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ST.PÖLTEN/ Festspielhaus: YARON LIFSCHITZ, CIRKA, TONKÜSTLER . BEETHOVEN 9

11.06.2022 | Ballett/Tanz

Festspielhaus St. Pölten Yaron Lifschitz Beethoven 9 am 10.6.2022

ST. PÖLTEN/ Festspielhaus: Yaron Lifschitz . Circa . Tonkünstler: Beethoven 9

10.06.2022 |

Beethovens 9., seine letzte Symphonie, uraufgeführt im Mai 1824 im Wiener Kärntnertortheater, stellt in mehrfacher Hinsicht einen Höhe- und Wendepunkt in der Musikgeschichte dar. Dieses inzwischen meistgespielte Werk der klassischen Musikliteratur gilt zudem als unchoreografierbar. Dennoch: Was der australische Regisseur Yaron Lifschitz mit seinem Circa Contemporary Circus kreierte, riss das begeisterte Publikum in Festspielhaus St. Pölten sofort nach Ende der Vorstellung von den Sitzen.

Erst nach Ende und nicht schon während der Vorstellung, weil die Intendantin Dr. Brigitte Fürle vor der Vorstellung die Bitte der Kompanie um Unterlassung von Zwischenapplaus an das Publikum herantrug. Aber nicht nur das geschah vor der Aufführung. Die Landeshauptfrau Niederösterreichs, Frau Johanna Mikl-Leitner, dankte in einer Rede der nach neunjähriger Amtszeit scheidenden Intendantin des Festspielhauses St. Pölten, und mit der Auszeichnung mit dem Großen Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Niederösterreich. Das Publikum des fast voll besetzten Festspielhauses dankte Brigitte Fürle seinerseits mit langem, warmem Applaus. Im Stehen.

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Yaron Lifschitz – Circa: Beethoven 9 (c) Laura Manariti (1)

Das Orchester und der Chor dahinter nehmen gut sicht- und hörbar den hinteren Bereich der Bühne ein, sie lassen vor sich einen breiteren Streifen frei, der zu Beginn des ersten Satzes von den Artisten erobert wird. Eine lange Menschenkette, gebildet von aus dem seitlichen Dunkel erscheinenden Performer*Innen zu den sphärischen ersten Takten von „Allegro ma non troppo, un poco maestoso“, löst sich auf in synchronem Schwanken und folgenden Sprüngen und Hebungen.

Dass es hier um deutlich mehr geht als Akrobaten zu populärer Musik ihre Kunststücke aufführen zu lassen, wird sehr schnell spürbar. Die Choreografie dieser am 21. Februar 2020 im Arts Centre Melbourne (Australien) uraufgeführten – und seit dem nicht mehr gezeigten – Arbeit geht äußerst feinfühlig in die Strukturen der Musik und deren Stimmungen.

Die 9. Symphonie ist auf mehreren Ebenen evolutionär und revolutionär. Sie wird in ihrer musikalischen Struktur von thematischen Andeutungen und Wiederholungen in tonalen wie rhythmischen Varianten, in ihrer inhaltlichen Entwicklung hin zu hymnischer Menschlichkeit, in ihrer Bedeutung von den Werten Individualität, Mitmenschlichkeit, Freiheit und Gleichheit (die Ideale der Französischen Revolution klingen auch 1824 noch in Beethovens durch seine jetzt schon jahrelange völlige Taubheit akustisch isoliertem Hirn) und in der erstmals in einer Symphonie massiv eingesetzten menschlichen Stimme geprägt. Die formale und strukturelle Stringenz steht der Lebendigkeit und Menschlichkeit des Werkes gegenüber.

Der vom Tonkünstler-Orchester Niederösterreich unter der Leitung seines Dirigenten Yutaka Sado feinfühlig, lebendig und mit der gerade im Finale nötigen Wucht gespielten Musik stehen der Chor des Wiener Singvereins (Leitung: Johannes Prinz) und die Solisten Valentina Farcas (Sopran), Idunnu Munch (Mezzosopran), Mingjie Lei (Tenor) und David Steffens (Bariton) zur Seite. Um der Musik, in der Beethoven „all diese anarchischen, revolutionären, libidinösen und leidenschaftlichen Kräfte explodieren ließ“, wie es Lifschitz in einem Interview im Mai 2022 formulierte, ihren Raum zu geben, nahm der Choreograf seine Artisten zuweilen zurück. Es gelingt ihm auf meisterliche Art, die unterschiedlichen Atmosphären der 4 Sätze und die Dynamik der musikalischen Entwicklungen in Bilder zu fassen.

