ST.PÖLTEN/ Festspielhaus: Nederlands Dans Theater NDT 2 mit „Wir sagen uns Dunkles“ von Marco Goecke und „Folkå“ von Marcos Morau
Das NDT2 (Nederlands Dans Theater 2) zeigte sich mit der Aufführung von zwei Arbeiten der beiden weltweit gefragten Choreografen Marco Goecke und Marcos Morau seiner Gründungs-Intention als Nachwuchs-Kompanie und Talent-Schmiede für das NDT1 längst entwachsen. Mit „Wir sagen uns Dunkles“ und „Folkå“ riss das Ensemble der auch für das NDT1 verantwortlichen künstlerischen Leiterin Emily Molnar das vollbesetzte Festspielhaus St. Pölten zu Begeisterungsstürmen hin.
Bereits im November 2017 wurde das von einem Briefwechsel zwischen der österreichischen Dichterin Ingeborg Bachmann und dem deutschsprachigen Lyriker Paul Celan inspirierte Stück „Wir sagen uns Dunkles“ im niederländischen Den Haag uraufgeführt. Inzwischen mehr als 40 Mal weltweit gezeigt taucht es tief ein in verborgene, für die menschliche Existenz dennoch fundamentale Aspekte.

Marco Goecke: „Wir sagen uns Dunkles“ © Rahi Rezvani
In dynamisch wechselnden Konstellationen und Präsenzen stellen zehn Tänzerinnen und Tänzer das ins Licht, was von der Betriebsamkeit des Alltäglichen, der Strebsamkeit zielorientierter Lebensentwürfe und der Wirkmacht vermittelter Werte- und Glaubenssysteme ins Schattenreich der Seele verbannt wird. Vor dort aber sendet es dringliche, viel zu oft jedoch übergangene Signale seines Lebenswillens.
Entkleidet aller äußeren Merkmale von Persönlichkeit, Geschlecht, Alter, Herkunft und Status, alle zehn tanzen mit freien Oberkörpern respektive hautfarbenen engen Tops und mit Fransenleisten besetzten Hosen (die Kostüme stammen von Marco Goecke), erleben sie sich selbst individuell und in verschieden großen Gemeinschaften als auf die Essenz ihrer selbst zurück geworfene Wesen. Verletzlichkeit, Haltlosigkeit, Verunsicherung und (Sinn-) Suche dringen durch die schneidende Schärfe ihrer Bewegungen.
Zu Musik der Rockgruppe Placebo („Song to Say Goodbye“, „Slave to the Wage“ und „Loud like Love“), von Franz Schubert (Klaviertrio „Notturno“) und Alfred Schnittke (Klavierquintett „In tempo di Valse“) und im Licht von Udo Haberland, der die Quellen der die neblige, düstere Szenerie beleuchtenden Lichtkegel und Spots verbirgt, treten die Performenden wie die sie bewegenden emotionalen Impulse plötzlich in die Sicht- und Fühlbarkeit. Und genau so schnell auch wieder ab.

Marco Goecke: „Wir sagen uns Dunkles“ © Rahi Rezvani
Die Marco Goecke eigene Bewegungssprache, ein nervös unruhiger, aufgewühlter Duktus jenseits aller Erdenschwere prägt seinen Stil, wird in Soli, Duetten und Ensemble-Szenen zu Verkörperungen von um ihr Überleben ringenden Seelen, gefangen zwischen Wunsch und Wirklichkeit, Leid und Leidenschaft, Verdrängtem und Bewusstem, Tradition, Ererbtem und dem Aufbruch in Neues, Freieres, zwischen Romantik und spröd eigensinniger Selbstbehauptung
Zärtlichkeit ist Kampf und Krampf, Erotik verkommt zu bloßer Mechanik, und doch, oder gerade deswegen, berührt es in einem der Duette ganz besonders. Schnittke legt seine Töne dicht nebeneinander, disharmonisch wie die Nähe der Menschen. Eine lacht hysterisch, wütend. Ihre Angst wird greifbar, wie ihre Verletzlichkeit, Ungewissheit und Unsicherheit, ihre furchtsame, zögerliche Annäherung an sich selbst und den Nächsten. Sie taumeln ohne inneren Halt.
Nur Fragmenten des Selbst und der Welt wird Präsenz erlaubt unter dem Druck des Gefühls der eigenen Unzulänglichkeit. Der Imperativ „Atme! Glaube!“ leitet die Katharsis ein. Sobald man sich zur Ganzheit ermutigt, dazu, das zu ent-decken, was man bislang scham- und angstvoll versteckte, beginnt das Staunen. „Wow!“ entfährt dem letzten auf der Bühne im Angesicht seiner selbst. Das Stück mündet in eine Transformation der Selbstwahrnehmung des letzten Solisten.
Dessen „Wow“ repräsentiert das Ergebnis eines Perspektiven-Wechsels. Mit der Weitung des Blickwinkels rücken bislang unterdrückte, abgelehnte Aspekte und mit ihnen deren Wert für ihn ins Sichtbare. Der vordem durch negative Glaubenssysteme und transparente, selbstsabotierende Überzeugungen verstellte Blick auf die eigene Größe, Kraft und Schönheit entlockt dem Mutigen jenen Ausruf der Verwunderung.

