandter des Ostens mit gebührender Sprungkraft und blasierter Grundhaltung.

Seit der WA-Premiere vor einer Woche haben Riccardo Ferlito und Irene Yang ihren Pas de deux als Blauer Vogel und Prinzessin noch erfreulich gerundet, Adhonay Soares fügte seinem technisch ausgeglichenen Ali Baba jetzt noch eine Prise an erforderlichem Pfeffer in der Ausreizung der Sprünge hinzu.

Jonathan Lo als Gastdirigent aus Australien brachte am Pult des Staatsorchesters Stuttgart mit zugkräftiger Note wieder viel Wind in die farbenreiche Musik Peter Tschaikowskys und  ist den Tänzern ein in Tempofragen sehr dienlicher Begleiter. In dieser Kombination wäre er ein empfehlenswerter Kandidat für die offene Position des Musikdirektors.

Udo Klebes

 

 

 

 

 

 

Diese Seite drucken