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STUTTGART/ Ballett: DER NUSSKNACKER – Tierische Träume statt Zuckerwerk. Premiere

26.11.2022 | Ballett/Performance

Stuttgarter Ballett

„DER NUSSKNACKER“ 25.11. 2022 (Premiere) – Tierische Träume statt Zuckerwerk

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Elisa Badenes (Clara), Jason Reilly (Drosselmeier) und die Schmetterlinge. Copyright: Stuttgarter Ballett

Es war weder der 6.noch der 24. Dezember und dennoch eine Bescherung, die mit großer Spannung erwartet wurde. Nach über fünfzig Jahren – in einer Ballettstadt wie Stuttgart kaum zu glauben – erstmals wieder das international als das klassische Weihnachtsballett schlechthin gefeierte Werk auf der hiesigen Bühne sehen zu können, verlieh dieser Premiere einen zusätzlichen Stimmungsreiz. Die auch musikalisch verkürzte, sehr düstere Tanztheater-Fassung von Marco Goecke im Jahr 2006 – der Choreograph möge es verzeihen – muss da trotz einiger Meriten außen vor bleiben.

Edward Clug, der nächstes Jahr an John Crankos Todestag seinen 50.Geburtstag und zugleich sein 20Jahr-Jubiläum als Direktor des Balletts im slowenischen Maribor feiern wird, und 2009 von Reid Anderson erstmals für eine Auftragsarbeit nach Stuttgart engagiert wurde, wollte sich endlich den Traum von einem eigenen „Nussknacker“ erfüllen, mit dem er glücklich ist, d.h. mit traditionell behaftetem Rankenwerk und getreuer klassischer Tanzschrift aufräumt, aber dennoch ein Märchen für alle Altersstufen bleibt, das wieder näher an die stoffliche Vorlage von E.T.A.Hoffmann heran rückt. Also auch die finster bedrohlichen Elemente rund um die von einem Fluch beladene Verzauberung von Drosselmeiers Neffen in einen Nussknacker zum Vorschein bringt und all das herkömmliche Zuckerwerk durch einen tierischen Traum Klaras auf dem Weg zu ihrem Liebesglück ersetzt. Und so wird klar nachvollziehbar, dass all die Spielzeug-Figuren des Mädchens, die sie auch mal demonstrativ an der Rampe aufreiht, in ihrem Traum zu realer Dimension erwachsen und lebendige Gestalt annehmen. Dass Clug für diese bildliche Umsetzung keinen Geringeren als Altmeister Jürgen Rose gewinnen konnte, sicherte diesem Unternehmen von vornherein eine zumindest überwiegende Erfolgsgarantie. Seit Crankos einstiger Meister-Bühnen- und Kostümbildner hier 2019 bei der Arbeit an einer neuen Ausstattung für MacMillans „Mayerling“ noch einmal Blut geleckt hatte, befasste er sich nun mit der von ihm gewohnten Detailgenauigkeit in dreijähriger Vorarbeit mit dem zu viel Phantasie anregenden Sujet. Es würde den Rahmen einer Rezension sprengen, all das zu beschreiben, was sich da in gut 90 Minuten Spieldauer entfaltet und durch Clugs frei neoklassisch geprägte Choreographie-Handschrift in Bewegungs-Abläufen in Gang gehalten wird. Da es sich um ein richtiges Ensemble-Werk handelt, in dem nur der Pas de deux des vereinten Paares vor dem Finale solistisch konzentriert ist, sind die Augen immens gefordert, um alle Vorgänge zu erfassen. Im schlicht und schmucklos gehaltenen Bühnenraum, konnte sich da Rose vor allem als Kostümzauberer und Requisiteur ausleben. Dabei deckt er Clugs Ernst und Humor gleichermaßen miteinschließende choreographische Ideen nie zu, bleibt immer Diener am Gesamtwerk, das mit spürbarer Liebe und in gemeinsamem Ringen um Übereinstimmung, mit dramaturgischer Unterstützung von Vivien Arnold umgesetzt wurde. Da geht alles in fließender Erzählung ineinander über, selbst das handlungslose und herkömmlich als bloße Schau präsentierte Divertissement im zweiten Akt ist kein Stückwerk.

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Jason Reilly (Drosselmeier), Elisa Badenes (Clara), Matteo Miccini (Fritz) und die Kinder. Copyright: Stuttgarter Ballett

