Stuttgarter Ballett
„AUGEN/BLICKE“ 6.3.2026 (Premiere) – Vielseitige Betrachtungen einer flüchtigen Kunst
Ein programmatisch hoch ambitionierter Ballettabend vereinte zwei Erstaufführungen und eine Uraufführung und brachte jetzt obendrein einen der großen Gegenwarts-Choreographen erstmals nach Stuttgart. Alle drei Arbeiten kreisen um die Flüchtigkeit des Augenblicks, den Moment des Entstehens und die unterschiedlichen Wahrnehmungen des Betrachtens. In welcher Form und mit welchen Mitteln dies umgesetzt wird, unterliegt dem Geschmack jedes Einzelnen.

Elisa Badenes und Christopher Kunzelmann in „Shut Eye“. Copyright: Roman Novitzky / Stuttgarter Ballett
Sol León und Paul Lightfoot geht es in „SHUT EYE“ (Uraufführung April 2016 beim Nederlands Dans Theater) um die Schwelle zwischen Realität und Traum, um die Frage, was das menschliche Gehirn im Verhältnis von Licht und Dunkel aufnimmt und ob/welche Emotionen bei der Erfassung eine Rolle spielen. Dafür haben sie selbst einen Bühnenraum konzipiert, der im Prinzip aus nur einer zentral rückwärtigen Türe besteht, durch die immer wieder Auf- und Abtritte erfolgen, die aber letztendlich im Ungewissen lässt, ob davor oder dahinter Innen- und Außenwelt sind. Über imaginäre Wände gleiten wechselnde Schatten, eine Beleuchtungsquelle verändert beständig die Wahrnehmung der bewusst farblos auch vom Choreographen-Duo eingekleideten Tänzer, die sich so manchmal kaum von ihrer Umgebung abheben. Wie im als Bezugsquelle genannten Stummfilm verschwimmen Konturen, erhalten Bewegungen einen flackernden Charakter. Das choreographische Material ist teilweise fragmentartig, wie einzeln angedeutet, aber nicht zu einem Ganzen verbunden. Eine stark akzentuierte Mimik sowie kurze Laute unterstützen die flüchtigen Bewegungen, so auch wenn Abgänge über eine Treppe in den Orchestergraben traumwandlerische Züge aufweisen. Auch die von Olafur Arnalds aus diversen Chopin-Nocturne arrangierte Musik sowie eine minimalistische Züge aufweisende Eigenkomposition von Bryce Dessner entspricht durch einen trotz vertrauter Töne fremden, gedämpften Klang der diffusen Zusammensetzung des Gesehenen. Die 8 TänzerInnen sind optisch stilistisch individuell gezeichnet, vereinen sich in Duos und Trios oder wechseln unvermittelt in verschiedenen Kombinationen. Friedemann Vogel kann auch hier zunächst mit freiem Oberkörper dessen Perfektion in der Gewandtheit gestreckter wie kauernder Haltungen ausspielen und sich wie immer auch in ein Ensemble einpassen, Mizuki Amemiya vereint Feinheit und deutlichen Stummfilm-Charakter, Elisa Badenes beweist in wieder anderer Form ihre universelle Dehnbarkeit, Christopher Kunzelmann gewinnt immer mehr an darstellerischer Kontur und Geschick im Partnern. Erstmals tritt Peter Hull aus dem Corps de ballet solistisch hervor und zeigt Präsenz und das Potenzial, ihm bald weitere solche Gelegenheiten zu geben. Mit einem betont extrovertierten Solo bleibt Fabio Adorisio besonders in Erinnerung. Anton Tcherny und Riccardo Ferlito sind keineswegs nur Ergänzungen, sondern Tänzer mit eigenständiger Note. Alles in allem eine die Augen äußerst fordernde und vielleicht auch deshalb doch etwas zu lang erscheinende Kreation.

