ST. PÖLTEN/ Festspielhaus: Joachim Schlömer mit „Rauschen oder der Nachhall der Tage“
Das Leben rauscht an uns vorbei, die Zeit in ihrem unerbittlichen Vorwärtsdrang treibt uns durch Stadien und Stufen. All das geschieht in einem ständigen Kreislauf kontinuierlicher Erneuerung. Wie sich der Einzelne darin positioniert, ist Ergebnis seiner Wahl. Und aus dem Hintergrund berührt uns Gewesenes mit seinem Nachhall. Bis in den Tod und darüber hinaus. Diese Festspielhaus-Koproduktion, hier an zwei Abenden gezeigt, taucht ein in die Wunder von Zeit, Vergänglichkeit und Erneuerung.
Er holt das Publikum mit auf die Bühne, ganz nah zu den sechs, die dort eine Allegorie auf das Leben tanzen. Joachim Schlömer führt mit der Österreich-Premiere seines 2022 als One-Man-Show entstandenen Tanzstückes „Rauschen oder der Nachhall der Tage“ in viele Ebenen unserer irdischen Existenz. Die live präsentierte Musik, Janiv Oron mischt seine Kompositionen und solche von Kali Malone, wird zur Triebkraft dieser eineinhalbstündigen Arbeit.

Joachim Schlömer: „Rauschen“ (c) Brigitte Faessler
Die US-amerikanische Komponistin und Organistin Kali Malone verschmilzt Klänge analogen und digitalen Ursprungs zu minimalistischer Musik, die jenseits aller Eindruck schindenden Virtuosität mit Farbe, Struktur und Folge der Klänge tief in uns schlummernde Sehnsüchte, Verletzungen und Hoffnungen artikulieren. Der israelisch-schweizerische Medienkünstler und DJ Janiv Oron ergänzt seine Live-Performance dieser Musik mit eigenen experimentellen elektronischen Sound-Kreationen zu einer Klanglandschaft voller Spiritualität und Emotionalität.
Neutral, ohne Geschlecht und Identität, lassen die schwarzen Kostüme von Anne-Sophie Raemy die fünf Frauen und den einen Mann auf der leeren, nur von den Zuschauenden an drei Seiten gerahmten Bühne (Raum und Licht: Joachim Schlömer, Andreas Greiner, Anne-Sophie Raemy) erscheinen. Nackte Arme, später nackte Beine, oder komplett verhüllt mit Kapuzen, strahlen die sechs doch aus, was sie sind und woher sie kommen.
Inhomogen bezüglich Alter und kulturellen und tänzerischen Herkünften finden sie sich zu einem physisch und mental äußerst fordernden Tanz von Gemeinsamkeit und Individualität. Der Kreisel, den eine von ihnen zu Anfang wiederholt in ihrer Mitte rotieren lässt, bis er taumelt und fällt, wird zum metaphorisch aufgeladenen Initiator des dann Folgenden. Sie treffen sich, synchron mit ausladenden Bewegungen im Kreis gehend.

Joachim Schlömer: „Rauschen“ (c) Brigitte Faessler
Das Zirkulierende war für den Choreografen Joachim Schlömer ein zentrales Bild für die ständige Erneuerung. Die Musik leitet zeitlich und energetisch durch die dramaturgisch grob strukturierte Choreografie. Das tänzerische Geschehen wird wesentlich von den Freiräumen, die Schlömer seinem Ensemble öffnet, bestimmt. Wer sich wann und ob überhaupt aus einer Kreisbewegung verabschiedet und an den Rand tritt oder mit individuellem Material tätig wird, entscheiden die sechs weiträumig selbst.
Einzelaktionen werden wiederum zu Signalen für andere, die Bewegungen kopieren, imitieren, zeitlich verzögern, variieren, irgendwann ausklingen lassen. In wechselnden Konstellationen, Aktivitäts-Niveaus und Führungs- und Folge-Rollen spielen sie mit der Gemeinschaft, der Individualität und der Beziehung beider zueinander.
Was der Sog der treibenden Zeit mit einem und allen macht, was Innehalten und Besinnung bewirken, wohin Getriebensein und Hingabe an den Moment ohne Vergangenheit und Zukunft führen, was ein sensibles Miteinander ermöglicht und, vor allem, welche Räume die Anerkenntnis der Freiheit des Einzelnen öffnet, zeigen sie in diesem hoch dynamischen, erdigen Tanz.

