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STUTTGART/ Ballett: DIE KAMELIENDAME – Wiederaufnahme-Premiere – in vollendeter Verinnerlichung

12.02.2023 | Ballett/Performance

Stuttgarter Ballett: „DIE KAMELIENDAME“ 11.2. 2023 (Wiederaufnahme-Premiere) – in vollendeter Verinnerlichung

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Elisa Badenes (Marguerite), Friedemann Vogel (Armand) im 1.Akt. Copyright: Stuttgarter Ballett/Roman Novitzky

Die Tiefe von Neumeiers ausdruckssatter Choreographie kommt besonders zum Tragen, wenn das Hauptpaar von (lebens-) und rollenerfahrenen Künstlern interpretiert wird, bei denen jegliche Äußerlichkeit der Demonstration technischen Könnens fremd ist. Dem entsprechen Elisa Badenes und Friedemann Vogel in höchstem Maße, auch weil sie sich in die Rollen von Marguerite Gautier und Armand Duval in jeder Faser so versenken, dass die Entwicklung ihrer Beziehung wirklich ohne Worte aus der Verbindung von Körper und Mimik nachvollziehbar ist. Im Dialog mit bzw. grundiert von Frederic Chopins subtilem poetischem Klavierzauber gelingt beiden eine Innenschau ihrer Seelen, die zwischen unermesslichem Glück und abgrundtiefer Bitterkeit alle Phasen auslotet. Bereits im ersten Auftritt Armands, wenn er in der als Prolog voran gestellten Auktionsszene nach vorne an die Rampe stürmt, steht Vogel die ganze Tragödie der unglücklichen Liebe, die Neumeier als Rückschau aufschlägt, ins Gesicht geschrieben. Auch später und am Ende, wenn Armand im zurück gebliebenen Tagebuch Marguerites liest, bleibt der Schmerz in seiner Haltung spürbar. Dazwischen ist er ein nobler junger Mann, dem zwischen rauschender Verehrung Marguerites und später aus Enttäuschung geborener fälschlicher Diffamierung alles an tänzerisch optimaler Verausgabung gelingt. Bei Badenes ist es die immer Staunen machende Sicherheit, mit der sie sich in die unterschiedlichsten Charaktere und die ebenso vielfältigen Herausforderungen stürzt, und dabei getragen von ihrer universellen in allen Belangen selbstverständlichen Technik alles ganz natürlich aus ihr fließt, als ob es gar nicht anders sein könnte.

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Anna Osadcenko (Manon), Matteo Miccini (Des Frieux) und Elisa Badenes (Marguerite). Copyright: Stuttgarter Ballett/ Roman Novitzky

 

Das dramaturgisch so raffiniert ins Spiel integrierte Spiegelbild-Paar Manon und Des Grieux wird von Anna Osadcenko mit schlichter Ballerinen-Grandezza als Schwester im Geiste gezeichnet und von Matteo Miccini mit kontrastierend jugendlicher Emphase und später von Trauer umflort in allem sehr präzise umgesetzt.

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Spannende Wiederbegegnung im 3.Akt: Elisa Badenes (Marguerite), Henrik Erikson (Graf N.), Mizuki Amemiya (Olympia) und Friedemann Vogel (Armand). Copyright: Stuttgarter Ballett/Roman Novitzky

Für heitere Akzente auf dem Lande sorgen David Moore als zum Scherzen aufgelegter Gaston und gleichzeitig elegant korrekter Attitude sowie Daiana Ruiz als Prudence, die in der Verwirrung der Situation von Marguerites Bodenwurf der herzoglichen Halskette diese kurzerhand in ihrem Dekolleté verschwinden lässt. Mizuki Amemiya aus dem Corps de ballet trittt als Olympia erstmals in einer etwas größeren Solo-Partie in Erscheinung und tut dies mit gut dosiertem, noch etwas vorsichtigem Kurtisanen-Verhalten und weicher Bewegung auf Spitze. Die herausragende Leistung bei den Nebenrollen vollbringt Henrik Erikson, der den Grafen N. bei seinem Debut mit aller diesem innewohnender Tragikomik zwischen nervendem Anbeten und clownesken Anstrichen äußerst subtil und dazu noch choreographisch exakt ausstattet.

Jason Reilly ist als moralische Instanz Monsieur Duval ein richtiger Grandseigneur, hart und unbeweglich nach außen, verständnisvoll im Kern. Sonia Santiago hat sich inzwischen gut in die Charakterrollen, wie hier die umsorgte Annina hinein gearbeitet. Matteo Crockard-Villa ist der Marguerite aushaltende, eher gütige als strenge Herzog.

Andrej Jussow (1.Akt), Louis Lancien (2.Akt), Alastair Bannerman (auf der Bühne) und Alexander Reitenbach (3.Akt) teilten sich Chopin pur mit dessem 2.Klavierkonzert und der Ballade g-moll als zentralen Kompositionen – allesamt mit gefühlvollem Anschlag und Gestaltungskraft. Wolfgang Heinz hält das Staatsorchester Stuttgart auch mit mehrheitlicher Begleit-Funktion in den jeweiligen Tempi für Solisten und Ensemble gut bei der Stange.

Die von Jürgen Rose persönlich aufgefrischten, hauptsächlich in Pastelltönen gehaltenen  Kostüme samt der überholten und korrigierten Beleuchtungs-Einrichtung taten ein Übriges, diese Wiederbegegnung in ein Premieren ähnelndes Glanzlicht zu tauchen.

Das Publikum sparte nicht mit Ovationen.

  Udo Klebes

 

 

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