Das Ensemble in „Vermilion“. Copyright: Carlos Quezada
Die Halbsolistin Vittoria Girelli hat sich inzwischen zu einer choreographischen Institution des Hauses entwickelt und mit ihrer neuesten Arbeit zum ersten Mal ein Projekt mit Live-Orchester im Opernhaus übertragen bekommen. In ihrem Interesse für Naturwissenschaften wurde sie diesmal von der Antike, speziell den Metamorphosen des Ovid inspiriert. Hinter „VERMILION“ (= Zinnoberrot) verbirgt sich eine Studie über das Entstehen von Leben aus dem Ur-Kosmos, die Momente des Wandels und der Verwandlung. Allein die Ästhetik der Bühnengestaltung (Tom Visser) garantiert ein Kunstwerk zum Hinschauen. Vor in wechselnd leuchtenden Farben bestrahltem oder ins Gegenlicht gerücktem Hintergrund hängen Steine verschiedener Größe, die von Nebelschwaden umhüllt schwebenden Eindruck in einem Art Urzustand des Lebens erwecken und durch wechselnde Licht-Einstellungen ihr Erscheinungsbild verändern. Umso schwerer wiegen die Körper, die sich von der Erdanziehungskraft bestimmt, wie Zwitterwesen von Mensch und Tier meist schleppend bewegen, mal aufrichten, dann wieder zur Erde neigen. Ihre rot glitzernden Shorts und schulterfreien Oberteile (Maria Girelli) symbolisieren das Magma, das Innere Fleischliche des Menschen und ermöglichen dadurch eine spiegelnde Synergie im Bühnenraum. Die Magie dieses Tanztheaters liegt in der Gleichzeitigkeit von Langsamkeit und innerer Spannung, von Verharren und unter der Oberfläche spürbarem Vorwärtsdrang, im gebremsten und dennoch von innen heraus pulsierenden Agieren, weniger im choreographischen Material als solchem, das Girelli z.B. in ihrem letzten Stück großzügiger entfaltet hat. Allerdings befindet sich alles in den rund dreissig Minuten im beständigen Fluss, unterstützt vom musikalischen Arrangement von Davidson Jaconello, der zwei symphonische Beethoven-Sätze und ein Thema von Thomas Tallis in eine neue, live gespielte Klang-Atmosphäre verwandelt hat. Die große Erwartung der bevorstehenden Verwandlung beginnt bereits mit dem zu höchster Lautstärke anschwellenden Tutti, bevor sich der Vorhang öffnet.
Die zehn Mitwirkenden sind überwiegend als sich oft auch synchron bewegende Gruppe eingesetzt. Deren Einheit aus Präzision und Ausdruckswillen beweist die Qualität der Stuttgarter Tänzer quer durch alle Hierarchien vom Ersten Solisten bis zum Corps-Tänzer. Nur kurz formieren sich Diana Ionescu und Henrik Erikson sowie Rocio Aleman und Martino Semenzato zu Duos oder mal zu einem Trio. Eduardo Sartori, Lassi Hirvonen, Ava Arbuckle, Joaquin Gaubeca, Macéo Gérard und Leon Metelsky ergänzen das Ensemble wie gesagt lückenlos.

Diana Ionescu und Henrik Erikson in „Within the golden hour“. Copyright: Carlos Quezada
Kaum zu glauben, dass bislang noch nie eine Choreographie von Christopher Wheeldon ins Stuttgarter Repertoire Einzug gehalten hat, wo der Brite international in den wichtigsten bedeutenden Compagnien vertreten ist. „WITHIN THE GOLDEN HOUR“ ist 2008 fürs San Francisco Ballet geschaffen worden und bezieht sich im Titel auf die letzte goldene Stunde vor dem Sonnenuntergang. Angeregt durch die verschwimmend goldglänzenden Gemälde von Gustav Klimt, hat Wheeldon ein pures Kaleidoskop feiner Neoklassik mit fließend pastellfarbenen Kostümen von Zac Posen in einem von Peter Mumford warm ausgestrahlten Bühnenraum entworfen. Die minimalistisch inspirierte, zart verästelte und stets im Fluss bleibende romantisch schimmernde Streicher-Komposition gleichen Namens des viel zu früh verstorbenen Ezio Bosso vervollkommnet dieses Fest eines konzertanten Ballettes aus hohem technischem Anspruch, Musik und Lichtdesign. Tanz, der im Vergleich zu den beiden vorigen Stücken keiner Erklärung bedarf, auf den Punkt gebracht seine Schönheit und den kostbaren Moment des Entstehens und seiner Empfindung feiert und nach der voran gegangenen fordernden Kost zum Genießen einlädt.
Für Letzteres garantieren alle Beteiligten, die in sieben Paare gegliedert sind und auch in zurückhaltenderen Phasen durchweg den geforderten vollen Körpereinsatz zeigen. In das knapp halbstündige Werk sind drei Pas de deux eingebettet, die das klassische Vokabular auf vielfältige Weise auffächern und Wheeldons Motto von partnerschaftlicher Sanftheit, Aufmerksamkeit und Vertrauen betonen. Den von Pizzicato und Solo-Viola zart umschmeichelten „Light Hearts Pas de deux“ tanzen Diana Ionescu und Henrik Erikson mit liebevoll spielerischer Note in meist kleinteiligem Zuschnitt. Im „Dreamers Pas de deux“ verschmelzen die jüngste Solistin Abigail Wilson-Heisel und Satchel Tanner zu passend träumerischer Einheit. Der musikalisch mit dem intimen Andante aus Vivaldis B-Dur Violinkonzert (Solistin Yoerae Kim) wie eine Insel wirkende „Lovers Pas de deux“ wird von Anna Osadcenko und dem wie stets herausragend zuverlässig partnernden Marti Paixa bis in einige markante, organisch in den Ablauf eingebundene Hebungen in aller Sorgfalt leicht zelebriert, als wollten sie in diesem besonderen Moment verweilen.
Aber auch die weiteren Paare hätten es verdient gehabt im Besetzungszettel nicht nur als Ensemble geführt, sondern hinsichtlich ihrer doch nicht nur als Gruppe wahrnehmbaren Leistungen namentlich genannt zu werden. Besonders die beiden Halbsolisten Edoardo Sartori und Dorian Plasse, die in einem kurzen sprühenden Pas de deux nichts an technischer Brillanz zu wünschen übrig ließen. Alle weiteren waren wohl nur für die Stammbesucher zu identifizieren: Natalie Thornley-Hall, Irene Yang, Lily Babbage, Priscylla Gallo, Mitchell Milhollin und Leon Metelsky.
Das Staatsorchester Stuttgart wurde von Wolfgang Heinz geschickt durch die unterschiedlichen Klangwelten gesteuert.
Ein anspruchsvoller Abend, an dem jeder Beitrag sein Publikum fand und auf differenzierte Begeisterung stieß.
Udo Klebes

