STRALSUND / DON GIOVANNI in 90 Minuten
4.4. 2026(Werner Häußner)

Bryndís Guðjónsdóttir, Thomas Rettensteiner, Alexandru Constantinescu. Foto: Peter van Heesen
Donna Anna berichtet: Allein im nächtlichen Zimmer ist sie dem Übergriff eines unbekannten Mannes ausgesetzt, befreit sich mit äußerster Kraft, ruft vergeblich um Hilfe … Jetzt überwältigt sie die Wucht ihrer Erlebnisse: Die Ouvertüre setzt ein. Zu Mozarts düsterem Adagio, zum erregungsgeladenen Allegro verselbständigen sich ihre Gedanken. Im Hintergrund erscheint ein Auge, immer wieder schreiten Beine mit Stöckelschuhen durch das Bild. Das Schwarz-Weiß der Videos verstärkt die Distanz, lässt die Bilder zu Fetzen von Traum-Sequenzen gerinnen.
Donna Anna wird in der Inszenierung von Mascha Pörzgen am Theater Vorpommern bis zum Schluss keine Gelegenheit haben, ihre Erlebnisse auszusprechen. Wie bei Lorenzo da Ponte bleibt unklar, was in jenen verhängnisvollen Sekunden vor dem Mord an dem greisen Komtur geschehen ist. Doch überdeutlich tritt das Grauen der Frau ans Licht; das Trauma einer Konfrontation, die das Leben umstürzt, jede Zukunft überschattet, Beziehung zerstört. Die Tragweite von Don Giovannis Übergriff spiegelt sich in der existenziellen seelischen Verwundung Donna Annas.
Mascha Pörzgen hatte die Aufgabe, ein spezielles, „Freistil“ genanntes Format am Theater Vorpommern zu füllen. Die Vorgabe ist, eine Geschichte auf 90 Minuten zu konzentrieren. Im Falle von „Don Giovanni“, Mozarts perfekter „Oper aller Opern“, ein nahezu unerfüllbarer Anspruch. Wie sollte man ein Werk, bei dem jede Note, jedes Wort des Librettos Lorenzo da Pontes sitzt, so eindampfen, dass nicht nur die eine oder andere Arie, sondern rund die Hälfte von Musik und Handlung eliminiert wird? Ein gewagtes Experiment, auf das sich die Regisseurin eingelassen hat.
Gemeinsam mit der Dramaturgin Stephanie Langenberg geht sie radikal zu Werk. Pörzgen „kürzt“ nicht einfach, sondern entwickelt eine Version, die das Geschehen auf die Perspektive Donna Annas konzentriert. Die deutsche Textfassung von Bettina Bartz und Werner Hintze bleibt nahe am italienischen Libretto, hebt nur an wenigen Stellen Aspekte hervor, die der Inszenierung dienlich sind. Der Handlungsstrang um Donna Elvira (wuchtig: Antje Bornemeier) wird auf ihre Rolle in der Beziehung zwischen Donna Anna und Don Ottavio reduziert. Masetto fehlt: Zerlina (leuchtend locker: Sina Puffay) tritt als Opfer Don Giovannis und als aktive Figur in der Klärung der Identität des Täters hervor. Auf buffoneske Elemente wie die Wortwechsel zwischen Leporello und seinem Herrn oder die Verwechslungskomödie im zweiten Akt wird verzichtet.
Das Ergebnis ist ein Abend, der mit Tempo, Energie und konsequenter Konzentration das innere Schicksal Donna Annas erzählt. Da irritiert zunächst, dass Leporello sein Register vor Donna Anna statt Donna Elvira aufblättert. Doch in der Logik des Konzepts ist das folgerichtig: Leporello wird zum Bestandteil des Erkenntnisprozesses Donna Annas, die auf diese Weise den größeren Zusammenhang ihres „Falls“ erfasst. Dass sie auf der Ebene distanziert-verbaler Kommunikation keine Chance hat, verdeutlichen ihre Ansätze, ihre Geschichte ins gesprochene Wort zu fassen: Sie wird stets unterbrochen, kommt nicht ans Ende. Bryndís Guðjónsdóttir ist in solchen szenischen Momenten stärker als im dramatischen Gesang, der bei ihr trotz aller Präsenz, kristalliner Brillanz und vokalen Enthusiasmus‘ zu angespannt und oft grell festgezurrt klingt.
Eine wichtige Figur im Konzept Pörzgens wird Don Ottavio: Er entspricht nicht dem immer wieder gepflegten weichen Schlappschwanz-Image. Semjon Bulinsky ist ein korrekter Mann, der alles berichtigen möchte, Klärung zur Verdrängung weitertreibt und auf rationale Bewältigung setzt: Die auf seinem Rollator zusammengesunkene Leiche des Komturs deckt er ab („Die Leiche verstecke ich schnell vor ihren Blicken …“), für die Untersuchung des Falles will er „zuständige Stellen“ einschalten. Gemeinsam mit Zerlina schleppte er Unmengen von Akten auf die lange Tafel, die das zentrale Element der Bühne Eva Humburgs bildet. Fatal erinnert dieses Vorgehen an den Umgang mit Opfern sexueller Gewalt, bei dem die Schemata der Bearbeitung die inneren Konflikte und Belastungsstörungen der Opfer nicht erreichen: Bearbeitung steht für Don Ottavio – unbeabsichtigt – an der Stelle von Verarbeitung.
Nicht gelungen ist die Integration der Figur des Leporello in dieses Konzept. Nicht nur, dass Thomas Rettensteiner mit einer brachialen, jeder stilistischen Erwägung abholden, in der Intonation unbekümmerten, immer wieder in eine Art deklamierenden Sprechgesang abgleitenden Gewaltstimme der Partie jede Mozart’sche Eleganz austreibt. Er darf wie ein mediokrer italienischer Filmregisseur eine altmodische Kamera auf die Protagonisten halten. Abgesehen davon, dass sich dieses Distanzmittel der Regie inzwischen reichlich abgenutzt hat, wird der Sinn nicht recht einsehbar: Die Hintergrund-Videos Eva Humburgs erklären sich von selbst – etwa, wenn der Komtur wie nach einer verklärten Auferstehung in einem ortlosen Raum wandelt.
Dass Don Giovanni den Komtur skrupellos ermordet, arbeitet Mascha Pörzgen signalhaft deutlich heraus: Jovan Koščica schleppt sich an einem Rollator herein und wird, auf die Tafel geworfen, mit seinem Gehstock erwürgt. Aus dieser Szene entwickelt Pörzgen dann das Ende, in dem der Komtur mit noblem Bass als majestätische Lichtgestalt den entkräfteten Don Giovanni der verdienten Strafe zuführt. Die vollziehen nicht Dämonen, sondern die Opfer seiner Machenschaften. Alexandru Constantinescu, der seine „Champagnerarie“ flexibel und ohne Übertreibung gesungen hatte, bekommt in der Finalszene Schuhe seiner Opfer angezogen, die Leporello zuvor in zwei Säcken wie Trophäen gesammelt und zur Registerarie vor Donna Anna ausgeleert hat.
Zweiter Kapellmeister David Behnke hat seine liebe Not, das Adagio der Ouvertüre zusammenzuhalten: Es gewinnt seine düster-ahnungsvolle Spannung nicht. Das Philharmonische Orchester Vorpommern fängt sich im Allegro, aber die Bläser intonieren ohne Charisma, die Geigen bleiben saftlos. Ein „Don Giovanni“, in dem nur stellenweise die Glut aus der Asche glimmt oder gar Feuer aufflammt.

