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STUTTGART/ Ballett: DER NUSSKNACKER mit erster Alternativ-Besetzung

01.12.2022 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett: „DER NUSSKNACKER“ 29.11.2022 – mit erster Alternativ-Besetzung

Der Einsatz der ersten Alternativ-Besetzung der drei Hauptrollen bot Anlass Stuttgarts neuestes Handlungsballett vier Tage nach der Premiere erneut unter die Lupe zu nehmen.

Der faszinierende Detailreichtum der von Edward Clug (Choreographie) und Jürgen Rose (Bühne und Kostüme) verantworteten Produktion wird noch viele weitere Begegnungen erfordern, um all das erfassen zu können, was sich im Hause Stahlbaum und dann in Klaras Traum-Fantasiewelt alles vor den Augen des Zuschauers abspielt, und steht damit in bester Tradition von John Cranko, dessen abendfüllende Dauerbrenner selbst heute nach mehr als 50 Jahren immer noch bei jeder Vorstellung Ungesehenes zutage fördern.

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Anna Osadcenko (Clara) und David Moore (Nussknacker). Copyright: Roman Novitzky / Stuttgarter Ballett

Da Tschaikowskys farbenreichstes Ballettwerk vor allem ein Ensemble-Stück ist, wird der Erfolg weniger von solistischen Glanzleistungen abhängig sein, sondern immer ein gesamtheitlicher sein. Roses Kostümentwürfe einer Zeit, in der die weihnachtliche Freude der Kinder sich noch auf allerlei Spielzeug-Figuren konzentrierte, wie auch eine von Ästhetik und Idiomatik geprägte Tierwelt sind die auch aufgrund der feinen farblichen Abstimmung und Differenzierung  zentralen Elemente, ohne Clugs choreographische, die klassische Tradition hinter sich lassende Form zuzudecken. Da haben wirklich zwei Künstler aus nicht nur verschiedenen Generationen, sondern auch eher konträren Ansätzen zusammen gefunden. Wer bei der Premiere (so zumindest hie und da aufgeschnappt) den Eindruck gewonnen hatte, dass im Vergleich zur klassischen Petipa-Version relativ wenig und für eine Compagnie wie Stuttgart eher unterfordernder Tanz stattfindet, sollte sich unbedingt einen zweiten Eindruck verschaffen, um dann festzustellen, dass Clugs Bewegungsabläufe vor allem im ersten erzählenden Teil reichlich Kleinteiliges enthalten, das vielleicht weniger Technik, aber eine erhöhte Koordination verlangt. Im Divertissement ist dann alles auf die jeweiligen Tanzrhythmen abgestimmt, gefolgt von einem vereinigenden Pas de deux zwischen Klara und dem aus seinem Nussknacker-Dasein befreiten Neffen Drosselmeiers, den Clug sehr frei, aber mit einigen Reminiszenzen an Cranko kreiert hat. Da zeigen Anna Osadcenko und David Moore ihre solistischen Fähigkeiten in klarem, mal elegantem, mal lässigem Fluss. Nur fehlt ihr das idiomatisch neugierige Gebaren eines Mädchens; sie ist eine Frau, die Freude und Vergnügen am reellen und ihrer Phantasie entspringenden Geschehen sichtbar macht, dabei allerdings mehr Pantomime als natürlichen Ausdruck vermittelt. Ihm steht die Roboter artige Bewegung und entsprechend ernste Miene des Nussknackers besser an als die Mutierung zur strahlenden Erlösung am Ende, wo er den Bann noch nicht ganz abzuschütteln weiß.

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Ciro Ernesto Mansilla als Drosselmeier im 1.Akt. Copyright: Roman Novitzky / Stuttgarter Ballett

 Ciro Ernesto Mansilla – in letzter Zeit leider sehr wenig auf der Bühne – gibt dem hier als magischen Drahtzieher mit Augenklappe gezeichneten Paten Drosselmeier einen immer wieder durchblitzenden Schalk und eine Schlitzohrigkeit, die durch die gewandten Körperbewegungen des Solisten  ergänzt wird. Für ihn wären durchaus noch einige vehemente Sprung-Kombinationen denkbar gewesen. Matteo Miccini bestätigte sich erneut als lebhaft eingebundener Claras Bruder Fritz durch Sprung-Intensität und eine ungekünstelt bubenhafte Ausstrahlung. Das Zusammenwirken des ganzen Ensembles, darunter die mehrfach eingebundenen SchülerInnen der Cranko-Schule, in den menschlichen und tierischen Parts, zu denen – im Rahmen der Premiere nicht erwähnt – auch ein gemütvoller Drache zwischen Dino und Frosch gehört, funktioniert bestens und signalisiert viel Spaß an ihrem Einsatz.

Erstmals nach dem vor Gericht gelandeten Zusammenstoß und schließlich erfolgter Einigung mit dem Intendanten stand jetzt Musikdirektor  Mikhail Agrest wieder am Pult und realisierte mit dem Staatsorchester Stuttgart  eine Wiedergabe der Tschaikowsky-Partitur, die ihn auch über das Dienen und ordnungsgemäße Unterstützen der Tänzer hinaus als Klanggestalter ausweist und so bewusst machte, wie bedauerlich ein endgültiges Zerwürfnis gewesen wäre.

Auch jetzt herrschte wieder viel Jubel-Stimmung im (auch für alle noch weiteren 10 Vorstellungen) ausverkauften Opernhaus!

 Udo Klebes

 

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