ST. PÖLTEN/ Festspielhaus: Sharon Eyal . S-E-D mit „Delay the Sadness“
Ein Meisterwerk nannte die Künstlerische Leiterin des Festspielhaus St. Pölten Bettina Masuch das in einer Koproduktion mit (unter anderem) ihrem Haus entstandene Stück „Delay the Sadness“, in dem die israelische Choreografin Sharon Eyal (Co-Kreation: Gai Behar) ihrem Innenleben nach dem Tod ihrer Mutter vor zwei Jahren ein künstlerisches Gesicht gibt. Klugheit, Ehrlichkeit, Verletzlichkeit und Kraft machen dieses Gesicht zu einem von einzigartiger Schönheit.
Sharon Eyal lebt mit ihrem künstlerischen und privaten Partner, dem Musiker und Produzenten Gai Behar, in Paris. Nach vielen Jahren bei der Batsheva Dance Company als Tänzerin, stellvertretende künstlerische Leiterin und Hauschoreografin gründete sie gemeinsam mit Behar 2013 die Sharon Eyal Dance Company S-E-D. Mehrfach ausgezeichnet entwickelt Eyal Choreografien für internationale Festivals und Ensembles, so das Nederlands Dans Theater NDT, die Compagnie der Opéra national de Paris und die GöteborgsOperans Danskompani, mit der sie, zuletzt im Festspielhaus St. Pölten zu Gast, im September 2023 das Stück „SAABA“ zeigte.

Portrait Sharon Eyal (c) Davit Giorgadze
In „Delay the Sadness“, einem Stück für vier Tänzerinnen und vier Tänzer, löst die Choreografie immer wieder Kleingruppen, vor allem Paare, aus dem Ensemble heraus. Die lange Reihe, in der sie anfangs auf und über die Bühne schreiten, ist wie eine Gemeinschaft von synchronisiert Gleiches Lebenden, erfüllt von Würde und einem fast trotzigen psychischen Überlebenswillen. Das Brodeln ist spürbar. Seelen unter Hochdruck, umhüllt von einer noch intakten Membran.
Bald schon wird diese durchlässig. In wechselnden Konstellationen, vom Solo bis zum Quartett, extrahiert und exponiert Sharon Eyal die acht in ihrer Doppelrolle als Verkörperung eines sozialen Feldes und von Aspekten einer Seele. Das Bühnendesign mit seitlichen sichtgeschützten Öffnungen und rückwärtig vierfach durchbrochenem schwarzen Vorhang, dahinter gähnt eine unendliche lichtlose Weite, erlaubt das Erscheinen und Verschwinden von Menschen und Emotionen.
Eyal lässt ihre Tänzerinnen und Tänzer wie schon in früheren ihrer Werke auf den Ballen gehen. Sie schafft damit einen Zustand zwischen dem federleichten, gen Himmel strebenden Spitzentanz der Klassik und der gravitativen Erdigkeit des zeitgenössischen und afrikanischen Tanzes. Mit dieser Schwebe zwischen den Polen und allem Definierten verbannt sie alle Gewissheit, schafft damit größtmögliche Freiheit und löst so das Ticket für eine Reise in die tiefsten Schichten der Seele.

Sharon Eyal . S-E-D: „Delay the Sadness“ (c) Vitali Akimov
Was sie, Sharon Eyal und die acht Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne, dort in sich finden, formuliert die Choreografin mit einzigartigem Bewegungsmaterial, getanzt von einer herausragenden, auch klassisch geschulten Kompanie. Ein ständig höchster Tonus, phasenweise physisch äußerst fordernde Langsamkeit, höchste Präzision und ein den Fluss der ineinander verwobenen Sequenzen tragendes perfektes Timing rauben einem den Atem.
Die Duette sind von unaussprechlicher Fragilität. Sie hinterfragen Konstrukte von Polaritäten und binden Dualitäten, sie sind jenseits jeder Sicherheit und Klarheit. Es ist eine erschütternde Bewusstwerdung. Die Suche nach Halt, Trost und Beistand trifft auf Verunsicherung und Hilflosigkeit. Obzwar der Schmerz Empathie begegnet, dominiert das Erleben des allein Seins mit ihm.
Die Musik (von Josef Laimon) im Dreivierteltakt treibt mit Gleichmaß und trancehaften Wiederholungen fort gelebte individuelle Muster und gesellschaftliche Gepflogenheiten durch die Zeit. Unmerklich geht sie in einen Techno-Rausch über und damit in das Zulassen des aus dem Dunkel ihrer/einer Seele Aufsteigenden. Es ist ein unsagbarer, alles untergrabender Schmerz. Der Choral aus dem Funeral Canticle von John Tavener ist von ungeheurer emotionaler Gewalt. Auch die Stimme ihres Sohnes spricht in vielen Wiederholungen zu seiner Mutter. Vom Festhalten. Wie das innere Kind in uns allen. Das Stück beschreibt den Prozess der Verarbeitung, ohne ein Ziel oder Ergebnis zu benennen. Es endet abrupt. Es ist nur abgebrochen. Es wird ewig weiter gehen.

