Stuttgarter Ballett: „DORNRÖSCHEN“ 16.5. 2026 (Wiederaufnahme) – der Petipa Award als verdiente Auszeichnung für Marcia Haydée

Glänzender Einstand: Abigail Willson-Heisel als Fliederfee. Foto: Roman Novitzky/Stuttgarter Ballett
Radikaler Kontrast innerhalb kurzer Zeit.Wo sich in der Vorwoche die Tänzer in Glen Tetleys „Le sacre du printemps“ noch gegen jede klassische Konvention gestemmt hatten, herrschte nun der Glanz der Tradition von Marius Petipas Märchenballett, aufgefrischt und erweitert durch Marcia Haydée, die damit 1987 bei ihrem choreographischen Debut einen für heutige Verhältnisse gigantisch lang gefeierten Premierenerfolg hatte. Ein erheblicher Anteil geht auch auf das Konto des Ausstatters Jürgen Rose, der in einem praktikabel veränderbaren Bühnenraum mit einer Galerie als fixem Element eine zuerst in Pastellfarben, später dann auch in kräftigeren Tönen fein- und geschmackvoll abgestimmte Kostüm-Pracht entworfen hatte. Dadurch gilt diese Produktion als im wahrsten Sinne des Wortes schönste der Ballettwelt.Was letztlich soviel bedeutet, als die reine Optik auch mal eine lohnende Ablenkung sein kann, wenn der Tanz vielleicht etwas in Routine abgleitet.
Bei dieser Neueinstudierung wurde in vier der drei Hauptrollen auf bereits erprobte Kräfte gesetzt. Belassen wir dem heimlichen Zentrum, der alle Zeit gegenwärtigen, aus bitterer Enttäuschung böse gewordenen Fee Carabosse den Vortritt, die hier keine lediglich schreitende Pantomimin, sondern eine geschlechtsneutrale Autorität mit androgynen Zügen ist und sich durch ihr schwarzes, Furcht erregendes Outfit mit langen Haaren, weitem Mantel und einem riesigen, vom Gefolge gelenkten Schleier markant von der bunten Umgebung abhebt. Die Besetzung mit einem Mann ist den der Rolle auferlegten weitgreifend mächtigen Bewegungen geschuldet. Kammertänzer Jason Reilly hat sie mittlerweile so oft verkörpert, dass alle Details bis in die langen Fingernägel verinnerlicht wirken und die Präsenz seines Einsatzes auch mit inzwischen etwas reduzierter Sprungkraft immer noch Bühnen beherrschend ist.

