HERCEG NOVI/ Dvorana Park: „Canti del cuore“ mit AMANDA STOJOVIĆ, ŽIGA KASAGIĆ und COLLEGIUM MUSICUM RAGUSINUM
am 20.2.2026

Wer nach Herceg Novi in Montenegro kommt, spürt schnell, dass diese Stadt mehr ist als ein Badeort an der Adria. Zwischen venezianischen Festungen, schmalen Treppenwegen und blühenden Gärten hat sich über Jahrzehnte ein reges Kulturleben entwickelt, das Einheimische wie Gäste gleichermaßen prägt. Die Lage am Eingang zur Bucht von Kotor, das milde Klima und die lange Geschichte haben einen Ort hervorgebracht, der offen für Einflüsse von außen ist – und zugleich stolz auf seine Traditionen.
Ein sichtbares Zeichen dieser kulturellen Identität ist das Mimosenfestival, das seit 1969 jedes Frühjahr gefeiert wird. Wenn die gelben Blüten die Küste färben, verwandelt sich die ganze Stadt in eine Bühne: Umzüge, Konzerte, Theater und Begegnungen auf den historischen Plätzen prägen das Stadtbild. Das Festival markiert nicht nur den Übergang vom Winter zum Frühling, sondern steht sinnbildlich für die Lebensfreude und den Gemeinschaftssinn, die Herceg Novi auszeichnen.
Im Zentrum dieses kulturellen Lebens steht die Dvorana Park. Die 1987 eröffnete Veranstaltungshalle ist seit Jahrzehnten ein fester Anlaufpunkt für Konzerte, Festivals, Filmreihen und Theatergastspiele. Mit rund 360 Plätzen verbindet sie die Atmosphäre eines Theaters mit der Offenheit eines Kulturhauses. Zugegeben, das Gebäude ist etwas in die Jahre gekommen, doch hier treffen sich Generationen, hier begegnen sich lokale Initiativen und es treten internationale Künstler auf.
In diesem besonderen Rahmen kehrte die aus Herceg Novi stammende Mezzosopranistin Amanda Stojović in Ihre Geburtsstadt zurück und lud zu ihrem Konzertabend „Canti del cuore“. Es war ein Abend, der vom ersten Ton an unter dem Zeichen großer Emotionen stand.
Stojović überzeugte mit einer warmen und farbigen Mittellage und vermochte ebenso mit süffisanter Tiefe zu beeindrucken. Lyrische Passagen entfalteten eine weiche, erzählende Klangqualität, während dramatische Momente an Intensität und Ausdruckskraft gewannen, ohne je die Eleganz zu verlieren. Gleich zu Beginn zog sie das Publikum mit dem gegenüber den Fassungen von Johann Sebastian Bach / Charles Gounod und Franz Schubert seltener zu hörenden „Ave Maria“ von Giulio Caccini in ihren Bann. Die intime Innigkeit dieser Interpretation ließ den Raum beinahe den Atem anhalten.
Mit Barbieris „Canción de Paloma“ aus der Zarzuela El Barberillo de Lavapiés schlug sie temperamentvollere Töne an, bevor sie mit der Seguidilla aus Carmen eine Prise Koketterie versprühte. Schließlich führte sie das Publikum mit „Over the Rainbow“ von Harold Arlen auf eine vokale Reise jenseits des Regenbogens, zwischen Sehnsucht und Hoffnung schwebend.
An ihrer Seite stand der Tenor Žiga Kasagić, der seinen Einstieg mit „Ombra mai fu“ aus Serse noch etwas spröde gestaltete. Die anfängliche Zurückhaltung wich jedoch bald größerer Präsenz. Kálmáns „Komm Zigány“ – in serbischer beziehungsweise kroatischer Sprache gesungen – geriet allein schon wegen des für deutsche Ohren unerwarteten Textes zu einem besonderen Erlebnis. Mit einer kleinen Weinflasche als Requisit offenbarte Kasagić zudem augenzwinkernde schauspielerische Qualitäten; sein kerniger Tenor kam nun deutlich besser zur Geltung. Bei „O Sole mio“ überzeugte der Slowene schließlich mehr durch Durchschlagskraft und Strahlkraft als durch ausgeprägten lyrischen Schmelz, doch diese robuste Energie passte durchaus zur Emphase dieses Gassenhauers.
Im Duett „La ci darem la mano“ aus Don Giovanni harmonierten beide Künstler spürbar miteinander. Ihre Stimmen fanden zu einem ausgewogenen Dialog, der Verführung und Leichtigkeit gleichermaßen transportierte. Dieses Schmankerl wiederholten sie schließlich als Zugabe.
