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ST. PÖLTEN/ Festspielhaus: Marcos Morau . Opera Ballet Vlaanderen . Tonkünstler-Orchester: „Romeo + Julia“

09.03.2026 | Ballett/Performance

ST. PÖLTEN/ Festspielhaus: Marcos Morau . Opera Ballet Vlaanderen . Tonkünstler-Orchester: „Romeo + Julia“

 Das Schwert, mit dem ein junger Mann, der Unschuld der Kindheit bereits entwachsen, immer wieder durch die Szenen geistert, schwebt drohend über dem, was Liebe werden kann. Zwei Kinder schauen auf die vergiftete Welt der Erwachsenen, die Welt ihrer eigenen Zukunft und die unser aller Vergangenheit. Marcos Morau zeichnet mit seinem „Romeo + Julia“, dem zweiten seiner drei Gastspiele in dieser Saison des Festspielhauses St. Pölten, ein düsteres Bild von einer in einem endlosen Strudel von Gewalt gefangenen Menschheit.

 Eine dicht gedrängte, verängstige Masse schiebt langsam den Vorhang zu Seite und dahinter ein riesiges Kirchenfenster vor sich her. Lukas Hellings legt mit elektronischem Sound eine dunkle, drohende Fläche aus. Mit diesem initialen Bild werden lange Traditionen und konkrete historische Wurzeln wie die Heilige Inquisition und die anhaltende psychische und sexuelle Gewalt der katholischen Kirche eingeführt. Das aus 28 Tänzerinnen und Tänzern des Opera Ballet Vlaanderen und zwei Kindern bestehende Ensemble ist in schwarze Kostüme (von Silvia Delagneau) gehüllt.

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Marcos Morau: „Romeo + Julia“ (c) Danny Willems

 Düster auch sind die Atmosphären der vielen Szenen, die, anders als der Titel suggerieren könnte,

eben nicht die berühmte Geschichte von William Shakespeares Liebenden nacherzählen. Der in dieser Tragödie und in der gleichnamigen, das Genre prägenden Ballett-Musik Sergej Prokofjews

enthaltenen Gewalt spürt der spanische Weltklasse-Choreograf Marcos Morau nach. Er extrahiert sie aus der Handlung, den Situationen und der Komposition und übersetzt sie in eine Choreografie von Zuständen. Moraus „Romeo + Julia“ wird so zu einer Innenschau, die die Triebkräfte der Charaktere und die von deren Handlungen zum Gegenstand dieses 80-minütigen Bühnenereignisses macht.

 Max Glaenzel schuf ein Bühnenbild, das von einer zentral installierten Kreisfläche und darüber hängenden, absenkbaren kreisförmigen schwarzen Vorhängen, die enthüllen und verbergen, halbrunden weißen Rückwänden, die wie fokussierende Spiegel das Geschehen vor ihnen beleuchten, und seitlich auffahrbaren Klein-Tribünen für außen stehende Beobachter, vor allem die Kinder, dominiert wird.

 Der Kreis ist Symbol für Stagnation trotz Rotation, er ist Reaktor und Manege für die Emotionen der als Vielheit erscheinenden Figuren. Ein in eine Rüstung gestecktes Pferd als mächtiger Verbündeter im Kampf und doch seinen Instinkten nach ein Fluchttier, immer wieder Kerzen auf Kandelabern als sakrale Wegweiser, Mahner und Segnende zugleich (die Doppelmoral des Klerus beißt sich in die Herzen), und ein von außen hell erleuchtetes Kirchenfenster, dessen Licht da draußen unerreichbare Liebe und verunsichernden Frieden verheißt, reichern das eh schon äußerst dichte Stück nochmals an.

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Marcos Morau: „Romeo + Julia“ (c) Danny Willems

 Die immer schwarzen, auch gewechselten Kostüme, zuweilen an Ritterrüstungen und gleichzeitig an Science-Fiction-Krieger erinnernd, machen keinen Unterschied zwischen den verfeindeten Familienclans oder den vervielfältigten Hauptfiguren des Shakespeare’schen Dramas. Jeder wird jedem und jeder zum Feind oder Gegner, jeder sieht jedem und jeder zum Verwechseln ähnlich. Er und sie sind austauschbar. Sie sind sich wie ein Spiegelbild, sind das Ergebnis ihrer Projektionen. Was draußen bekämpft wird, ist das Dunkle, das Abgelehnte in ihnen selbst.

 Verdrängt und unbewusst in den Seelen der Einzelnen und in Gruppen-Psychen schlummernd, verheißt die Selbstanschauung einen unerträglichen Schmerz, der als feindliches Ebenbild im Außen mit überbordender Gewalt bekämpft wird. Damit weist Morau einerseits auf deren Ursachen, andererseits auf Ansatzpunkte für den Kampf gegen sie. Die Universalität des Phänomens ist verstörend. Ob individuell als wilde Autoaggression, in vielen von einer aufkeimenden Nähe in die Gewalt kippenden Zweisamkeiten oder Gruppen unterschiedlicher Größe, alle sind gegen jeden, jeder ist gegen sich selbst. Und die Liebe wird auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

 Handwerklich ist „Romeo + Julia“ meisterlich umgesetzt. Morau zeigt sich ein weiteres Mal als Autorität für Gruppen-Choreografie. Nicht weniger drängend aber sind die getanzten Duette. Nähe kippt unweigerlich in Aggression, Berührung in Gewalt. Seine gestischen Kunstgriffe, die Gliedmaßen wie eigenständige Elemente als triebgesteuerte, dem tiefsten Inneren widersprechende Handelnde und die Köpfe in irrwitzig kantigem Schwung als Gedanken-Maschinen, gepeinigt von moralisch-ethischen Normativen und diesen zuwiderlaufenden Instinkten, agieren zu lassen, übersetzt das in jedem Einzelnen auf mehreren Ebenen sich abspielende Drama ins Physische.