Zentrales Element sind mehrere Riesen-Walnüsse, von denen eine bereits am Ende des 1.Aktes über dem Waldelfen-Reigen in beigen mit Gezweig-Motiven versehenen Kleidern hernieder schwebt und zu den letzten musikalischen Akkorden mit einem großen Hammerschlag zu öffnen versucht wird. Später dominieren sie dann die ganze Bühne, drehen und öffnen sich teilweise auf der Rückseite und geben ihr Innenleben preis. Mal mit rotem Vorhang verschlossen für den Auftritt von drei mit Schmackes und Stolz gestandenen Toreros (Fabio Adorisio, Timoor Afshar, Martino Semenzato), mal für mit kleinen Nüssen spielenden Eichhörnchen, dann für eine Gruppe von Matroschkas und Kosaken. Harlekine wirbeln mit Leitern als Mitspielern über die Bühne, Schmetterlinge mit schillernd sich entfaltendem Flügelkleid umschweben das immer wieder verschobene Bett, in dem Clara in der Weihnachtsnacht ihre Träume auslebt, und lassen den Blumenwalzer zu einer filigran leichtfüßigen Augenweide werden. Später werden sie dann in einer witzigen Choreographie von Fritz und seinen Freunden mit Netzen verfolgt. Die kleineren SchülerInnen der Cranko-Schule verwandeln sich von ihrem menschlichen Wesen, auf dem anfänglichen Weihnachtsmarkt einen Reigen in Rollschuhen bildend, zunächst in die gegen die Soldaten von Claras Bruder Fritz kämpfenden Mäuse, und dann in eine Schar von verschieden farbigen Käfern – in deren mit einem Stab süffisant regierenden König sich der Großvater Matteo Crockard-Villa  verwandelt hat. Den Vogel ab schießen indes zwei Kamele, die in einer bemerkenswert deren Bewegungs-Charakteristika einfangenden Umsetzung des Arabischen Tanzes große Heiterkeit auslösen. Zuletzt reitet eines mit Clara davon, das andere lässt sich im Bett nieder.

Clugs Choreographie bietet zwar keine besonderen technischen Herausforderungen, reduziert das klassische Original auf ein Mindestmaß zugunsten einer körpersprachlichen Mitteilungsweise und ergibt doch recht dankbare Aufgaben, auch für die Hauptrollentänzer, die sicher gerne auch das Vergnügen genießen, mal nicht Höchstleistungen abrufen zu müssen.  So ist Claras Bruder Fritz mit einigen Sprung-Sequenzen recht auffallend integriert, zumal wenn er mit einem so exakt wie charismatisch wirkenden Tänzer wie Matteo Miccini besetzt ist.

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Vereint: Elisa Badenes (Clara) und Friedemann Vogel (Nussknacker-Prinz) vor huldigendem Ensemble. Copyright: Stuttgarter Ballett

Als Charakterrolle hatte der Patenonkel Drosselmeier nie ein großes technisches Profil, entscheidend sind auch hier seine Präsenz und eine gewisse Reife im Auftreten dieser geheimnisumwitterten, aber gleichzeitig gutmeinend lenkenden Gestalt. Jason Reilly ist als erfahrener Tänzer im elegant feinen Mantel und zusammen gebundenem Haarschwanz genau der Richtige dafür. Das gilt auch für Elisa Badenes, die vom Mädchen im Traum zur jungen Frau erwächst. Aus kindlicher Neugier erwächst bei ihr die Erkenntnis das Herz sprechen zu lassen, und das lässt sie ihren geliebten Nussknacker bzw. den darin gefangenen Neffen auch mit verbundenen Augen ausfindig machen und erkennen. Den Roboter artig bewegten Nussknacker, dessen Rückseite bereits den in weiß gekleideten prinzlichen Neffen verrät, gibt Friedemann Vogel mit gebührender Ernsthaftigkeit, bei der Erlösung mit zunehmend menschlicher Wärme und zuletzt befreiter Ausstrahlung. Dann kann Clara endlich ihr rotes mit einem weißen Kleid vertauschen lassen und beide im Pas de deux vereinigen. Clug greift dabei nur in Ansätzen auf das Original zurück, stellt Hebungen und ausgezierte Spitzen-Balancen zugunsten einer durch einige Schleif-Figurationen bereicherten Version zurück.

All den Beteiligten aus dem größtenteils eingesetzten Ensemble ein allgemeines Lob für ihre Beiträge. Aufhorchen ließ durchaus auch die musikalische Komponente im Graben. Das   Staatstheater Stuttgart setzte die in Gänze verwendete Musik Peter Tschaikowsky unter Eingliederung einer vom Dirigenten Wolfgang Heinz arrangierten Bearbeitung des Wintermorgens aus dem Kinderalbum op. 39, wenn Clara das erste Mal ihre Verbindung zum Nussknacker begreift, überaus farbenreich, um Auffächerung in der Struktur bemüht und mit stimmenübergreifendem Glanz um. Die Reihenfolge des Divertissements wurde vertauscht, der finale Blumenwalzer an den Anfang gestellt. Außerdem erhielt die hier keine Rolle spielende Zuckerfee einen ganz neuen Platz, sie wanderte als Teil des Pas de deux an den Anfang des zweiten Aktes und symbolisiert mit ihrem unwirklich anmutenden Klanggewand Claras innere Welt. Ganz zuletzt nach der Apotheose, wenn das vereinte Paar in einer der Nuss-Schalen eingeschlossen wird, taucht sie als Reminiszenz noch einmal auf. Drosselmeier legt sich über dem bereits herunter gehenden Vorhang auf den Boden und genießt ein Glas? Als Anstoß auf sein gelungenes Werk? Dieses kurze Nachspiel gibt dem glücklichen Ende einen leicht nachdenklichen Dämpfer.

Der Erfolg war einhellig, in entsprechend ausgiebiger Begeisterung verlautbart, und dürfte dem Stuttgarter Ballett hoffentlich für eine lange Zeit ein gefragtes Weihnachtsballett garantieren.

 

                                                                                                                      Udo Klebes

 

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