Marco Goecke: „Wir sagen uns Dunkles“ © Rahi Rezvani
Mit diesem „Trotz alledem“, trotz des erlernten Selbsthasses, der Bindungsängste und der Schwierigkeiten zu lieben, sich und andere, trotz des geworfen Seins in eine Welt, die einen ablehnt, weist Marco Goecke auf das Vorhandensein von Optionen und unsere Verantwortung für unsere Wahl bezüglich unseres Selbst- und Weltbildes. So wird „Wir sagen uns Dunkles“ zu einem erhellenden Erlebnis. Der drückenden Schwere von Selbstzweifeln und Verzagtheit ist zu entkommen. Sofern wir den erlernten Fokus unserer Aufmerksamkeit verschieben. Rückhaltlos ehrlich.
Dieses Stück ist trotz seiner Dauer von nur etwa 25 Minuten von einer tendenziell ähnlichen emotionalen Intensität wie das nur zehn Minuten lange Duett „Midnight Raga“, das vier Wochen zuvor als Teil eines dreiteiligen Abends des Hessischen Staatsballetts an selber Stelle zu sehen war. Marco Goecke, seit 2000 schuf er mehr als 90 Tanzstücke, zählt zu den produktivsten und einflussreichsten Choreografen unserer Zeit.
Seinem „Wir sagen uns Dunkles“ folgte an diesem Doppelabend das atmosphärisch verwandte, das Publikum inhaltlich und ästhetisch aber in andere Sphären entführende Stück „Folkå“ des spanischen Choreografen Marcos Morau. Ebenso wie in den Arbeiten „Afanador“, mit der das Festspielhaus St. Pölten im September 2025 diese Spielzeit eröffnete, und in „Romeo+Julia“, gezeigt im März diesen Jahres, erwies sich Morau auch mit seinem dritten Gastspiel in dieser Saison als Meister der Gruppen-Choreografie.

Marcos Morau: „Folkå“ © Rahi Rezvani
Gleich gekleidet in wie folkloristische Uniformen anmutende weite schwarze Röcke und weiße Blusen von Silvia Delagneau erscheinen die zwölf Tänzerinnen und Tänzer des Ensembles hinter dem sich langsam hebenden Kasch als dicht gedrängte Gruppe im Nebel einer mystisch beleuchteten leeren Landschaft. Über die Klangfläche legt sich Chorgesang. Juan Cristóbal / Saavedra, Musiker, Komponist, Sänger und Produzent, verschmolz elektronische Musik, Perkussion und Gesänge des London Bulgarian Choir zu einem Soundtrack, der lebendige Tradition in die Moderne einwebt.
Einen entscheidenden Beitrag leistete der international renommierte Licht- und Set-Designer und Fotograf Tom Visser. Seine Licht-Installation schafft Räume, Atmosphären und am Ende eine kosmische Dimension von immer wieder beeindruckender Wirkung. Visser unterstützt nicht nur das Sujet, er kreiert eine visuelle Erzählung auf ästhetisch herausragendem Niveau. Eine sich herab senkende Lichtzeile zum Beispiel wird zum vieldeutigen Symbol für die unterdrückende Gewalt herrschender Mächte, Umstände und eigener Überzeugungen.
Mit denen umzugehen müht sich das tanzende Volk. Mit den Köpfen wackelt dieser Organismus, bewegt sich einer Amöbe ähnlich in engen Formationen mit variierenden, Tentakeln gleichenden Ausstülpungen seines Körpers. Wellen gehen durch diesen Körper, Einzelne werden herausgehoben oder entfernen sich aus der Gruppe, um bald wieder von dieser verschluckt zu werden. Das Individuum als Träger progressiver Kräfte ist Teil dieser der Tradition verhafteten, Schutz bietenden Gemeinschaft, aber auch ihr Störer als Fremder und wandelndes Moment.
Im Einzelnen prallen Individualität und der Wunsch nach Zugehörigkeit aufeinander. Die Gemeinschaft schwebt zwischen Tradition und Fortschritt. Der Kampf um Zusammenhalt, um Bewahrung von Erbe, Wissen und Glaube wird in rituellen Tänzen mit faszinierender Stellungsarbeit zum zentralen Anliegen dieser Allianz. Ausbrüche Einzelner vermögen kurz zu irritieren. Bis der Tod Kerben in diese ländliche Kommune schlägt. Deren Rituale allerdings fangen den Schmerz auf.