Joachim Schlömer: „Rauschen“ (c) Brigitte Faessler
Mit Variationen des Tempos, verdichteten und gelichteten Momenten, mit Gleichklang und Kontrapunkt, mit Zyklen, aktiven und (nur physisch) inaktiven Intermezzi unterschiedlicher Dauer, mit verschieden vielen Wiederholungen und in diese integrierten Veränderungen geben sie der Zeit ein vielgestaltiges Gesicht und Gewicht. Immer aber lebt Vergänglichkeit in ihrem Tun, stirbt Seiendes, um Neuem seinen Anfang zu ermöglichen. Denn wenn sie kreiseln um ein gemeinsames Zentrum oder jeder nur um seines, ist’s wie ein Totentanz, der kreißt.
Sie tanzen Schwingungen unterschiedlicher Frequenz und Amplitude, sie kommunizieren vornehmlich per Resonanz und Dissonanz, verstärken Energieniveaus oder lassen Koexistenz zu. Auch zwischen Tanz und Musik entwickeln sich dynamisch gestaltete Konversationen. Bewegungs- und klangliche Rhythmen synchronisieren und entkoppeln sich, laufen nebeneienander. Wie auch Energielevel. Zuweilen, um sich auf einer anderen Ebene wieder zu begegnen.
Und Text setzt er ein. Worte, auf die rückwärtige Leinwand geschossen wie Maschinengewehr-Salven, reden von Resonanzräumen und fragen, wer ich sein kann. Und wann. Zum Beispiel. Ein so beschriebener gedanklicher Hintergrund ergänzt die Irrationalität der tänzerischen Performance um philosophische Betrachtungen, fügt den vielen Ebenen weitere hinzu und öffnet gleichzeitig Assoziationsräume.

Joachim Schlömer: „Rauschen“ (c) Flavio Cavaleri
Ein feinerer, aus dem Hintergrund wirkender Aspekt ist der des Nachhalls. Die Hinterlassenschaften von Begegnungen und Begebnissen, was noch klingt in uns lange nach jedem Tod, den wir im Laufe unseres Lebens sterben (denn jeder Abschied, jeder Verlust, jede Trennung sind ein Tod für sich), das wird Teil des in den Verliesen unserer Seele vernehmbaren Rauschens, des Basisgeräusches unseres Lebens.
Im Zusammenwirken von Tanz, Musik, Licht und Text entsteht so eine vielschichtige Metapher für das Leben. Ganz Alltägliches, Philosophisches, Psychologisches und sogar Physikalisches, wenn die Quantenfluktuation ihr tänzerisches Abbild auf der Bühne findet, werden so zu einem dichten Gewirk verwoben, das unsere Wirklichkeit spiegelt, ihr einen Grund gibt, sie umfängt und sie letztlich transzendiert.
Joachim Schlömer, Tänzer, Choreograf, Regisseur für Schauspiel, Film und Oper, Direktor verschiedener Tanztheater, so in Ulm, Weimar und Basel, von 2009-2013 künstlerischer Leiter des Festpielhauses St. Pölten, bestrebt um Inter- und Transdisziplinarität, ist vornehmlich in der Schweiz tätig. Seine Wahrnehmung des Lebens als eines in fünf Phasen (Geburt, volles Leben, Altern, Krankheit und Tod) ist nicht die Geschichte dieses Stückes.

Joachim Schlömer: „Rauschen“ (c) Brigitte Faessler
Und doch vernimmt man ein Schimmern hier und dort, das zum Ende hin deutlich in ein Sterben mündet. Hier erreicht diese hervorragend getanzte, vertonte und beleuchtete Arbeit ihren auch emotionalen Höhepunkt. Musik und Tanz verstärken sich gegenseitig (Resonanz at its best) zu einem bewegenden Finale des Stückes und des Lebens. Langer Nachhall in berührten Seelen garantiert.
Es bleibt ein Gefühl von individueller Freiheit, die den Gemeinsinn nicht konterkariert. Vielleicht klingt „Rauschen oder der Nachhall der Tage“ auch wie die in uns allen wohnende Sehnsucht nach einer Gesellschaft, die Geborgenheit vermittelt jedem Einzelnen, die willkommen heißt alles, was wir sind, und die wächst an jedem ihrer Glieder.
Joachim Schlömer mit „Rauschen oder der Nachhall der Tage“ am 20.02.2026 im Festspielhaus St. Pölten.
Rando Hannemann

