St. Pölten/ Landestheater NÖ
DAS SCHLOSS von Franz Kafka
Bericht über die Aufführung am 10.01.2026 (Premiere 27.09.2025)

Bettina Kerl als Landvermesser K, die zentrale Figur im Damen-Ensemble © Luiza Puiu
Das Landestheater NÖ startet das Jahr 2026 mit einer Aufführung von DAS SCHLOSS von Franz Kafka am 10. Jänner (Premiere 27.09.2025).
Kafkas Werke gehören zum Kanon der Weltliteratur. Insbesondere seine Romanfragmente DER PROZESS, DAS SCHLOSS und DER VERSCHOLLENE sind verantwortlich dafür, dass „für auf unergründliche Weise bedrohliche Szenarien“ der Ausdruck KAFKAESK verwendet wird.
Thorben Meißner (Dramaturgie) hat sich in der Werkeinführung redlich bemüht, den Theaterbesucherinnen und Besuchern die Idee des Regisseurs Gernot Grünewald, alle Personen des Stücks von vier Schauspielerinnen verkörpern zu lassen, plausibel zu erklären. Mich hat die Idee des Damen-Ensembles nicht überzeugt! Es bleibt zu hoffen, dass genderfluid Besetzungen irgendwann wieder aus der Regiemode kommen.
Der Inhalt
Ein Mann, K. genannt, kommt spätabends in einem verschneiten Dorf an. Im nahegelegenen Schloss soll er eine Stelle als Landvermesser antreten. Doch weder wird er von den Dorfbewohnern besonders freundlich empfangen, noch wollen die Verwalter des Schlosses etwas mit ihm zu tun haben. Niemand will von seiner Anstellung wissen. Keiner scheint für ihn zuständig zu sein oder kann etwas entscheiden. K. wird hingehalten, vertröstet, verwirrt oder zu einer anderen Instanz weitergeleitet. Das Schloss ist für K. nicht erreichbar. Der bürokratische Apparat ist zugleich bedrohlich und diffus, wer zu ihm gehört und wer welche Position einnimmt, bleibt unklar. Und so muss K. zunächst als Schuldiener arbeiten, lernt die Menschen des Dorfes kennen und arbeitet auf sein Ziel hin, dem er doch nie näherkommt.
Franz Kafka hat den Roman DAS SCHLOSS im Jänner 1922 zu schreiben begonnen und im September 1922 mitten im Satz abgebrochen. Es bleibt ein Fragment … Fehlt wirklich das Ende? Ist der Leser bzw. das Publikum vielleicht Zeuge eines Alptraums, der plötzlich endet? Die Inszenierung lässt das Geschehen im Dunkel. Die Bühne dreht sich langsam, aber stetig. Ein transparentes Haus dreht sich mit und ist daher einmal links und einmal rechts. Immer wieder werden Figuren in überdimensionaler Größe projiziert und interagieren mit den Darstellerinnen auf der Bühne. Das funktioniert eindrucksvoll, 90 Minuten lang.
Bettina Kerl gibt den Landvermesser K. als Gestalt mit kahlem Kopf in einem hellen Kleid mit clownesk langen Ärmeln. Caroline Baas, Julia Kreusch und Marthe Lola Deutschmann verkörpern mehrere Rollen. Selbst wer Kafkas Text kennt, wird sich wahrscheinlich nicht immer auskennen. Gut herausgearbeitet wird die Geschichte der Familie des Boten Barnabas, dessen Schwester Amalia ein direktes obszönes Angebot eines hohen Schlossbeamten brüsk abgelehnt hat. Seitdem wird die ganze Familie in ihrer Existenz bedroht und von den anderen Dorfbewohnern ausgegrenzt.
Die Essenz
Der Einzelne, der einer unklaren, ungreifbaren und unerreichbaren Macht gegenübersteht, ist ein wiederkehrendes Motiv im Werk Franz Kafkas. Gerade in der aktuellen politischen Lage, in der das regelbasierte Zusammenleben der Völker dieses Planeten in Frage gestellt wird und das Recht des Stärkeren wieder zu dominieren beginnt, erleben wir täglich kafkaeske Situationen.
Dem Landestheater NÖ empfehle ich die Einführung von Übertiteln. Das Theaterpublikum hat meist einen hohen Altersschnitt und hört daher nicht mehr sehr gut. Nicht nur bei Kafka ist aber jedes Wort des Hörens wert!
Elisabeth Dietrich-Schulz

