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ST. PÖLTEN/ Festspielhaus: Serge Aimé Coulibaly mit „WAKATT“

22.01.2023 | Ballett/Tanz

 

ST. PÖLTEN/ Festspielhaus: Serge Aimé Coulibaly mit „Wakatt“ am 21.1.2023

Der burkinisch-belgische Tänzer und Choreograf Serge Aimé Coulibaly, er arbeitete bereits mit Alain Platel in dessen Kompanie „les ballets C de la B“ und mit Sidi Larbi Cherkaoui, schuf mit seiner im Herbst 2020 im Tanzhaus nrw in Düsseldorf uraufgeführten Arbeit „Wakatt“ (auf burkinisch „Unsere Zeit“), erarbeitet gemeinsam mit den TänzerInnen seiner 2002 gegründeten Compagnie Faso Danse Théâtre, ein Stück über die Angst.

Die erwacht am Beginn, eine riesige halbkreisförmige Sonne im Hintergrund erstrahlt in Intervallen erleuchtet, mit den vor ihr nach und nach die Bühne bevölkernden neun TänzerInnen, zu sehen nur kurz als bewegungslose Schatten. Ein goldener Berg rechts und links hinten die drei Musiker des Magic Malik Orchestra, die live mit implementierten elektronischen Elementen ein hochkarätiges, mit dem Tanz sensibel kommunizierendes akustisches Korrelat erzeugen.

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Serge Aimé Coulibaly: „Wakatt“ (c) Sophie Garcia

Die Virtuosität insbesondere des ivorischen Jazz-Flötisten Malik Mezzadri aka Magic Malik, der auf höchstem Niveau einerseits Läufe mit aberwitziger Geschwindigkeit und trotzdem spielerischer Attitüde intoniert und andererseits getragene, melancholische und dennoch musikalische komplex strukturierte Stücke komponiert hat, wird durch den Tanz auf individueller und Ensemble-Ebene gespiegelt. Maxime Zampieri an den Drums setzt mit seinem insbesondere auch in den Solo-Passagen brillanten Spiel markige Akzente, deren Energie von den TänzerInnen in Bewegung transformiert wird. Der Bassist Jean-Luc Lehr fügt sich bescheiden in dieses Weltklasse-Fusion-Jazz-Mini-Orchester ein.

Überhaupt geht es vor allem um Energien, die sich im Bewegungsmaterial und der Positionierung der TänzerInnen im Raum physisch repräsentieren. Coulibaly verleugnet die Wurzeln der TänzerInnen nicht. Jeder bringt sich mit seinen Intuitionen, seinem Vokabular und seiner Körperlichkeit ein. Die individuellen improvisatorischen Elemente werden eingebettet in eine hochdynamische Gruppen-Choreografie, die mit der Interaktion von Kulturen und dem sozialen Miteinander einen demokratischen Mix aus afrikanischen und europäischen Traditionen und deren Strahlen ins Zeitgenössische erschafft. „Wakatt“ entzieht sich jeder Einordnung in Sparten und Stile. Der Reichtum und die Expressivität der Formen sowie die ständige, vielfache Parallelität von Geschehnissen erzeugen eine Komplexität, die, ganz simpel, dem Leben abgeschaut erscheint.

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Serge Aimé Coulibaly: „Wakatt“ (c) Sophie Garcia

Misstrauen, Angst, Wut, Aggression, Resignation, Verzweiflung, Trauer, Widerstand, Aufbegehren, Selbstbehauptung, Unbehagen, Achtsamkeit, Zärtlichkeit, Fürsorge, Achtung, Liebe, Hass, Brutalität, Macht und Überlegenheit, und all das in kürzesten, stimmungsmäßig schnell, radikal und zuweilen brutal vollzogenen (Um-) Brüchen, alles nur für wenige Sekunden in die Bühnen-Wirklichkeit fluktuierend. So, wie Brüchigkeit das ganze Stück durchsetzt. Die Brüchigkeit von momentanen, machtvollen Befindlichkeiten und von zwischenmenschlichen Beziehungen. Es gibt keine Beständigkeit, keine Konstanz, keinen Verlass, nichts Bleibendes.

Der stetige Wandel jedoch folgt einer Dramaturgie, die von Wirrnissen und (corona- und Klimakatastrophen-induzierten) Verunsicherungen durch eine düstere Zeit der Orientierung und Selbstfindung in eine von zarter Hoffnung und bei alledem zerbrechliche, weil bedrohte Zukunft mündet. Der Rahmen, vom Sonnenuntergang in die Nacht, in eine dunkle Zeit für die Gesellschaft und den Einzelnen, hin zur Morgendämmerung und damit zurück in einen Schimmer von Hoffnung, wird von Giacinto Caponio (Licht) und Catherine Cosme (Bühne und Kostüme) düster und mit nie schwindender Bedrohlichkeit inszeniert.

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Serge Aimé Coulibaly: „Wakatt“ (c) Sophie Garcia

Die Bühne ist bedeckt von einer dicken Schicht aus schwarzem Rindenmulch. Sie wühlen in dieser eine unbekannte, vermutete Gefahr oder bereits stattgefundene Katastrophe symbolisierenden Masse, tanzen auf und in ihr als der Basis ihres So-Seins, in der übermächtigen und unkontrollierbaren Angst vor dem Unbekannten, Fremden, im Außen und in uns, projiziert auf die Welt, den Nächsten und die Gegenwart. Angst als Qualität unserer Zeit, aber mit Jahrhunderte alter, weil eben menschlicher Geschichte. Daher weder Zeitgeist noch Merkmal eines, unseres Zeitalters. „Wakatt“ spielt irgendwo und irgendwann, in irgendeiner Zeit an irgendeinem Ort.

Ein großartiges, ungemein dichtes, musikalisch und in Ausdruck, Bewegungsmaterial und Choreografie/Dramaturgie hochkomplexes, zwischen Dystopie und Hoffnung changierendes, aus Emotionen und innerer Dringlichkeit gewachsenes und diese adressierendes Abbild individueller und gesellschaftlicher Positionierung zu und in Krisen und von deren Bewältigungsstrategien, dessen Vitalität fasziniert, packt. Trotz aller Abstraktion. Musik und Tanz begegnen sich auf Augenhöhe und im Duktus. Und über allem schwebt die Sehnsucht nach innerem und äußerem Frieden.

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Serge Aimé Coulibaly: „Wakatt“ (c) Sophie Garcia

Am Schluss, die PerformerInnen scheinen diesem Frieden etwas näher als zuvor, drängt sich ein Mann mit einem Sprengstoffgürtel von hinten in die Menge, den blinkenden Zünder in der Hand.
Die hart erkämpfte, neu errungene trotzige Zuversicht im Angesicht des Todes, die re-organisierte, die Unfähigkeit zur Kommunikation überwindende Gemeinschaft, jede Demokratie und die individuelle Morgenröte sind höchst fragil, bedroht durch das nach wie vor in und unter uns lebendige Dunkle, Abgründige, Destruktive. Diesem gegenüber wachsam zu bleiben und ihm die Stirn zu bieten fordert Coulibaly uns auf.

Serge Aimé Coulibaly mit „Wakatt“ am 21.Jänner 2023 im Festspielhaus St. Pölten.

Rando Hannemann

 

 

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