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Marcos Morau: „Romeo + Julia“ (c) Danny Willems

 Der Gruppenkörper repräsentiert ein machtvolles kollektives Unbewusstes. Das Marionettenhafte ihrer Bewegungen steht für gruppendynamische Prozesse in einem System, das ihnen Gewalt aufzwingt. Und trotzdem: In all der Gewalt bleiben die Figuren verletzlich und zerbrechlich.

 Die Musik, meisterlich interpretiert durch das Tonkünstler-Orchester unter der Leitung von Gavin Sutherland, betont die der Komposition innewohnende Gewalt mit Präzision und eindringlicher Schärfe. Auszüge aus der insgesamt 120 Minuten langen Ballett-Musik Prokofjews, für die Musizierenden und die Tanzenden anspruchsvoll wegen ihrer komplexen Rhythmik und verwegenen Harmonik, werden mit elektronischem Sound durchsetzt, der dunkle, bedrohliche Stimmungen ergänzt.

 Diese Klangkulisse wächst gemeinsam mit dem Tanz, der Bühne, dem Lichtdesign von Bernat Jansà und den Kostümen zu einer aufwühlenden Inventur menschlicher Triebkräfte und Handlungsmaximen. Morau zeigt eine Umwelt, die Liebe als Bedrohung wahrnimmt, die jeden Impuls von Empathie im Keime erstickt und in der menschliche Wärme ihre heilende Kraft verloren hat.

 Gewalt ist dem Menschen und der menschlichen Gesellschaft wesensimmanent. Mit dieser Analyse bewegt sich Marcos Morau in einer Gemeinschaft von Kunstschaffenden, die mit ihrem aller Romantisierungen entkleideten Blick die Geschichte der Menschheit als eine Geschichte der Gewalt erkennen und deren Jahrtausende währende Kontinuität auch für die Zukunft antizipieren. Zeitalter, Kontinente und Kulturen jeglicher Couleur sind vom Streben nach Macht und Überlegenheit und von Gewalt geprägt.

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Marcos Morau: „Romeo + Julia“ (c) Danny Willems

 Und die Gegenwart? Zur Zeit der Uraufführung des Stückes im März 2025 in Gent wurde der Gaza-Streifen zu einem unbewohnbaren Trümmerfeld zerbombt. Jetzt, zur Österreichischen Erstaufführung hier in St. Pölten, erleben der Iran, Israel, die Golfregion und der Libanon kriegerische Auseinandersetzungen. Immer aber und überall existiert die Gewalt im Kleinen, die zwischen Individuen und Gruppen. Im Schatten der großen Konflikte schafft sie deren Berechtigung.

 Die Gewalt gegen Frauen ist ständiger Begleiter der Menschheit. Morau thematisiert auch diese. So wie er variantenreich viele Spielarten von Konflikten zwischen Individuen, Gruppen, Ideologien und Glaubenssystemen choreografiert, Konflikte, die in den kleinsten Zellen der Gesellschaft ihren Anfang nehmen. Verunsicherung und Zweifel keimen ebenso wie Hysterie, wütende Trauer und Fassungslosigkeit über den Wahnsinn.

 Die finale Begräbnisszene in Prokofjews Komposition ist die Abtrennung von der kindlichen Unschuld und der angeborenen Freundlichkeit und Liebe und zugleich die damit induzierte Sehnsucht nach ihnen. Andererseits isoliert sie die Gewalt im Zentrum der Bühne. Das Ensemble ist gefangen in einem Rondell aus Kirchenfenstern und versucht vergeblich, Kontakt zu den außen stehenden Kindern und damit zu ihrem eigenen Ursprung aufzubauen. Sie begraben jede Hoffnung, alle Zuversicht und das Vertrauen in den aufklärerisch postulierten Kern des Menschseins im ewigen Kreislauf der Gewalt, erhoben in den Status einer Religion als Symbol der die Menschheit dominierenden Macht.

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Marcos Morau: „Romeo + Julia“ (c) Danny Willems

 Hass und Gewalt in Marcos Moraus „Romeo + Julia“ erscheinen grund- und ziellos. Wie ein selbstreferenzielles System durchdringen sie die Gesellschaft und jedes ihrer Individuen. Nicht allein das Stück wühlt auf. Es ist die Treffsicherheit der Analyse, die ge- und erlebte Liebe wie ein seltenes Leuchten aus der Primitivität einer archaischen Seinsweisen verpflichteten Gesellschaft erscheinen lässt. Sie steht nicht vor dem Abgrund, sie ist tief drinnen. Auch das Opera Ballet Vlaanderen trägt mit hochkarätiger Ensemble-Leistung und vielen herausragenden solistischen Beiträgen bei zu diesem visuell und musikalisch ergreifenden, erschütternden und nachhaltig bewegenden Meisterwerk.

 Marcos Morau . Opera Ballet Vlaanderen . Tonkünstler-Orchester mit „Romeo + Julia“ am 07.03.2026 im Festspielhaus St. Pölten.

 Rando Hannemann

 

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