Sharon Eyal . S-E-D: „Delay the Sadness“ (c) Vitali Akimov
Aller Grund dieses Stückes ist das Geworfensein in die Welt. Die Vertreibung aus dem Uterus-Paradies verursacht und bewirkt das wohl gefürchtetste und daher am angestrengtesten vermiedene Gefühl: Die Erfahrung einer fundamentalen initialen und finalen Einsamkeit. In der Zwischenzeit, im Leben also, bemüht sich der Mensch nach besten Kräften um Gefühlsvermeidung.
Sie weisen mit dem Zeigefinger ins Publikum und in den Himmel, als würden sie uns auffordern, nachzuschauen in uns, ihn endlich zuzulassen, den uralten, allertiefsten Schmerz in uns. Denn er ist Teil des Großen Plans. Er trägt uns auf der Reise durch die Leben. Das Rouge auf den Wangen der gebleichten Gesichter ist der Atem des ewigen Lebens. Die roten Adern auf den Oberkörpern, quer über das Herz, sind wie von dessen Herzschlag durchströmt.
Der stumme Schrei zum Ende hin (Munchs Bild kommt einem sofort in den Sinn), mit dem alle Enttäuschung, Angst, Trauer und dieser unbeschreibliche Schmerz endlich ihren Weg aus den Tiefen dieser braven Seele finden, erzählt von der emotionalen Positionierung zur Mutter und sich selbst. Hier schreien Geburtstrauma und Geworfensein, das verlassen Werden und verlassen Sein, Verlust und Einsamkeit, Furcht, Wut und der Widerstand gegen Akzeptanz und die Hingabe an das, was ist.

Sharon Eyal . S-E-D: „Delay the Sadness“ (c) Vitali Akimov
Der Schmerz mit einer Vergangenheit, die ihren Anfang am Ursprung aller Zeiten hat, der unser Leben überdauert und in eine unendliche Zukunft reicht, ist in seiner Reinheit kosmisch. Er gilt der einen, ewigen, unser aller Mutter. Das Jetzt und die Ewigkeit, das Diesseits und das Jenseits, den Menschen und seine Vereinigung mit Gott fügt Sharon Eyal in diesem Werk zusammen zu einem individuellen und zugleich menschlich universellen Drama von immenser Tiefe und Tragweite.
Das Hinauszögern und mithin die Flucht vor der Traurigkeit beseitigen diese nicht. „Delay the Sadness“ ist mit seiner intimen Selbstoffenbarung ein starkes Bild für eine Grundbefindlichkeit unserer Gesellschaft und eine der fundamentalen Qualitäten unserer Zeit. Mannigfaltige individuelle, soziale und gesellschaftliche Vermeidungsstrategien und insbesondere digitale Narkotika verhindern das Zulassen, das Anschauen und die Bewusstmachung dieser Traurigkeit.
„Delay the Sadness“, im September im Rahmen der Ruhrtriennale 2025 in Bochum uraufgeführt, geht weit über das auslösende Moment, den Tod der eigenen Mutter, hinaus. Sharon Eyal hebt den Blick und macht sich zum Abbild des Menschen. Mit der Androgynität der acht auf der Bühne, sie tanzen mit glatten Gelfrisuren und in hautengen und fleischfarbenen Kostümen, überwindet diese Traurigkeit Geschlechtergrenzen, jegliche Individualität und Identität. Der Mensch, zurück geworfen auf sich selbst. Darüber liegt: Es sind Frauen, die Emotionen zulassen, und Männer, die in traditionellem Selbstverständnis versuchen zu stützen. Ihre Unsicherheit im Umgang mit ihren eigenen Gefühlen macht sie zu wohlmeinenden, doch hilflosen Helfern.

Sharon Eyal . S-E-D: „Delay the Sadness“ (c) Vitali Akimov
Im Zusammenwirken mit dem die Lichtquellen allesamt versteckenden Lichtdesign von Alon Cohen, der dem Sujet (s)einen düsteren visuellen Stempel aufdrückte, der pulsierenden, zwingenden Musik, dem Bühnendesign und den Kostümen von Sharon Eyal, Gai Behar und Noa Eyal Behar entsteht ein Gesamtkunstwerk von berückender Authentizität, rückhaltloser Intimität und hypnotischer Kraft, formaler Kühnheit, spiritueller Weisheit und betörender Schönheit. Ohne jede Attitüde. Dafür mit umso mehr emotionaler Wucht und elektrisierender Intensität.
Sharon Eyal . S-E-D mit „Delay the Sadness“ am 08.11.2025 im Festspielhaus St. Pölten.
Rando Hannemann

