Stuttgart: 6. Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart am 26.6.2022
Mit faszinierender Sogwirkung
Und wieder wurde die Reihe „Composer in Focus“ vom Staatstheater fortgesetzt. Als Deutsche Erstaufführung war zunächst „Segel“ (2017) von Lisa Streich zu hören. Bei dieser Komposition der jungen schwedischen Komponistin sollen die Gegebenheiten eines Segels in Klänge umgesetzt werden. Sie arbeitet mit starken dynamischen Gegensätzen und heftigen orchestralen Ausbrüchen. Und die Klänge wandern quasi durchs Orchester. Lisa Streich interessiert sich auch hier für Obertöne – und die entstandenen Lücken kann der Zuhörer mit eigenen Gedanken füllen. Die Musik ist hier laut, leise, aggressiv, verspielt, stark und zerbrechlich. Es wird mit Eierschneidern gearbeitet. Diese unterstreichen die fulminanten Staccato-Attacken. Lisa Streich wurde laut eigener Aussage von Komponisten wie Gustav Mahler und Olga Neuwirth stark geprägt – aber auch von der venezianischen und römischen Mehrchörigkeit. Das Staatsorchester Stuttgart unter der inspirierenden Leitung des britischen Dirigenten Duncan Ward arbeitete die explosiven Klangflächen dieser Komposition facettenreich heraus. Die in Leningrad geborene Geigerin Alina Pogostkina war dann die hervorragende Solistin des Violinkonzerts mit dem Titel „Dem Andenken eines Engels“ aus dem Jahre 1935 von Alban Berg. Berg hat in dieser bahnbrechenden Komposition den Tod von Alma Mahlers Tochter Manon Gropius verarbeitet, der ihn stark erschütterte. Alina Pogostkina wurde hier vom einfühlsam begleitenden Staatsorchester Stuttgart unter Duncan Ward gleichsam auf Händen getragen. Die Wesenszüge des jungen Mädchens traten im ersten Teil des zweisätzigen Werkes in bewegender Weise zutage, weil es Alina Pogostkina gelang, die sphärenhaften Kantilenen magisch zu beschwören. Im zweiten Teil vollzog sich gleichsam die Sterbeszene. Aus dem auf und nieder schwebenden Präludium dämmerten zahlreiche Andante-Melodien auf, die sich zu einem Grazioso-Mittelteil verdichteten. Über dem gleichen Untergrund erhob sich der Beginn des Allegretto-Scherzos, das die Vision des lieblichen Mädchens als anmutigen Reigen festhielt. Duncan Ward unterstrich mit dem Staatsorchester Stuttgart den wilden Aufschrei des Orchesters, der zum Hauptteil überleitete. Alina Pogostkina betonte die freie und stürmisch bewegte Kadenz vorbildlich. Und unaufhaltsam raste das dämonische Treiben jetzt der Katastrophe zu. Das Geigenspiel der Solistin besaß hier eine faszinierende Sogwirkung. Grelle Hilferufe wurden jetzt im Orchester laut, erstickt von beklemmenden Rhythmen. Der Niedergang erfolgte über einem gespenstisch wirkenden Orgelpunkt. Die Holzbläser antworteten in ergreifender Weise dem Choral in der Solovioline: „Es ist genug! Herr“ (aus Bachs Kantate „O Ewigkeit, du Donnerwort“). Es folgten die kunstvollen Variationen, denen die ursprüngliche Cantus-firmus-Variation zugrunde lag. Immer lauter und intensiver wurde bei dieser Wiedergabe die Totenklage, die Solistin Alina Pogostkina machte sich in imponierender Weise zur Führerin des gesamten Violinen- und Bratschenkörpers. Und eine unbeschreiblich wehmütige Reprise der Kärtner Volksweise beschloss diesen meisterhaften Choral. Mit wieviel Kunst Alban Berg das Reihenthema dabei abgewandelt hat, ließ Alina Pogostkina mit großer spieltechnischer Leuchtkraft lebendig werden. Als Zugabe erfolgte noch ein Solo-Stück von Johann Sebastian Bach, das gut zum vorangegangenen Vortrag passte. Sie spielte diese Weise mit verinnerlichter Größe.
Zum Abschluss dieses Konzerts war noch die recht unbekannte Fantasie in drei Sätzen für großes Orchester „Die Seejungfrau“ aus dem Jahre 1903 von Alexander von Zemlinsky zu hören. Auch bei diesem Werk gibt es eine Verbindung zu Alma Mahler, denn Zemlinsky war ihr Lehrer und Geliebter, bevor sie sich dann für Gustav Mahler entschied. Hans Christian Andersens Märchen „Die kleine Seejungfrau“ lieferte die literarische Grundlage für diese erstaunliche Komposition, die auch immer wieder an die gewaltigen dynamischen Steigerungen von Alexander von Zemlinskys „Lyrischer Symphonie“ erinnert. Streicher und Holzbläser agierten bei dieser zügigen Interpretation voller Leidenschaft und Emphase. So wurde das Leben der Seejungfrau im Meer mit Leidenschaft geschildert. Im zweiten Satz schloss sie einen Pakt mit der Seehexe, die ihr eine menschliche Gestalt verlieh. Dafür musste die Seejungfrau ihre Stimme hergeben. Im Orchester waren diese Vorgänge mit aufwühlender Harmonik und wilder Chromatik erkennbar. Als sie feststellte, dass der Prinz mit einer anderen verlobt war, kehrte sie betrübt ins Meer zurück und verwandelte sich in Schaum. Noch einmal strahlte der ergreifende Bläserchoral auf, bis sich die Harmonik allmählich auflöste. Glockenspiel und Triangel bereicherten hier die kontrapunktisch reichen Satzkünste, die sich unter dem Dirigat von Duncan Ward immer weiter zu verfeinern schienen. Symbolisches Denken beherrscht auch diese Komposition, es kommt immer wieder zur imponierenden Befreiung von periodisierenden und tonal zentrierten Momenten. Begeisterung und „Bravo“-Rufe!
Alexander Walther

