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STUTTGART/ Ballett: „AUGEN/BLICKE“ – Viel mehr als Sehen!

17.03.2026 | Ballett/Performance

Stuttgart: 15.03.nm: „AUGEN/BLICKE“ Viel mehr als Sehen!

Ballett ist eine der ephemeren Künste und, passend dazu, befasst sich der neue Ballettnachmittag genau damit bzw. mit drei Auffassungen von Vergänglichkeit, die jedoch durch die hinterlassenen Eindrücke, unsere Erinnerung und Vorstellungskraft, dennoch das Potenzial des Ewigen in sich verbirgt.

Das Choreographen-Duo Sol León und Paul Lightfoot richten im ersten Stück „SHUT EYE“ alles auf die Flüchtigkeit aus, jedoch nicht im temporären Sinn. Es geht um den Übergang zwischen Wachsein und Schlafen, das Loslassen der Realität, um einen anderen Zustand zuzulassen und die Frage, welchen Glauben oder welche Bedeutung wir den Eindrücken in diesem Zustand schenken können.

Entsprechend komplex und dicht wie dieser Zustand ist auch die Choreographie, in der die Tänzer auch ihr mimisches Talent unter Beweis stellen konnten. Überraschung sowie Entsetzen scheinen anfangs Friedemann Vogel und Mizuki Amemiya ins Gesicht geschrieben, um gleich danach in fließende Bewegungen und schöne flüchtige Posen, mit vielen (Spagat-)Linien überzugehen. Schnelle Bewegungen mit abgewinkelten Gliedern und Zuckungen, die an Marco Goeckes Stil erinnern, zerstören zeitweise die Harmonie, um sie danach auch wieder herzustellen. Bühnenbild, Kostüme und Licht, allesamt schwarz, grau oder weiß, stellen durch den Kontrast zwischen hell und dunkel stimmig den Zustand zwischen den beiden Welten dar. Passend dazu auch die Nocturne-Töne aus Olafur Arnalds Musikarrangements sowie Bryce Dessners Komposition.

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Peter Hull, Friedemann Vogel und Christopher Kunzelmann in „Shut Eye  Foto: Carlos Quezada

Das Stück fesselt einen durchaus in den Zwischenzustand, den es vermitteln will, verliert am Ende jedoch leider durch überflüssige Länge.

In „VERMILION“, einem roten Pigment, das im Mittelalter aus Zinnober gewonnen wurde – Sinnbild für eine Materie, die zum Ausdrucksmittel für Kunst verwandelt werden kann – befasst sich die Halbsolistin Vittoria Girelli mit dem Augenblick der Verwandlung, in dem aus der Leere des Urchaos eine erste Ordnung, die Natur und dann ein Samenkorn, als ersten Impuls für Leben, entstehen können. Das Stück soll die Spannung im Übergang zwischen den Zuständen vermitteln. Das Bühnenbild, das von Girelli selbst und Tom Visser geschaffen wurde, mit in der Luft schwebenden, riesigen Meteoriten, sowie die roten Kostüme, vermögen das durchaus. Die Auftragskomposition von Davidson Jaconello klingt teils nach brodelndem Vulkan, enthält aber auch Beethoven-Sätze und trägt ebenfalls stimmig dazu bei. Warum wurde diese in der Choreographie kaum verwertet? Das minimalistisch gehaltene Bewegungsrepertoire, mit viel Tanz am Boden, meist Gruppendynamik, kaum Hebungen oder Sprünge, gerät dabei in den Hintergrund und entspricht nicht dem hochkarätigen Niveau der Tänzer des Stuttgarter Balletts. Die Premierenbesetzung, über die wir bereits berichtet haben, tanzte erneut tadellos.

Choreographisch ist Vittoria Girelli der Sprung auf die große Bühne des Opernhauses, auf der sie zum ersten Mal inszenieren durfte, nicht gelungen. Vielleicht eignet sich die kleinere Bühne im Schauspielhaus besser für ihren Stil, den sie in Zukunft hoffentlich weiterentwickeln kann.

In eine ganz andere Stimmung wurde das Publikum durch das letzte Stück des Nachmittags versetzt. Christopher Wheeldon beschreibt sein Stück „WITHIN THE GOLDEN HOUR“ als „ein Gedicht aus Bewegung, Licht und Musik“, das sich auf Intimität konzentriert. Dies gelingt ihm in der Atmosphäre der titelgebenden „goldenen Stunde“ vor dem Sonnenuntergang, in der sich sieben Paare begegnen und unterschiedliche Aspekte von Beziehungen zeigen, verliebt, spielerisch aber auch kämpferisch. All das erreicht Wheeldon mit einer neoklassischen Choreographie von erstaunlicher Harmonie. Die intensive Musik von Ezio Bosso und Antonio Vivaldi wird von den Tänzern aufgenommen und in Rhythmus weitergegeben, wodurch die Augenblicke über den getanzten Moment hinaus verweilen können.

Drei Duette, für die es an dem Nachmittag allesamt Rollendebüts gab, prägen das Stück. Im „Light Hearts Pas de deux“ zeigen Elisa Badenes und Adonay Soares da Silva den spielerischen Aspekt von Beziehungen, mit Gefühl für die Genauigkeit fordernder Schritte sowie Leichtigkeit in den fließenden Bewegungen. Das „Dreamers Pas de deux“ versetzt einen durch die Langsamkeit in eine Art Magie. Veronika Verterich und Gabriel Figueredo vermögen es dabei schwebend zu wirken, selbst in Teilen, in denen beide auf dem Boden tanzen.       

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Veronika Verterich und Gabriel Figueredo im Dreamers Pas de deux aus Christopher Wheeldons „Within the Golden Hour“  Foto: Roman Novitzky / Stuttgarter Ballett

Schließlich wird im „Lovers Pas de deux“ deutlich, was Liebe ausmacht: sich einlassen, Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit füreinander, die Vertrauen ineinander entstehen lassen. Miriam Kacerova und Satchel Tanner (der bei der Premiere noch im ersten Pas de deux tanzte) zeigen das mit Eleganz und strahlen dabei Ehrfurcht und Respekt aus.

„Widerstehen sie nicht der Schönheit, denn das ist alles, was dieses Ballett sein soll“ sagt Wheeldon zu seinem Ballett und er sollte Recht behalten.

Wolfgang Heinz leitete das Staatsorchester Stuttgart mit dem richtigen Gefühl für die sehr unterschiedlichen Stücke, die das Publikum allesamt mit Applaus belohnte. Die Vergänglichkeit der Eindrücke, die jedes Stück hinterlassen hat, wird sich erst später zeigen.    

Dana Marta

 

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