Begleitet wurden die beiden Solisten vom kroatischen Kammerorchester Collegium musicum Ragusinum aus Dubrovnik. Unter der Leitung von Slobodan Begić entstand ein musikalischer Dialog, der die Stimmen nuanciert trug und zugleich sensibel umrahmte.
Auch das Orchester erhielt zahlreiche solistische Momente. Mit dem „Intermezzo Sinfonico“ aus Cavalleria rusticana von Pietro Mascagni entstand ein echter Gänsehautmoment: Die Streicher spannten einen weiten Klangbogen, der zwischen schmerzlicher Süße und stiller Dramatik schwankte. Nach einer spritzigen Interpretation von „Adiós Muchachos“ von Gerardo Matos Rodríguez steigerte sich Dmitri Shostakovichs „Walzer Nr. 2“ zu einem weiteren instrumentalen Höhepunkt. Begić kitzelte eine schwülstige slawische Schwere aus seinem weitestgehend aus Musikerinnen bestehenden Kammerorchester heraus, ohne dabei die Leichtigkeit zu vernachlässigen, die dieser Walzer zugleich verlangt. Gerade in diesem Spannungsverhältnis zwischen Melancholie und tänzerischer Eleganz lag die besondere Qualität dieser Interpretation.
Für Herceg Novi war dies ein besonderer Konzertabend.
In Montenegro gibt es kein dauerhaft betriebenes städtisches Opernhaus wie in Wien, Mailand oder Belgrad. Opernproduktionen finden meist in Mehrzwecktheatern, Kulturzentren oder historischen Veranstaltungsorten statt. Für Musikliebhaber in Herceg Novi sind regelmäßige Opernaufführungen daher nur außerhalb Montenegros zugänglich, etwa in Tirana (National Theatre of Opera and Ballet, 230 km, ca. 5–6 Std. Fahrt), Rijeka (Croatian National Theatre Ivan pl. Zajc, 300–350 km, 5–6 Std.), Belgrad (National Theatre – Opera Department, 450 km, 7–8 Std.) oder Sarajevo (Narodno pozorište Sarajevo, 500 km, 8–9 Std.). Für Tagesausflüge ist Tirana am zugänglichsten, während Rijeka, Belgrad oder Sarajevo eher für längere Reisen infrage kommen.
Innerhalb Montenegros spielt das Montenegrinische Symphonieorchester (Teil des Montenegrin Music Centre) eine zentrale Rolle. Mit Berufsmusikern und regelmäßigem Konzertprogramm in Podgorica (150 km, 2,5–3 Std. Fahrt) ist es der wichtigste symphonische Klangkörper des Landes. Mit dem Bus dauert die Verbindung meist 3–4 Stunden.
Für klassische Konzerte bietet sich zudem ein kurzer Ausflug nach Dubrovnik an: Das Dubrovnik Symphony Orchestra, eines der renommiertesten Kroatiens, spielt ein breites Repertoire von klassisch bis zeitgenössisch und arbeitet regelmäßig mit namhaften Dirigenten und Solisten zusammen. Die Entfernung beträgt rund 50 km (ca. 50–60 Minuten, in der Hauptsaison mit Grenzwartezeiten bis zu 2 Std.), ideal für Tagesausflüge.
In der Bucht von Kotor etabliert sich mit dem Bokeljski simfonijski orkestar ein weiteres vielversprechendes Ensemble. Seit seinem Premierenauftritt im November 2025 gab es mehrere Konzerte, unter anderem bei Neujahrskonzerten in Budva und bei bedeutenden Kulturveranstaltungen wie dem Tivat Music Festival und KotorArt. Zwar existiert noch kein festes Saisonprogramm, doch das Orchester bietet jungen Musikern eine wachsende Plattform für klassische Musik in Montenegro. Bleibt zu hoffen, dass sich diese noch sehr junge Initiative langfristig etablieren kann.
Ein herausragendes Highlight der lokalen Opernszene ist das Operosa Montenegro Opera Festival in Herceg Novi, das seit 2013 junge Talente fördert und klassische Oper einem breiten Publikum zugänglich macht. Aufführungen an historischen Orten wie den Festungen Kanli Kula und Forte Mare verbinden Musik mit kulturellem Erbe. In einem Land mit begrenzter Operninfrastruktur stärkt Operosa die Präsenz der Oper und positioniert Montenegro in einem europäischen Netzwerk junger, innovativer Opernproduktionen.
Für Opernfreunde mag dieses kleine Land ein weißer Fleck auf der Landkarte sein, aber wenn man genau hinschaut, gibt es auch hier einiges zu entdecken.