Marcos Morau: „Folkå“ © Rahi Rezvani
Das Sterben und den Tod als integralen Bestandteil des Lebens zu begreifen ist uns Mitteleuropäern abhanden gekommen. Jugendlichkeits-Wahn, Longevity und die Aussicht auf ewiges digitales Leben verdrängen auch die Reste noch von physischer Endlichkeit aus dem Bewusstsein der Masse. Sie ist schon grotesk, die stiernackige Verleugnung des Unausweichlichen.
Moraus Tänzer aber haben keine Angst. Sie wissen um ihre Vergänglichkeit, begleiten Sterbende mit Respekt und Fürsorge und feiern ein gewesenes Erdenleben voller Dankbarkeit. Sie haben uns eines voraus. Einmal sticht ein heller, fokussierter Lichtstrahl aus dem Himmel senkrecht in die Dunkelheit. Es ist wie Gottes Wille, der sich den Menschen kundtut. Und seine Gnade, die sich über sie ergießt. Dann drücken Gottesfurcht, Mächtige, Ohnmacht und ihre Überzeugungen von sich selbst sie nieder.
Folklore wird zu Selbstermächtigung, Glaube und Gemeinschaft sind der Halt für diese „kleinen“, vom Mühsal geplagten Leute, Rituale schweißen sie zusammen, Mythen und Legenden pflastern ihren Weg in die Zukunft. Der beginnt mit Auflehnung. „Nani Nani!“ skandieren sie und schauen das Licht dort oben. Hoffnung und ihr sehnsuchtsvoller Glaube an Erlösung tragen sie, ein Trauer-Ritual tröstet und eint. Aus der Trauer schöpfen sie Kraft.
Aus der Rückwand beginnen kleine Scheinwerfer in den Saal zu strahlen. Immer mehr. Bald ist es ein schwarzer Kosmos voller Sterne, die ihr Licht auf uns werfen. Als würden die Ahnen uns mit ihrem Licht beschenken und sagen wollen: „Habt keine Angst! Das Leben ist ewig.“ Unten, als Schatten nur noch vor dem finstren Firmament, drehen sich zwölf Menschen wie Kreisel, stellen ihre weiten Röcke aus zu rotierenden Kegeln. Sufis bei der Arbeit: Innerlich gereinigt und während der direkten Erfahrung von Gott. So geht es unendlich weiter. Nur der sich langsam senkende Vorhang trennt uns von ihnen.

Marcos Morau: „Folkå“ © Rahi Rezvani
„Folkå ist ein Lied an das Leben, eine Nacht des Opferns und des Feierns.“ So Marcos Morau selbst über sein im November 2021 in Den Haag uraufgeführtes und seit dem weltweit bereits über 60 Mal gezeigtes Stück. Aus Musik, Tanz und Licht gerinnt ein fantastisches, mit seiner spirituellen Dimension einzigartiges Kunstwerk, integrativ im umfassendsten Sinne und beachtenswerte Vision für die Korrektur unserer Wertesysteme.
Das NDT2 begeisterte mit seiner technischen Meisterschaft. Die insbesondere im ersten Stück sichtbare emotionale Expressivität der Einzelnen und des Ensembles erreichte das Publikum direkt. „Folkå“ hingegen adressierte mit Choreografie, Musik und Lichtdesign eine noch höhere, spirituelle Ebene. Die stehenden Ovationen und die lauthals offenbarte Euphorie des Publikums überraschten wohl auch die Kompanie ein wenig.
Das Nederlands Dans Theater NDT 2 mit „Wir sagen uns Dunkles“ von Marco Goecke und „Folkå“ von Marcos Morau am 09.05.2026 im Festspielhaus St. Pölten.
Rando Hannemann

