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STUTTGART/ Ballett: „BEETHOVEN-BALLETTE“ – mit großteils ebenbürtigen Alternativen

30.10.2021 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett: „BEETHOVEN-BALLETTE“ 29.10. 2021 – mit großteils ebenbürtigen Alternativen

Es spricht für das hohe tänzerische Niveau der Stuttgarter Companie bis ins Corps de ballet hinein, wenn sich die zweite Garde nach der vielfach mit ersten Kräften besetzten Premiere als keineswegs deutlich zurück stehend erweist. Das will etwas heißen, sind die doch drei im Zeichen von Beethovens lange Zeit als untanzbar gehaltener Musik stehenden Choreographien dieses Programms sehr anspruchsvolle Kost. Vor allem die beiden Hans van Manen-Stücke verlangen neben der klar akzentuierten Neo-Klassik ein hohes Maß an Einfühlsamkeit menschliche Zwischenräume zu füllen. In „ADAGIO HAMMERKLAVIER“ gelingt es Rocio Aleman und Marti Fernandez Paixa die extreme Langsamkeit der hierfür speziell ausgewählten Einspielung mit Christoph Eschenbach für eine subtile, unausgesprochene, aber doch in der Luft liegende Paar-Beziehung auch kraft ihres bühnenpräsenten Profils auszuschöpfen. Eine gewisse Spannung liegt auch zwischen dem ähnlich suggestiven Paar Veronika Verterich und Ciro Ernesto Mansilla. Noch etwas verhaltener, aber technisch gesichert, wirken Agnes Su und Fabio Adorisio.

In der „GROSSEN FUGE“ zum gleichnamig etwas spröden, aber rhythmisch bestechend strengen Spätwerk des Komponisten sind die vier Paare bzw. auch nach Geschlechtern aufgeteilt nicht ganz ausgewogen besetzt. Während Mackenzie Brown als herausragendes Nachwuchstalent und Noan Alves sowie Vittoria Girelli und Martino Semenzato mit ordentlich Ausstrahlung und lebhafter Gestaltung hervor stechen, und Mizuki Amemiya und Daniele Silingardi durch ernsthafte Größe und eine gewisse Eleganz auffallen, bleiben Sinéad Brodd und Alexander Mc Gowan trotz ihrer alle anderen überragenden körperlichen Größe etwas blass im Ausformulieren der Schrittkombinationen.

Dazwischen lag wieder Mauro Bigonzettis „EINSSEIN“, eine auch jetzt wieder bewegende Hommage an körperliche Nähe und daraus hervorgehende Harmonie, die in der Lockdown-Zeit so lange vermisst wurde, ohne die der Tanz aber letztlich nicht denkbar ist. Das Ineinanderfließen originellster, auch zeichenhafter Bewegungsmuster, ausgehend vom zentral postierten und diesmal von Alexander Reitenbach mit schnörkelloser Interpretation bedienten Flügel, um den die 8 TänzerInnen anfangs und gegen Ende gruppiert sind, bietet  für nachwachsende Kräfte bei aller temporeichen choreographischen Dichte hilfreichen Spielraum. Dass Jessica Fyfes quirlig geschmeidige Ader und Henrik Eriksons sich sofort bemerkbar machende Präsenz und Direktheit besonders auffallen, verwundert nicht. Auch nicht David Moores Kombination aus Korrektheit und sich immer mehr konkretisierendem Zugriff sowie Daiana Ruiz und Aurora De Moris lebhaft bezaubernde Hingabe. Besonders erfreulich tat sich Christian Pforr mit übers bloße Buchstabieren der Choreographie hinausreichender Einprägsamkeit und Einfühlsamkeit hervor. Paula Rezende fügte sich ordentlich ins Ensemble bzw. an den zeitweisen Partner Shaked Heller, der allerdings hier im Gegensatz zu seiner anderswo ideal angebrachten skurrilen Eckigkeit nicht ganz zu Bigonzettis Stil passen wollte.

Die genannten Einschränkungen sind – um es an dieser Stelle mal wieder zu betonen – solche höchsten Niveaus. Alles andere wäre ungerechtfertigte Mäkelei!

 Udo Klebes

 

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