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STUTTGART/ Ballett: „CREATIONS IV – VI“. Drei Choreographen-Generationen

24.02.2020 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett

„CREATIONS IV – VI“ 22.2.2020 (Premiere) – Drei Choreographen-Generationen

Das zweite Programm der Spielzeit mit Novitäten hatte wie schon das erste im Herbst keine inhaltliche Dramaturgie, vereinte indes drei Generationen von Choreographen. Alle waren mit einer gewissen Spannung verbunden: wie würde sich der hauseigene Halbsolist bei seiner ersten Arbeit im Opernhaus mit Live-Orchester behaupten, welche Entwicklung hat ein ehemaliger Erster Solist bald 10 Jahre nach seinem Weggang als Choreograph inzwischen durchgemacht und wie würde ein äußerst renommierter, reifer und erfahrener Choreograph sein spätes Debut beim Stuttgarter Ballett gestalten?


„Naiad“. Sinéad Brodd als geheimnisvolle Najade. Foto: Stuttgarter Ballett

Der Reihe nach: Douglas Lee hatte bereits während seiner Tänzeraktivität in Stuttgart als Choreograph mit technisch hoch anspruchsvollen Arbeiten neoklassischer Prägung in dunkel düsteren Stimmungsbildern von sich reden gemacht. Daran hat sich nichts wesentlich geändert, wie seine nun nach 9jähriger Abwesenheit entstandene „NAIAD“ beweist. Hinzugekommen ist allenfalls eine feinere Symbiose mit dem musikalischen Material, was bei einem für seine sonstige Musikauswahl doch recht melodiös geführten Doppel aus „Algal Bloom“ (=Algenblüte) von Joby Talbot und der Auftragskomposition „Corallina“ von Nicolas Saáva auch einigermaßen leichter fällt. Die beiden Musiktitel sind denn auch ein Hinweis auf die Thematik des Stückes. Inspiriert vom Gedicht „Der Krake“ von Alfred Lord Tenysson und fasziniert von den gegensätzlichen Kräfte-Auswirkungen von Wasser zwischen Heilung und Zerstörung wirft Lee einen Blick ins Unterwassergeschehen. Dreh- und senkbare Scheinwerfer schaffen wechselnde Lichtverhältnisse und evozieren Auf- und Abbewegungen des Wassers. Außerdem werden Wellenbewegungen durch einen den Hintergrund einnehmenden schwarzen Plastikvorhang hergestellt. Aus demselben Material ist auch das Kostüm, ein aufgeblasen wirkendes Ballonkleid der als erzählerischer Leitfaden über die Bühne gleitenden und schreitenden Najade, die anfangs und am Ende mit Verstärkung flüsternd einige Worte aus dem erwähnten Gedicht wie ein geheimnisvolles Echo des Meeres von sich gibt.  Wie eine Riesenqualle nimmt sie immer wieder andere Formen an, unterschützt von fließenden Arm-Ausrichtungen der wie in einem Kokon steckenden Tänzerin Sinéad Brodd. Zweifellos die markanteste Figur in dieser  Meereswelt, deren sonstige Elemente sich in kleinen Soli, Duos und wechselnden Gruppen in einem unaufhörliche in alle Richtungen strebenden, durchaus fließenden Stil bewegen. Da im Titel des einen Musikstückes von Korallen die Rede ist, hätte der optischen Ausrichtung durchaus die eine oder andere Farbe mehr angestanden, als nur dunkelgrüne Hosen und schwarze Oberteile (Bühne + Kostüme: Eva Adler). Doch wahrscheinlich spielte der Umweltgedanke eines fortschreitend zugemüllten und bedrohten Meeres eine größere Rolle als dessen schillernde Farbspektren. Verläuft die Choreographie alternierend zum eher gemessenen, transparent geführten Dialog zwischen einer Solovioline (Gustavo Surgik), Klavier  und Orchester betont ruhig, nimmt sie im zweiten Teil die lautere und schnellere Gangart auf. Außer einigen rasant ausbrechenden Momenten sticht kaum etwas heraus., so dass auch die 10 TänzerInnen, angeführt von den Ersten Solistinnen Elisa Badenes und Ami Morita sowie den Solisten Agnes Su und Marti Fernandez Paixa vorwiegend als kleines homogenes Ensemble für sich einnehmen. Großer anerkennender Applaus für den Rückkehrer.


„Messenger“. „Zombie-Skurrilität. Jason Reilly, Shaked Heller. Foto: Stuttgarter Ballett

