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STUTTGART/ Ballett: AKTION WEIHNACHTEN“. Viel Hochkarätiges für einen guten Zweck

07.12.2015 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett: „AKTION WEIHNACHTEN“ 6.12.2015.vm – Viel Hochkarätiges für einen guten Zweck

Die 35. Ausgabe der schon traditionellen, vom Stuttgarter Ballett und der John Cranko-Schule gemeinsam getragenen Benefiz-Matinee-Veranstaltung bot dem Publikum im ausverkauften Opernhaus an diesem strahlend schönen 2.Adventsonntag und Nikolaustag eine besonders gut gelungene und auf ausgewogen hohem Niveau präsentierte Auswahl an Spitzentanz und moderneren Formen. Der Erlös der Vorstellung kommt diesmal, wie von Jan Sellner, dem neuen Vorsitzenden der Aktion Weihnachten der Stuttgarter Nachrichten bei der Begrüßung erläutert, dem Förderverein zur Unterstützung neurologisch erkrankter Kinder „Funk e.V.“ zugute. So lässt sich höchster Tanz-Genuss mit einer guten Tat sinnvoll verbinden.

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Ungebrochen niveauvoller Jungen-Schul-Nachwuchs:  Gabriel Figueredo, Riccardo Ferlito und Seo-Yeun Kim in „Najade und der Fischer“. Copyright: Stuttgarter Ballett

Im ersten Teil, wie immer von der Cranko-Schule bestritten, präsentierten sich Vertreter aller Altersklassen auf einem diesmal besonders auffallend hohen Niveau, das um die Zukunft alles andere als bange werden lässt. Vor allem bei den Mädchen zeichnet sich nach einigen etwas stagnierenden Jahrgängen gleich eine ganze Reihe von hoffnungsvollen Talenten, speziell auch für die Belange der rein klassischen Bedürfnisse ab, während die nachgewachsenen Jungen das schon bekannt große Stuttgarter Reservoir an männlicher Provenienz ungebrochen fortführen. Den als Auftakt gezeigten Ausschnitt aus „NAJADE UND DER FISCHER“ mit der animierenden Musik von Cesare Pugni servierten 5 Mädchen und 3 Jungen der Klassen 4-6 in einer leichtfüßigen und durch die Bank so genauen wie musikalisch gefühlvoll nachvollzogenen Kombination aus auffallend viel zwischen beiden Beinen wechselnden Sprüngen, feinen Verzierungen und phantasievoll zusammengesetzten synchronen Linien, die neugierig auf die gesamte Choreographie von Jules Perrot machten. Tüllröcke und weiße Hemden mit locker umgebundenen blauen Krawatten ergänzten noch die Hingucker-Qualität des Ganzen.

Mit „MOON MARCHIN“ von Jon Drake folgte großer Kontrast, wenn sich 6 Jungs in Ganzkörpertrikots mit zweierlei Blautönen und kunstvoll gegelten Frisuren in hockend vollzogenen Sprüngen und vielen Bodenwälzungen zu markanter musikalischer Rhythmik wie fremdgesteuerte Wesen oder Astronauten in wechselnden Reihen bewegen – gewürzt mit einer Spur Coolness und unterschwellig vorhandenem Spaß an komischen Wirkungen.

Solistisch ging es weiter mit Alice Pernao (Akademie B), die sich in „MIRIADE“ von Catarina Moreira zu afrikanischer Percussion und elektrischen Klaviertönen in einer Lichtschneise locker und selbstsicher auf dem schmalen Grat zwischen klassischen Tugenden und freiheitlichen Mäanderungen des Körpers bewegte. Die männliche Parallele folgte mit „SUENO – THROWN INTO A DREAM“, wo sich Timoor Afshar (Akademie A) in einem immer mehr weitenden Lichtkegel, wie auf eine andere Ebene gehoben, nach und nach aus anfänglich tastenden zu immer großzügigeren und wie befreit anmutenden neoklassisch geprägten Bewegungen steigert – eine beachtenswerte Choreographie des Cranko-Schul-Absolventen Alessandro Giaquinto zu Klaviermusik von Manuel de Falla.

Gute Laune und wärmendes Flair verbreitete „ITALIANA“, ein duftig inspiriertes Gruppen-Arrangement von Nicola Biasutti zu Mendelssohns erstem Satz aus der Italienischen Sinfonie. Sowohl die 5 Jungs als auch 3 Mädchen aus den drei oberen Klassenstufen fielen dabei solo wie auch als kurze Pas de deux- oder Trio-Partner mit nahtloser Synchronität, akkurat aufeinander folgenden Drehungen, aber auch charmanter Präsentation, auf. Der Abschluss des ersten Teils gehörte den Klassen 1-5 , die sich in „SPIRITS OF NATURE“ von Marco Laudani in dunkelgrünen kurzen Kleidchen bzw. Shorts und T-Shirts von großen Gruppierungen immer wieder zu kurzen solistischeren Einschüben auflösten und am Ende mit erhobenen Armen und gespreizten Fingern magische Naturkräfte walten ließen.