Schillernde Präsenz: Jason Reilly als Carabosse. Foto: Roman Novitzky/Stuttgarter Ballett
Als die fürs positive Ende sorgende Gegenmacht Fliederfee legt die erst mit dieser Saison zur Solistin avancierte Abigail Willson-Heisel ein völlig entspannt wirkendes Debut mit großzügig leichten Arabesquen und einer lichtvoll heiteren Ausstrahlung hin. Ihre eine Woche später folgende Premiere als Aurora darf ob diesem traumhaft gelungenen Einstand gespannt erwartet werden. Jetzt präsentierte sich in der Titelrolle nach etwas längerer Auftrittspause Rocio Aleman zunächst mit einem bewundernswert virtuos durchgestandenen Rosen-Adagio, einer fein ausgezirkelten Solo-Variation, ehe sie im weiteren Verlauf trotz ihrer Herz erwärmenden Ausstrahlung eine gewisse Anspannung nicht ganz verbergen konnte, aber in den Pas de deux von Marti Paixas topsicherer Partnerschaft profitierte. Der charmante Erste Solist punktete auch sonst als Prinz Desiré mit klar austarierter Linie und gleichmäßig rund und weich gedrehten Pirouetten, was auch durch einen kurzen Hänger in seiner Auftritts-Variation nicht beeinträchtigt wurde.
Von den vier auch hinsichtlich choreographischer Ansprüche unterschiedlich charakterisierten Prinzen, die um Aurora werben, überragt Adrian Oldenburger als Abgesandter des Ostens mit knackig hohen und weiten Sprüngen seine Konkurrenten, während Martino Semenzato (Süden), Christopher Kunzelmann (Westen) und Satchel Tanner (Norden) durch dezenter gesetzte Akzente überzeugen.
Nur zwei Wochen nach seinem bestechend gelungenen solistischen Einstand als Tetley-Opfer zeigte Halbsolist Riccardo Ferlito als Blauer Vogel, dass auch ein klassischer Tänzer mit durchgehend geschmeidigem Einsatz der Beine und Arme sowie Strahlkraft in ihm steckt. Als seine Prinzessin tut sich Irene Yang bei ihrem Debut noch etwas schwer in der körperlichen Ausgeglichenheit.
Adhonay Soares ist ein technisch vorbildlich und musikalisch einfühlsamer, in der Präsentation allerdings ungewohnt sanfter Ali Baba, solistisch funkelnd assistiert von Veronika Verterich als Rubin. Eine feine humorvolle Note mit einigen neu beobachteten Facetten präsentieren Edoardo Sartori und Fernanda Lopes im köstlichen Katzen-Duett, frischen Wind bringt Anton Tcherny als Wolf in die Episode mit der glaubhaft verängstigten Aiara Iturrioz Rico als Rotkäppchen.
Von den Auroras Gedeihen begleitenden Feen sind als Neuzugänge Aoi Sawano (Klugheit) und Ruth Schultz (Kraft) stellvertretend für ihre Kolleginnen genannt.
Der ehemalige Solist Clemens Fröhlich kehrt parallel zu seiner neuen Funktion als choreologischer Assistent und Ballettmeister im Charakterfach auf die Bühne zurück und beweist als König sowohl noble wie auch gütige Repräsentation, als Gemahlin an seiner Seite die bewährte Sonia Santiago. Den umtriebigen Haushofmeister Catalabutte gestaltet der Eleve Carlos Strasser spürbar ambitioniert, aber im Detail noch etwas hektisch.

Strahlendes Final-Bild mit dem ganzen Ensemble. Foto: Roman Novitzky/Stuttgarter Ballett
Bei dem als Hofleute, Freundinnen, Feen und Hochzeitsgäste auftretenden, durch Absolventen der John Cranko Schule und der Ballettschule Zollberg in Esslingen ergänzten Corps de ballet dürfte sich die Synchronität im Laufe der Aufführungsserie noch verbessern.
Am Pult des phasenweise glanzvoll spielenden Staatsorchesters Stuttgart steht erstmals Jonathan Lo, der sich als Chefdirigent des Australian Ballet im Vorfeld des Gastspiels der Compagnie im Oktober wohl mit Haydées Choreographie vertraut machen sollte und mit überaus geschickter Tempi-Koordination als idealer Ballett-Dirigent empfiehlt.
Im Rahmen des reichlichen Jubels für diese Wiederaufnahme-Premiere wurde auch Marcia Haydée auf die Bühne geholt, um aus den Händen von Vertretern der Petipa Ballet Association den Petipa Award für ihre hohen Verdienste um dessen Bewahrung und Überführung in die Zukunft entgegen zu nehmen. Die Trophäe ist eine jeweils als Unikat gefertigte Skulptur aus einer böhmischen Glas-Manufaktur, deren geschwungene Form einer Pirouette das Zusammenwirken aus Leichtigkeit, Präzision und Energie klassischer Bewegungen symbolisiert. Die Geehrte bedankte sich dafür an der Seite von Jürgen Rose und Ballettintendant Tamas Detrich (der in der Premiere 1987 als Desiré dabei war) für die Besonderheit des Preises als Krönung ihres an Auszeichnungen reichen Lebens und warf gewohnt humorvoll die Frage in den Raum, was denn da noch kommen könnte. Sicher ist, dass sie nächstes Jahr ihren 90. Geburtstag feiert!
Udo Klebes

