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STUTTGART: A REID ANDERSON CELEBRATION“ – Festwoche zum Abschied des langjährigen Intendanten

Teil 3

24.07.2018 | Ballett/Tanz


Reid Anderson: Rosen zum Abschied. Copyright: Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett

„A REID ANDERSON CELEBRATION“  – Festwoche zum Abschied des langjährigen Intendanten (1996-2018) 13.-22.7. – Teil 3

 Das Abschluss-Wochenende wurde von 2 Galas bestimmt. Zunächst diejenige der John Cranko-Schule als Dank für den unermüdlichen Einsatz Andersons für den Schul-Neubau und die enge Anbindung ans Stuttgarter Ballett. Über genügend weiteren Nachwuchs aus dem eigenen „Stall“ muss sich auch Nachfolger Tamas Detrich keine Sorgen machen.

Die Gala des Stuttgarter Balletts markierte dann denn den endgültigen Abschied. Die ganze Compagnie, zwei ehemalige Erste Solisten und nur 2 Gäste (welch ein symbolisches Zeichen, dass das Stuttgarter Ballett von wenigen Gaststars abgesehen während der ganzen Jahre auf eigenen Füßen stehen konnte!) erwiesen ihrem Chef die Reverenz mit einem klug zusammen gestellten Programm, das in chronologischer Reihenfolge aus jedem von Andersons Intendanten-Jahren eine markante Ur- oder Erstaufführung bzw. wichtige Wiederaufnahmen würdigten. Dabei wurde noch einmal bewusst, wie vielfältig die Repertoire-Gestaltung war und welch wertvolle Handlungsballette es bereichert haben.

ROMEO UND JULIA“ war Crankos erster Stuttgarter Triumph, Reid Anderson startete damit in seine erste Saison 1996/97, und auch Tamas Detrich setzt es als erstes Handlungsballett auf den Spielplan. Hyo-Jung Kang und Jason Reilly  lieferten in der konzertanten Version des großen Pas de deux, der auch ohne Balkon phantasievoll funktioniert, mit gestalterischer Erfahrung bei frischem Ausdruck den Beweis für den ungebrochenen Erfolg dieses Werkes.

Ein Pas de trois aus „SUITE“ von Uwe Scholz erinnerte wehmütig an den viel zu früh verstorbenen Choreographen, dessen bis ins kleinste Detail sensitive Musikalität von Alicia Amatriain, Roman Novitzky und Marti Fernandez Paixa in vielsagenden Hebe-Figuren und Umkreisungen passend  zum symbolisch eingeblendeten flatternden Band übersetzt wurde. In Andersons 1999 gemeinsam mit der damaligen Ballettmeisterin Valentina Savina geschaffener Version von „GISELLE“ fanden Miriam Kacerova und etwas weniger ausgeprägt David Moore im Pas de deux des 2.Aktes zu einer richtig romantisch angelegten Linie. „DAS SIEBTE BLAU“ war kurz darauf einer der großen Erfolge des späteren Hauschoreographen Christian Spuck. Anna Osadcenko behauptete sich zwischen einer stark besetzten und für einen reibungslosen Bewegungsfluss sorgenden Herren-Gruppe mit profilierter Körpersprache. Ein echter Gala-Knüller und kaum zu toppen ist der Grand Pas de deux aus „DON QUIJOTE“ (Maximiliano Guerra hatte die neue Version des Klassikers im Jahr 2000 geschaffen) in der finessenreichen und um keine noch so schweren virtuosen Auszierungen verlegenen Präsentation durch das Traumpaar Elisa Badenes und Daniel Camargo. Könnte die Euphorie, die dem Brasilianer während der Festwoche mehrmals entgegen brandete, ihn nicht darauf besinnen, nach Stuttgart zurück zu kehren?

Dass beider Einsatz am Ende des zweiten Teils in einem geschickt aus Solo und Pas de deux zusammengefügten Ausschnitt aus „DER WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG“ trotz guter Laune nicht ganz so zündete, lag wohl auch an der nicht so leicht aus dem Stand einer vom sonstigen Geschehen los gelösten Darbietung zu erzielenden Vis comica.


„Herman Schmerman“. Polina Semionova, Friedemann Vogel. Copyright: Stuttgarter Ballett

HERMAN SCHMERMAN“ von William Forsythe wurde seit dem 40Jahr-Jubiläum des Stuttgarter Balletts nicht mehr aufgeführt – umso willkommener war jetzt die von Polina Semionova (als Gast) und Friedemann Vogel mit bewegungstechnischer Genauigkeit und gleichzeitiger Lässigkeit hingelegte Umsetzung des abstrakten Wortspiels. Allein der Pas de deux zwischen Königin Isabella und Mortimer in einer mitreißend dramatischen Wiedergabe durch Alicia Amatriain und Roman Novitzky genügte, um das Verlangen nach einer überfälligen Wiederaufnahme des Historien-Balletts „EDWARD II“ von David Bintley wieder zu stärken. Die Szene mit den Freiern aus der jüngst neu einstudierten“LULU“ reichte als Beispiel, den riesigen nicht nur damaligen Erfolg von Christian Spuck begreifbar zu machen. Kaum zu glauben, dass die Kindfrau des leichten Gewerbes genauso heißt wie die bereits erwähnte schelmische Kitri und kratzbürstige Katharina: Elisa Badenes.

RÜCKKEHR INS FREMDE LAND“ ist eines jener gedanklich übersetzten und atmosphärisch eindringlichen Kammerballette von Jiri Kylian, dessen Synonym von Fremde und Sterben von Anna Osadcenko und David Moore tiefsinnig in Bewegungszusammenhängen erfasst wurde.