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 Atemberaubende Sprung-Exzentrik: Daniel Camargo in „Firebreather“. Copyright: Stuttgarter Ballett

Bei den ebenfalls sechs Beiträgen des Stuttgarter Balletts wurden vier moderne Stücke von zwei Klassikern gerahmt, darunter auch eine Uraufführung und eine Stuttgarter Erstaufführung. Gruppentänzer Louis Stiens hat seine inzwischen beträchtliche Werkliste hier um „LAST ROMANCE“ erweitert. Mag auch der Titel etwas andere Vorstellungen wecken, als es die etwas schroffe und rhythmisch markante Musik des Kronos Quartetts animiert, die Begegnung eines Paares in raffinierten weiten, rotbraunen Ganzkörperkostümen unter weit herunter gefahrenen Scheinwerfern nimmt in ihrer sehr viel nahen Körperkontakt aufbauenden choreographischen Dichte und Dringlichkeit des Ausdrucks sehr für sich ein – zumal sich die beiden Solisten Angelina Zuccarini und Robert Robinson als ebenso klar zupackende wie einfühlsam aufeinander eingehende Interpreten erweisen. Erstmals in Stuttgart zu sehen war das Solo „FIREBREATHER“ der choreographisch ebenfalls sehr aktiven Halbsolistin Katarzyna Kozielska. Zu elektronisch gesteuerter, effektive Impulse setzender Musik von Ludovico Einaudi bewegte sich der Erste Solist Daniel Camargo in Marco Goeckescher Erscheinung (schwarze Hose und freier Oberkörper) zunächst zögerlich aus sitzender Stellung aufrichtend in einem von zunächst vier, dann die ganze Bühne in unzählbarer Vervielfältigung einnehmenden Lichtkegeln, ehe er in vehement rasanten Drehungen und exaltierten Sprüngen die Schwerkraft seines Körpers zu sprengen droht – atemberaubende Momente, in denen das außergewöhnliche technische Können des als Persönlichkeit innerhalb weniger Jahre immens gewachsenen Brasilianers sichtbar wird.

Nach ihrem Debut bei der Ballett-Gala in Tokyo während der großen Tournee holten jetzt Miriam Kacerova und Roman Novitzky ihr Heim-Debut in dem 2015 für den Noverre-Abend von Gruppentänzer Fabio Adorisio geschaffenen Pas de deux „IN2“ nach und sorgten damit für einen nachdenklichen Ruhepunkt inmitten dieses überwiegend lebhaft bestimmten Programms. Zu live gespielter Klaviermusik von Philipp Glass fand dieses Paar bei warmem im Halbdunkel gehaltenen Licht zu einer leise berührenden Intimität in ungewöhnlich langsamen Hebungen und Verschränkungen der Körper. Noch davor reihte sich der frisch gekürte Solist Pablo von Sternenfels in die inzwischen schon recht lange Reihe an Interpreten von Ben van Cauwenberghs „LES BOURGEOIS“ zum gleichnamigen Chanson von Jacques Brel mit einer dynamisch aufgeladenen, charakterlich noch der Reifung bedürfenden Gestaltung ein – der spontan aufbrandende Jubelschrei aus dem Publikum war auch ihm sicher.

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Klassischer Höhepunkt: Elisa Badenes und Constantine Allen im „Grand Pas Classique“. Copyright: Stuttgarter Ballett

Schon lange nicht mehr vermochten die klassischen Beiträge auf eine ähnlich große Begeisterung zu stoßen wie die Novitäten, und dafür gab es diesmal auch allen Grund. Zu Beginn Crankos Pas de deux „HOMMAGE À BOLSHOI“, dessen feierlich prachtvolles musikalisches Flair (Alexander Glasunov) in einer bestechend klaren, brillante Akzente bietenden Umsetzung durch Alicia Amatriain und Constantine Allen, gekrönt von sicheren einarmigen Hebungen, die tänzerisch aristokratische Entsprechung fand. Der schmucke schwarzhaarige US-Hawaianer bekräftigte seinen Standard als eleganter und immer mehr mit den jeweiligen Rollen verschmelzender Tänzer noch im finalen „GRAND PAS CLASSIQUE“ von Victor Gsovsky. Gemeinsam mit der ein Feuerwerk an spitzentechnischer Sicherheit und Virtuosität in unendlichen Pirouetten und feinsten Trippel-Sequenzen abbrennenden Elisa Badenes sorgte er in diesem so ganz speziell aufgebauten und zu Aubers charmanter Musik ungewöhnliche Schwerpunkte setzenden und somit als hochwillkommene Abwechslung zu den gewöhnlichen klassischen Bravour-Stücken zu betrachtenden Pas de deux für einen würdigen finalen Höhepunkt.                                         

Udo Klebes  

 

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