Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

STUTTGART/ Ballett: „DON QUIJOTE“ Stream – Zwei Stunden Medizin gegen Corona-Depression

25.01.2021 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett

„DON QUIJOTE“ Stream der Aufführung vom 8. Juli 2017 – Zwei Stunden Medizin gegen Corona-Depression

Stuz
Technisch auf Augenhöhe: Elisa Badenes (Kitri) und Adhonay Soares Da Silva (Basilio) im 1. Akt. Copyright: Stuttgarter Ballett

Für einige Tage meldete sich das Stuttgarter Ballett online zurück aus seiner Zwangspause  mit einer Aufführung des fast unbeschwerten Klassikers nach Miguel De Cervantes in der Choreographie von Maximiliano Guerra. Der argentinische Tänzer hatte sie im Jahr 2000 in Bühnenbild und Kostümen von Ramon B. Ivars für die Stuttgarter Compagnie erarbeitet und 2012 nach Entschlackung der einst für einen Repertoirebetrieb zu aufwändigen Bühnenausstattung neu einstudiert. In der Saison 2016/17 erfolgte schließlich eine Wiederaufnahme, auf eine deren Folgevorstellungen für diesen stream nun zurück gegriffen wurde. Eine angesichts des anhaltenden Lockdowns geradezu wehmütige Erinnerung an Zeiten, wo der Beifall im ausverkauften Opernhaus nur so prasselte und ausgelassene Stimmung herrschte

Die Choreographie als Ganzes war ein achtbarer Versuch, dem dramaturgisch schwachen Ballett, speziell der als Charakterpartie konzipierten Titelgestalt durch eine Verdoppelung als zum Schreiben inspirierter Dichter Cervantes etwas mehr Profil zu geben, konnte das Stück aber letztlich auch nicht aus seiner oberflächlichen Schablone befreien. So ist das mit Hilfe des ritterlichen Einsatzes von Don Quijote zu seinem Glück kommende Paar Kitri-Basilio nach wie vor der zentrale Anlass für eine Aufführung des Werkes, obwohl es nur eine der Episoden des traurigen Titelhelden ist. Der Kampf mit den Windmühlen und die Traumwelt der Dryaden bleiben dagegen lediglich Stimmungsbilder, denen es etwas an choreographischem Biss fehlt.   

Zwar kam jetzt leider nicht jene erhoffte, bislang unübertroffen gebliebene Top-Besetzung des Hauptpaares der Neuauflage-Premiere von 2012 zu medialer Verbreitung, doch immerhin dessen weibliche Hälfte zum Zug, womit wir in dieser Live-Kulturdürre mehr als nur zufrieden und sehr dankbar sein sollten. Elisa Badenes hat alles um aus der schelmischen Gastwirtstochter Kitri ein unwiderstehliches Energiebündel zu machen: eine famose Technik, die sie alles an klassischer Tanzkunst wie aus den Ärmeln schütteln lässt, eine Verflechtung von federleichtem Sprung und gleichmäßig bis zur Rasanz gesteigerten Pirouetten, musikalisches Feingefühl bis hin zum Einsatz von Kastagnetten und Fächer sowie ein natürliches Temperament. Im Ganzen ein Feuerwerk aus Lebensfreude und brillanter Artistik ohne zirzensisches Schielen auf Effekte.

Adhonay Soares Da Silva ist ihr zwar körpergrößen-bedingt, hinsichtlich Kraft und Energie sowie im Handling kein so idealer Partner auf Augenhöhe wie einst Daniel Camargo, sichert dem armen und deshalb bei Kitris Vater chancenlosen Basilio mit einer gleichfalls zündenden Technik und daraus resultierenden Leichtigkeit in allem was er tut, ebenfalls Bewunderung. Zumal für seine ganz sicher ausbalancierten und auf Linie gehaltenen Drehungen. Und die phasenweise noch durchscheinende Kindlichkeit seines Wesens verschafft ihm viele Sympathien.

David Moore gibt dem Toreador José-Antonio entgegen seinem nordischen Naturell ein recht stolzes und selbstbewusstes Profil, in den besonderen choreographischen Akzenten unterstützt von seinem wie immer gewissenhaften Einsatz. Rocio Aleman hat ihm als Mercedes freilich die mediterrane Rassigkeit und Ausstrahlung voraus. Ami Morita zieht als Königin der Dryaden würdevolle Bahnen auf Spitze, Myriam Simon kombiniert als Dulcinea Feinheit und Liebreiz,  Katarzyna Kozielska ist ein neckischer Amor, Agnes Su und Veronika Verterich füllen den Grand Pas de deux des dritten Aktes mit zwei tadellosen anspruchsvollen Variationen, Robert Robinson verleiht dem intensiven Solo des Königs der Zigeuner etwas exzentrisches Feuer.

Matteo Crockard-Villa kann aus der tänzerisch nur ansatzweise fordernden, hauptsächlich durch Spiel und Pantomime geprägten Titelrolle einen Typ formen – mehr nicht. Bei Louis Stiens schimmert als Sancho Pansa  auch eine gewisse Traurigkeit hinter der Komödiantik durch, allerdings tut er mimisch manchmal zu viel des Guten. Und Roman Novitzky schafft es immerhin, den reichen und hochnäsigen, um Kitri werbenden Camacho vor allzu schnöselhaftem Slapstick zu bewahren.

Das Corps de ballet versprüht als Jungvolk um das junge Paar erfrischende Lebenslust und erfüllt in verschiedenen Funktionen die Ensemble-Aufgaben.

James Tuggle leitet das Staatsorchester Stuttgart durch die bei aller phasenweisen Gewöhnlichkeit immer wieder animierende Musik von Ludwig Minkus.

Am Ende siegt ein Tanzfest über die eingangs erwähnten Schwächen. Herzlichen Dank für diese Wiedersehens-Gelegenheit!

                                                                                                                                  Udo Klebes

 

Diese Seite drucken