„I Fratelli“: Miriam Kacerova und Marijn Rademaker. Copyright: Stuttgarter Ballett

Miriam Kacerova und Marijn Rademaker lassen einen Pas de deux aus Mauro Bigonzettis „I FRATELLI“ (Uraufführung 2006/07) Hand in Hand mit Bruno Morettis filmischer Musik zum berührenden Scheitern einer Liebesgeschichte werden. Ganz große Bewunderung galt besonders auch Anna Laudere (als Gast vom Hamburg Ballett) und Jason Reilly für ihre Spannungshaltung und im Verein mit Arvo Pärts medidativen Klängen die Kunst der langsamen Bewegung zelebrierenden Wiedergabe des Liebes-Pas de deux aus John Neumeiers „OTHELLO“.

Wie sehr die Minimal Music dem Tanz ideale Bewegungsmuster bietet, daran gemahnten die beiden einzigen Solo-Beiträge des Abends: Friedemann Vogel als „ORLANDO“ (2009/10) im vollendet verfeinerten Nervositäts-Stil von Marco Goecke. Philipp Glass sorgt auch im Solo des „KRABAT“ (2013) von Demis Volpi für die stimmige Initiation, mit der sich Uraufführungs-Interpret David Moore  mit Entschlossenheit die finale Entscheidung abringt.

Hans van Manens kühl distanzierte und doch so vielsagende Neoklassik erfüllten Anna Osadcenko und Marijn Rademaker  mit perfekter Sachlichkeit.

Das 40Jahr Jubiläum des Klassikers „KAMELIENDAME“, in der kommenden Spielzeit Anlass für eine Wiederaufnahme, wurde zu Andersons Ehren jetzt mit der entscheidenden Begegnung  zwischen Marguerite und dem Vater Germont (1978 für ihn kreiert) vorab gefeiert. Alicia Amatriain und Roman Novitzky ließen die kommende Tragödie mit etwas viel Pathos ihrerseits und würdevoller Bestimmtheit seinerseits deutlich voraus ahnen. Noch ein Stück, das Anderson in der Uraufführung (1976) getanzt hatte: der Sanctus-Pas de deux aus Kenneth MacMillans verklärt leichtgewichtigem „REQUIEM“. Hyo-Jung Kang und Marti Fernandez Paixa setzten ihn mit noch etwas diesseitiger Leuchtkraft und noch nicht ganz reibungsloser Technik um.

Nicht fehlen durfte für eine ideale Auflockerung zwischen den schwermütigeren Beiträgen Spucks „GRAND PAS DE DEUX“, in dem sich Elisa Badenes und Jason Reilly angetrieben von Rossinis „Diebischer Elster“ einen köstlichen Spaß aus verunglückten klassischen Balletterscheinungen machten. Den passenden Schlusspunkt setzte wieder einmal der unübertrefflich expressive Final-Pas de deux aus „ONEGIN“, dessen Präsenz im Spielplan für die gesamte Intendantenzeit Andersons steht. Dass die Intensität der Gefühle bei Alicia Amatriain und Friedemann Vogel nicht so suggestiv über die Rampe kam wie zwei Tage vorher beim Alternativ-Paar der kompletten Aufführung, mag auch persönliche Empfindungssache sein.


„Defilee“, Copyright: Stuttgarter Ballet

Umrahmt wurde dieser Repertoire-Querschnitt von einer Kurzversion der „ETUDEN“, wo die John Cranko-Schüler aller Klassen die wichtigsten Haltungen und Figuren demonstrieren konnten. Danach ergänzten sie noch das „DEFILEE“ der Compagnie zur Polonaise aus „Eugen Onegin“ in hierarchischer Auftrittsfolge. Tamas Detrich hatte es genauso arrangiert wie das Überraschungsfinale, in dem sich alle Tänzer in Glitzer-Anzügen zu Revue-Tänzern und Sängern im „Cabaret“-Stil verwandelten und damit auch an die Anfänge von Anderson als Stepper erinnerten. In dieser Form begleitete das immens stark und vielseitig geforderte Staatsorchester Stuttgart unter der wechselnden Leitung von James Tuggle und Wolfgang Heinz auch das anschließende Defilee unter Luftballons und Konfetti-Regen, wo sich weitere Gäste Andersons mit einer roten Rose von ihm verabschiedeten.

Die höchste Ehre wurde Anderson durch die Überreichung der selten verliehenen Stauffer-Medaille in Gold des Landes Baden-Württemberg zuteil. Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Oberbürgermeister Fritz Kuhn würdigten ihn mit vielsagenden Worten, Vorgängerin Marcia Haydée dankte ihm in ihrer unkonventionell freien Laudatio vor allem für ihre Weiterbeschäftigung in vielfach gefragten Charakter-Partien.

Die Live-Übertragung beider Galas auf einen Großbildschirm im Schlossgarten als Fortsetzung der von Porsche gesponserten Reihe „Ballett im Park“ wurde leider beim endgültigen Abschied von Regen getrübt, die Tränen des Himmels für Reid Anderson konnten sich doch nicht zurück halten. „DANKE REID“ stand auf einer großen Bühnenleinwand, auf den T-Shirts vieler Mitarbeiter und nicht zuletzt auf Blättern mit einem roten Herzen, das auf Kommando von jedem Zuschauer hoch gehalten werden konnte. DANKE REID ANDERSON sagt auch

 Udo Klebes

 

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