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Yaron Lifschitz – Circa: Beethoven 9 (c) Laura Manariti (2)

Skulpturale, äußerste Kraftanstrengungen erfordernde Menschentürme oder Paar-Athletik sowie dynamisch fließende, tänzerische Akrobatik. Alles mit höchsten Ansprüchen an Ästhetik und Authentizität. Die musikalischen Themen, deren Brüche und Wiederholungen finden sich manches Mal in Form von eigenen physischen Motiven in der Choreografie wieder. Und dass einem ein Abend von außergewöhnlicher Poesie bevorsteht, wird schon in den ersten Minuten spürbar.

Die Akrobaten und Tänzer, ja, auch wenn Yaron Lifschitz „von Tanz keine Ahnung hat“, wie er behauptet, erzählen von Sehnsucht, zärtlicher Fürsorge, gehalten Werden und Auffangen, von Loslassen und Zulassen, aber auch vom Verlassen und Zerfallen.

Die Bilder, die die zwölf Performer*Innen mit ihren Körpern und diversen Requisiten, in Gruppen-Akrobatik und klassischen Zirkus-Elementen erzeugen, gehen in ihrer metaphorischen Bedeutung tief in die spirituelle Deutung der 9. Symphonie. Am vom Himmel herabhängenden Seil zeigt ein Artist eine Choreografie voller Verwicklungen, erzeugten und aufgelösten Verknotungen und wird letztlich am Boden zärtlich empfangen. Am Trapez lassen die Artisten Kolleg*Innen zwischen ihren Stand-Punkten pendeln. Und fangen sie ab und auf. Sicher. Die „Tochter aus Elysium“ tanzt, als von ihr gesungen wird, an zwei hängenden Schlaufen eine berückend schöne, fließende akrobatische Sequenz. Und als Schillers „Ode an die Freude“ vom barfuß vorn auf der Bühne erschienenen Chor und den Gesangssolisten hinter ihnen gesungen wird und die Artisten, nunmehr in Alltagskleidung (Kostüme von Libby McDonnell), durch den Chor hindurch und durch ein von ihnen geformtes Portal auf die Bühne geboren werden, performt eine Akrobatin am hängenden Reifen. Der Kreis als das alles Umfassende, Einende und Bindende, als die Vollkommenheit, als das Anfangs- und Endlose, als Symbol für die Zyklik der Geschichte. Der Chor schmettert „Seid umschlungen, Millionen!“. Zwei Frauen halten sich innig in den Armen. Die Bildgewalt der Szene, ihre Kraft und Emotionalität gehen unter die Haut.

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Yaron Lifschitz – Circa: Beethoven 9 (c) Laura Manariti (3)

Yaron Lifschitz war zuletzt 2019 im Festspielhaus St. Pölten zu sehen. „Circa’s Peepshow“ war leicht, humorvoll, körperbetont und spielerisch. Mit „Beethoven 9“ betritt der Australier eine andere Ebene. Das „musikalische Monument für Menschlichkeit und Freiheit“ verschränkt er mit Akrobatik der Weltspitze zu einem Werk, das den Respekt der Kunstformen füreinander atmet und das gegenseitige Bereicherung auf der Basis eines empathischen Miteinander ermöglicht. Dem leidenschaftlichen Credo des Komponisten, formuliert in unsterblicher, weil zutiefst humanistischer Musik, stellt Lifschitz eine artistische Choreografie zur Seite, die die 9. Symphonie um eine per Physikalität in die Sichtbarkeit transformierte Poesie erweitert. Ein humanistisches Manifest.

„Sind im Garten“, das Sommerfest des Festspielhauses, bot als Rahmenprogramm anlässlich des Saison-Abschlusses neben Kulinarik und Getränken einen vor und nach der Circa-Performance aufgeführten Massen-Tanz des aus Montreal stammenden Choreografen Sylvain Émard. Mit anschließender Disco für alle. Alles Open Air auf dem Vorplatz. Zu einem popmusikalischen Mix verschiedenster Stile und Entstehungszeiten, auch elektronische Sounds darunter, tanzten geschätzt 100 „Locals“, also in der Region beheimatete Laien und Profis aller Altersklassen – eine Gruppe von Kindern pushte die eh schon sprühende Bewegungs- und Lebensfreude der Tanzenden zusätzlich – mit „Le Grand Continental: Alle tanzen“ eine anspruchsvolle Choreografie wechselnder Tempi und Stimmungen. Einfach ansteckend.

Rando Hannemann

 

 

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