Auch für den seit einigen Jahren choreographierenden Halbsolisten Louis Stiens fungierte diesmal die Musik als Ausgangspunkt. Von seinen Eltern, die ihn bereits als Jugendlichen in Musica Nova-Konzerte mitgenommen und in ihm die Lust zur Diskussion darüber geweckt hatten, wurde er auf das 2017 von Ondrej Adámek für Isabelle Faust komponierte Violinkonzert „Follow me“ aufmerksam gemacht. Die Struktur dieses widerborstigen Stückes brachte ihn bald auf die Idee seiner Choreographie und deren Titel „MESSENGER“, erhebt sich doch das in meist harten knalligen Läufen und stechenden Einwürfen geführte Soloinstrument (jetzt gespielt von Konzertmeisterin Elena Graf) gegen das Orchester oder wird von diesem verfolgt und integriert. Dem heraus gehobenen Part der Violine entspricht die Figur eines Boten, ja mehr, eines Führers oder Propheten oder wie auch immer dies betrachtet werden kann. Jason Reilly gibt diesem Helden oder Antihelden, wie Stiens in einem Gespräch bemerkt, seine starke körperliche Präsenz und Ausstrahlung. Gemessen an der choreographischen Herausforderung ist er freilich eine Luxus-, keine zwingende Besetzung. So wie die unter Strom stehende Musik voran prescht, reagiert die Gruppe, im leeren schwarzen Raum, nur mal kurzzeitig in grünes Licht getaucht und von Stiens zombieartig in hautenge Trikots mit Krebszellenmuster gesteckt, mit exzessiven, wilden, meist stilfreien Bewegungs-Mustern, einmal dem Führer folgend, dann wieder gegen ihn meuternd. Angelina Zuccarini und Shaked Heller, beide für eine außergewöhnliche, gegen jede Konvention gerichtete Körpersprache prädestiniert, sind entsprechend solistisch aus dem 16köpfigen Ensemble heraus gehoben. Bei ihnen zündet Stiens teils immer noch pubertär aufbegehrende Handschrift am überzeugendsten. Im großen Ganzen kostet so mancher Stachel Überwindung beim Zuschauer, auch wenn eine pulsierende Gesamtwirkung nicht zu leugnen ist.


Taiyo to Tsuki. Akademisch mit Zwischentönen. Hyo Jung Kang, Friedemann Vogel. Foto: Stuttgarter Ballett

Am Ende dieses Programms stand – kaum zu glauben –  mit „TAIYO TO TSUKI“ (= Sonne und Mond) die erste Arbeit Martin Schläpfers für das Stuttgarter Ballett. Mit einer gewissen Ehrfurcht reagierte er auf die Einladung von jener Compagnie, die ihn einst bei einem Vortanzen als spät berufener Tänzer abgelehnt hatte. Der zuletzt langjährige Leiter des Balletts am Rhein und ab Herbst beim Wiener Staatsballett die Nachfolge von Manuel Legris antretende Schweizer, folgte bei seinem hiesigen Debut selbstverständlich auch der Musik und wählte die lebensbejahende, heiter und froh gestimmte, wie eine leichtere Schwester von Beethovens  7. Symphonie wirkende 3. Sinfonie von Franz Schubert als Animation einer Feier des Tanzes, als Sinnbild von Sonne. Als Gegenstimmung hängte er noch eine zeitgenössisch atmosphärische japanische Komposition namens „Seascapes of Fukuyama“ an, die die Dunkelheit bei Mondenschein beschreibt, ein Dasein losgelöst von Emotionen. Als Kontrast gut gemeint, dauerte dieser Anhang eine gefühlte Ewigkeit, weil sich außer der beschriebenen Stimmung tänzerisch so gut wie nichts mehr tat. Wie weg geblasen war die zuvor so positive Ausrichtung, die dem insgesamt eher düsteren Abend als Endpunkt sehr gut getan hätte. Zu Schuberts unbeschwert vorwärts drängender Jugendmusik, vom Staatsorchester Stuttgart unter James Tuggle in den Tutti-reichen Ecksätzen  leider etwas zu hölzern gespielt, entfache Schläpfer indes ein Feuerwerk an durchaus auch unkonventionellem akademischem Tanz, bei dem die Damen in ihren schlagartig wechselnden Spitzenpositionen nicht leicht dahin schweben, sondern explizit den Bodenkontakt betonen. Da klappen die Beine von Hyo-Jung Kang wie Scheren auseinander oder sind weit gespannte Sprünge wie bei Anna Osadcenko besonders heraus gestellt. Die Herrenriege wird von Friedemann Vogel würdigst in all seiner heraus ragenden körperlichen Eloquenz angeführt und von David Moore schnittig leicht fortgeführt. Nicht nur zwischen den einzelnen Sätzen, auch im Allegretto-Satz kommt Schläpfers Besonderheit zum Tragen: das kurze Innehalten, das Nachklingen der Musik und der Tanzschritte. Miriam Kacerova und Roman Novitzky zeigen in einem Pas de deux mit auch mal aus dem Fluss ausbrechenden Vokabular berührend, was Menschen beim Tanz an Innerlichkeit miteinander verbinden kann. Und Matteo Miccini fällt wie schon beim ersten Stück aus der Gruppe, zu der hier noch 12 weitere Companiemitglieder gehören, mit seiner immer positiv zur Geltung kommenden Ausstrahlung auf. Da wäre auch im Hinblick auf seine bisherigen Solo-Einsätze eine Beförderung an der Zeit!

Der guten Laune der Schubert-Sinfonie hätte eine noch hellere Bühne als die drei gar nicht so sonnig kräftig erleuchteten, quer zu einander gestellten Tore und etwas mehr Farben als blau und grau (Ausstattung + Kostüme: Florian Etti) noch mehr entsprochen, doch wollte Schläpfer auf die Mehrdeutigkeit der Sonne im Japanischen anspielen.

Trotz gewisser Einschränkungen verdienter Jubel für ihn und die von ihm bestens heraus gestellten TänzerInnen.                                                             

Udo Klebes

 

 

 

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